Wiesn-Kolumne Achtung, handyaffine Blindgänger!

Nicht nur bei "Pokemon Go"-Treffen, wie hier im Juli, greifen viele Münchner auf der Straße zum Smartphone, sondern auch, um unterwegs Nachrichten zu lesen oder E-Mail zu beantworten.

(Foto: Robert Haas)

Unser Kolumnist wundert sich, wie weltvergessen viele Münchner mit dem Smartphone in der Hand durch die Stadt stolpern - und empfiehlt die Wiesn als wunderbaren Ort, sein Handy zu verlieren.

Kolumne von Manfred Schauer

Es heißt ja, wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit. Aber muss man unbedingt den Zeitgeist in allen Facetten bis hin zur Selbstgefährdung ausleben? Mit staunender Sorge schau ich mir die Mitbürger an, die sich völlig losgelöst vom Hier und Jetzt durch die Welt bewegen.

Die Bedürftigen der permanenten Information sind so gut wie überall auszumachen. Es sind die Benutzer, sogenannte User, von Ei-Smart- Tele- und sonstigen Phones, die bei näherem Hinschauen mitunter schon bedenklich autistisch wirken. Menschen werden erstaunlich schnell zum Gewohnheitstier, abhängig von und hilflos ohne Mobiltelefon. Für Jugendliche im Pubertätsalter ist der Entzug desselben oder auch nur die Androhung dessen die größte aller denkbaren Strafen. Dagegen war der Rohrstock eine Geste der Nächstenliebe.

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Ganz klar, die Dinger sind unverzichtbar geworden. Aber, liebe Freunde per pedes, wenn die Geräte in den Fingern den Horizont auf 40 Zentimeter begrenzen oder auch erweitern, dann wird's ungut. Die Leute irrlichtern durchs Stadtgefilde, total entrückt. Erfüllt vom enormen Stress, alles sofort, gleich und egal wo zu erfahren oder zu teilen. Der postmoderne Mensch reduziert sich in seiner Alltagswahrnehmung neuerdings recht gerne auf das, was er in der Hand hat.

Stehenbleiben und lesen oder tippen? Kaum jemand, der überhaupt nur auf die Idee kommt. Von 13-jährigen Schülern, die sich gerade die Akneberatung herunterladen, über wuselnde Hausfrauen und innerstädtische Dauerläufer bis zum x-beliebigen Schlipsträger (dazu gehören eigentlich auch noch tippende Autofahrer oder einhändige Radler): Jeder muss jetzt, unbedingt und sofort erfahren oder versenden, was zehn Minuten danach schon viel zu spät wäre. Will man als praktizierender Gutmensch zum Beispiel Vollpfosten vor Laternen warnen, schauen sie auf, verstört wie aufgeweckte Schlafwandler.

Dass die Münchner gefälligst flanieren sollen, damit und weil sie ja keine gemeinen Fußgänger sind, wird ihnen bei jeder Umwidmung einer innerstädtischen Straße, die heißt dann Flaniermeile, eingebläut. Die handyaffinen Blindgänger aber, die wollen nicht flanieren, weil's ihnen wurscht ist, wie die Gegend ausschaut.

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Weltvergessen, kreuz und quer über den Radlweg, auf die Fahrbahn, die Rolltreppe, bleiben sie bei Grün stehen oder stolpern gern mal über einen Randstein, ab und zu auch über einen Kinderwagen. Kopf hoch bekommt eine völlig neue Bedeutung! Unglaublich, aber wahr, für diese Wesen gibt es nun sogar Bodenampeln. Was für Ausgaben, nur um die Irrläufer vor sich selbst zu schützen.

Und richtig interessant wird's dann immer auf der Wiesn. Ich glaub, da bekämen manche auf der Festwiese nicht mal mit, wenn die Brauereigespanne von Eseln oder Huskys gezogen würden, das sieht man später, auf dem Display. Hantig wird's, wenn der Filmemacher in spe sich ins etwas größere Karussell setzt.

Also, ich persönlich schätze die Zahl der abhanden gekommenen Handtelefone während der Wiesn auf gut und gern tausend Stück inklusive auf natürlichem Weg im Fahrgeschäft verlorene, vergessene, verpfändete, verlorene, im Suff verschenkte oder auch geklaute.

Ich sag's im Ernst, so ein Verlust ist bitter, das wünscht man niemandem, auch ich nicht. Aber egal, ob Wiesn oder Alltag, ich denke, glaube und fürchte, der gemeine Spaziergänger ist ein Auslaufmodell.

"Schichtl" Manfred Schauer auf dem Oktoberfest in München, 2014

Der Autor: Seit 1985, also seit mehr als 30 Jahren, betreibt Manfred Schauer, auf der Wiesn das Varieté-Theater Schichtl. Münchens Ex-OB Christian Ude soll einmal gesagt haben: "Eine Wiesn ohne Schichtl ist nicht denkbar. Der Schichtl ist so unerlässlich wie das Bier, der Radi und die Hendl." Der Schichtl sagt: Der Ude hat recht.

Die Serie: An dieser Stelle schreibt Manfred Schauer bis zum Oktoberfest immer freitags über seine Sicht auf München.