Wiesn Ein Königreich für einen Tisch!

Beste Kontakte zum Wirt, langjährige Treue und ordentlich Durst: Was man so alles braucht, um auf der Wiesn eine der begehrten Reservierungen zu bekommen.

Von Stephan Handel

Der Dödel wird Pech haben heuer, soviel ist klar. Und auch jener Zeitgenosse, hinter dessen Name "Nix Gscheids" steht auf Steffi Spendlers Computerbildschirm, dem wird, wie man in Bayern so sagt, der Schnabel sauber bleiben. Das heißt: keine Tischreservierung auf dem Oktoberfest 2011, nicht für den Dödel und nicht für Mister Nix Gscheids. Das haben sie jetzt davon.

Glücklich ist, wer auf dem größten Volksfest der Welt eine Tischreservierung ergattert.

(Foto: REUTERS)

Steffi Spendler ist die Herrin der Tische, im Löwenbräu-Zelt bearbeitet sie die Reservierungen, was ganz praktisch ist, denn sie ist die Tochter von Ludwig Hagn, der am 17. September zum 50. Mal als Wiesnwirt auf dem Festgelände einziehen wird. Hagn, 71 Jahre alt, sitzt in seinem Unionsbräu in Haidhausen und erzählt: Dass es 1961, als er erstmals die Verantwortung trug, so etwas wie eine Reservierung überhaupt nicht gab: "Die Leute haben am Nachmittag angerufen und g'sagt: Hebt's uns fürn Abend einen Tisch auf." Aber es wurde immer mehr, die Wiesn immer größer, und so hat er 1987 zum ersten Mal seine Stammgäste angeschrieben und das Angebot einer Reservierung unterbreitet - 250 Briefe gingen raus.

Schnell merkten sie, dass sie sich keinen Gefallen taten, wenn sie nur die Tische freihielten: die Belegschaft eines Kaufhauses kam mit 100 Mann - aber die Hendl brachten sie selbst mit. "Da hat meine Mutter gesagt: So geht das nicht", erinnert sich Hagn. Und so haben sie die Gutscheine eingeführt, zwei Maß Bier und ein halbes Hendl Mindestverzehr pro Person, das ist heute noch der Tarif. Am Anfang hat er die Bons noch eigenhändig unterschrieben, "aber wie's dann 17.000 waren, hab' ich aufgehört."

Heute wird die Unterschrift des Wirts auf den Bon gedruckt - fälschungssicher, versteht sich. Und auch sonst hat sich eine ganze Menge geändert, nicht nur zur Freude von Ludwig Hagn: "Als Gastronom will man's dem Gast ja recht machen. Aber dann rufen sie an, wollen einen Tisch im Zelt, und wir müssen ihnen sagen: Das geht nicht." Mittlerweile sagen sie's nicht einmal mehr, auch das wäre nicht zu bewältigen, denn rund 50 Mal am Tag kommt eine E-Mail dieses oder ähnlichen Inhalts: "Please make a reservation for my wife Mary and me in the non-smoking area." Die Erklärung, dass leider nichts, aber auch gar nichts zu machen sei, verschickt der Computer mittlerweile selbstständig.

Aber wie bekommt man überhaupt einen der hochbegehrten Tische? Wie gelangt man in die Stammgast-Datei von Steffi Spendler oder den anderen Wirten? "Am einfachsten ist es", sagt Peter Pongratz, Wirt im "Winzerer Fähndl", man gründet einen Stammtisch bei mir auf dem Nockherberg." Die Gäste, die ihm das ganze Jahr ihr Geld in sein Stammhaus tragen, kann ein Wirt zur Wiesnzeit nicht verprellen. Dazu kommt: Der Wirt mag es, wenn er die Leute kennt, "das musst steuern", sagt Pongratz. Deshalb ärgern sich Hagn, Pongratz und Kollegen auch so über die halblegalen, völlig überteuerten Angebote, die im Internet zu finden sind - da wissen sie nicht, wer kommt, wie die sich aufführen, ob's ein Dödel oder nix Gscheids ist.

Steffi Spendler verschickt den ersten Brief Mitte Januar. 3000 Adressen hat sie im Computer, 2000 werden angeschrieben: Sie hatten im letzten Jahr diesen Tag und diesen Tisch belegt, können wir Ihnen wieder anbieten, und so weiter. Die Antworten kommen postwendend. Von Ende Januar an ist für jeden Wiesn-Tag ein Ordner angelegt, der Briefverkehr mit allen Gästen für diesen Tag wird archiviert. Und damit ist dann auch schon Ende - das Zelt ist voll, jedenfalls jene Plätze, die die Stadt zur Reservierung freigibt: Unter der Woche muss ein Drittel des Mittelschiffs im Zelt frei bleiben, am Wochenende der ganze mittlere Bereich. Um diese Zeit, im Januar also, bekommen Anfragen eine vorsichtig formulierte Absage: Es sei nicht möglich, noch Neukunden aufzunehmen. "Das machen wir", sagt Steffi Spendler, "weil die Leute nicht verstehen wollen, dass wir im Januar schon ausgebucht sind."