Streit auf dem Oktoberfest Eine "Schelln" mit Todesfolge

Bei einem Streit auf dem Münchner Oktoberfest ist ein Mann vergangenes Jahr tödlich verletzt worden.

(Foto: dpa)
  • Ein Gerüstbauer soll auf der Wiesn 2018 im Raucherbereich des Augustiner-Zelts mit einem 58-jährigen Fürstenfeldbrucker gestritten haben.
  • Der mutmaßliche Täter soll den 58-Jährigen dann mit solcher Wucht geschlagen haben, dass dieser später den Verletzungen erlag.
  • Nun steht der Gerüstbauer vor Gericht.
Aus dem Gericht von Susi Wimmer

Ganz langsam geht die rechte Hand nach vorne zu dem imaginären Gegenüber, und Thomas B. sagt bei seiner Demonstration vor dem Richterpult, dass er dem anderen mit dem Handballen lediglich "a ausg'hoide Schelln" gegeben habe. So soll das also gewesen sein, an jenem Wiesn-Abend 2018 im Raucherbereich des Augustiner-Zelts. Für einen 58 Jahre alten Fürstenfeldbrucker endete dieser Abend tödlich.

Durch die Wucht der angeblichen "Schelln" erlitt der Mann so schwere Hirnblutungen, dass die Ärzte gut eine Stunde nach dem Vorfall nur noch seinen Tod feststellen konnten. Seit Freitag steht B. nun vor dem Landgericht München I. Staatsanwalt Laurent Lafleur wirft dem 43-jährigen Gerüstbauer vor, dass er mit einem gezielten und äußerst massiven Faustschlag gegen den Kopf des Mannes die tödlichen Verletzungen verursacht hat.

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Thomas B. wirkt vor dem Schwurgericht unter dem Vorsitz von Elisabeth Ehrl wie ein tapsiger Bär. Breitschultrig, kräftig und irgendwie unbeholfen. Und doch scheint hinter der Fassade noch etwas anderes zu stecken. Der 43-Jährige sagt Sätze wie: "Es tut mir furchtbar leid, aber was soll ich machen?" Oder, befragt nach seinem ausufernden Alkoholkonsum und seiner Therapiewilligkeit: "Ich hab kein Problem, wenn ich nichts trinke, aber es schmeckt halt." B. will sich am ersten Prozesstag äußern, zu seinem Leben und zum Abend der Tat. Er tut das offenbar schonungslos, und doch auch kalkuliert.

Mit fünf bis sechs Bier am Tag fühle er sich "normal" und alltagstauglich. Es könnten auch mal 15 Halbe sein. Und es soll schon Tage gegeben haben, wo er gar nichts getrunken habe. So gesehen war Thomas B. bei seinem Wiesn-Besuch am 28. September 2018 nahezu nüchtern. Dreieinhalb Halbe habe er ab 13 Uhr bis zum späten Nachmittag getrunken, dann sei er mit dem Taxi los. Mit den Kollegen aus seiner Firma habe er bis etwa 22 Uhr drei Mass gestemmt, "und immer wieder Limo nachgeschüttet".

Er habe sich "leicht angestochen, aber nicht betrunken" gefühlt. Draußen, im Raucherbereich vor dem Augustiner, habe er den Arm um die hübsche Frau eines Arbeitskollegen gelegt und sei mit einem Mann ins Gespräch gekommen. "Ich hab gesagt, dass ich mit der Frau seit 18 Jahren verheiratet bin", erzählt Thomas B. Der Fürstenfeldbrucker habe das nicht geglaubt und gesagt: "Du bist doch eh ned verheiratet, wir können sie doch teilen. Ein Dreier." Dazu habe er ihm zweimal auf die Brust "getatscht". Es sei auf einmal "vom Lustigen ins Ordinäre und Nervige" gegangen. "Dann hob i auszog'n."

Nach dem Schlag taumelte das Opfer, ein Arbeitskollege stellte sich vor B. "Ich hab ihn rückwärts stolpern sehen", sagt der Schläger. Kurz darauf habe der Mann wieder gestanden und seine Brille aufgesetzt. "Dann bin ich gegangen." Als er noch um die Ecke schaute, sah er zwei Polizisten im Raucherbereich. Da habe er sich gedacht, "erst frech und dann noch Bullen holen". Was B. wohl nicht mehr sah, war, dass sein Opfer kurz darauf zusammenbrach und das Bewusstsein verlor. Erst am nächsten Tag habe er von seinem Chef erfahren, dass der Mann gestorben sei. Daraufhin habe er sich gestellt.

Die Vita von Thomas B. klingt wüst. Lehren abgebrochen, Haschisch, Heroin, jede Menge Alkohol, täglich angstlösende Tabletten, Schmerzmittel. 2012 war er plötzlich ein Jahr lang nicht mehr arbeitsfähig aufgrund massiver Panikattacken. Er war in der Fußballszene mit den "Löwen" unterwegs, stand etliche Male vor Gericht wegen Landfriedensbruch, Körperverletzung, Bedrohung, und saß dreieinhalb Jahre im Gefängnis. Mit seiner zweiten Ehefrau schien er die Kurve bekommen zu haben, zumindest so weit, dass er in seinem Job funktionierte. Was ihn wohl zusammenhielt, waren Tabletten und Alkohol. "Können Sie sich ein Leben ohne Bier vorstellen?", fragt ihn Richter Matthias Gröschel. "Mia san in Bayern", antwortet B. Der Prozess wird im Juli fortgesetzt.