Wiedereröffnung Warum sich ein Besuch der Alten Pinakothek jetzt besonders lohnt

Im Rubens-Saal, der im Obergeschoss der Alten Pinakothek die Mitte einnimmt, führt ein Rundbogen in den Flur der Kabinette. Links unten ist das Selbstbildnis von Rubens mit Isabella Brant in der Geißblattlaube zu erkennen.

(Foto: Johannes Haslinger)
  • In der Alten Pinakothek können von nun an alle Ausstellungsräume wieder besichtigt werden.
  • Nötig geworden ist die jahrelange Schließung der Pinakothek, weil bei den vorangegangenen Sanierungen schwere Fehler gemacht worden sind.
  • Jetzt wurde endlich eine Methode gefunden, mit der man das Tageslicht in idealer Dosierung in die Ausstellungsräume lenken und je nach Helligkeit mit Kunstlicht ergänzen kann. Der Effekt ist verblüffend.
Von Gottfried Knapp

Zwei der bedeutendsten Gemäldegalerien Deutschlands, die Galerie Alte Meister in Dresden und die Alte Pinakothek in München, sind in den letzten Jahren zur Hälfte geschlossen gewesen. Beide Häuser mussten nach ungenügenden Sanierungsarbeiten und Fehlplanungen in den Jahrzehnten zuvor dringend saniert werden. In beiden Fällen hat man sich zu einem ähnlichen Kompromiss entschlossen. Während der fälligen Ausbesserungsarbeiten wurde nur ein Flügel, also eine Hälfte des Museumsbau geschlossen, die andere Hälfte aber blieb für Besucher geöffnet.

Wenn der eine Flügel saniert ist, werden die Besucher in diesen fertiggestellten Trakt umgelenkt; der bis dahin offene Flügel aber wird für die Bauarbeiten geschlossen. In Gottfried Sempers Galeriebau am Zwinger in Dresden werden die Sanierungsmaßnahmen im zweiten Flügel noch bis 2019 andauern. In Leo von Klenzes Alter Pinakothek in München aber können vom heutigen Dienstag an alle Ausstellungsräume wieder besichtigt werden.

Freizeit in München und Bayern Das müssen Sie in München unbedingt sehen
Sightseeing

Das müssen Sie in München unbedingt sehen

Mit den Eltern ins Deutsche Museum, mit sportlichen Freunden aufs Olympiadach: Egal wer zu Besuch kommt, hier finden Sie das richtige Programm für jedes Wetter - und Tipps für die Kaffeepause.   Von Christina Rebhahn-Roither

Dürers Apostel können endlich wieder Madame Pompadour im Franzosensaal grüßen

Jedes Museum von Weltrang wird mit einigen notorisch bekannten Spitzenwerken identifiziert; auf sie will das angereiste Kunstpublikum auch bei partieller Schließung niemals verzichten. In der Dresdener Galerie ist Raffaels "Sixtinische Madonna" wohl das populärste Werk. Auf unvergleichlich festliche Weise wird dort das himmlische Beisammensein von heiligen Figuren gefeiert. Vor allem aber die beiden auf den unteren Bildrand gestützten Engelkinder, die so bezaubernd nachdenklich nach oben blicken, im Temperament aber deutlich unterschieden sind, gehören zu den beliebtesten und meistkopierten Geschöpfen der gesamten Kunstgeschichte.

In der Alten Pinakothek ist es vor allem das berühmte Selbstbildnis Dürers mit wallendem Haupthaar, das auch bei beengtesten Verhältnissen gezeigt werden muss. Da in den letzten Jahren der Ostteil der Pinakothek, in dem die Altdeutsche Malerei traditionell ihren Standort hat, geschlossen werden musste, hat man viele der dort beheimateten Werke im Haus umquartiert. Dürers Selbstporträt musste bis vor einigen Tagen noch im grün ausgekleideten Rembrandt-Saal gesucht werden.

Erst in dieser Woche ist es an seinen Stammplatz im grau ausgekleideten Saal der Altdeutschen zu Grünewald, Cranach, Altdorfer und zu den Schwesterwerken von Dürer zurückgekehrt. Aus diesem großen Saal am Ende der musealen Achse können die "Vier Apostel" von Dürer nun wieder die am anderen Ende des Museums zentral im Franzosen-Saal hängende Madame Pompadour grüßen. Sie wurde von Francois Boucher mehrfach porträtiert. Auf dem Großformat, das nach München gelangt ist, hat sie sich als modeprägende Schönheit und gebildete Kunstliebhaberin geradezu spektakelhaft in Szene gesetzt. Der historische und geografische Bogen, der in der Alten Pinakothek von Deutschland aus über Italien, Flandern und die Niederlande bis nach Frankreich und Spanien gespannt wird, ist jetzt, nach der Zusammenführung aller Sammlungsteile, erstmals wieder in seinem ganzen schimmernden Reichtum zu erleben.

Jan Vermeers Meisterwerk „Briefleserin in Blau“ ist in den kommenden Monaten als Leihgabe in München zu sehen.

(Foto: Rijksmuseum Amsterdam)

Nötig geworden ist die jahrelange Schließung der Pinakothek, weil bei den vorangegangenen Sanierungen schwere Fehler gemacht worden sind. Wie beim Bau der Pinakothek der Moderne hat der bayerische Staat auch bei der letzten Restaurierung der Alten Pinakothek durch zwanghafte Einsparungsversuche im fertiggestellten Bauwerk spontane Schäden verursacht, die irgendwann zu sehr viel höheren Preisen repariert werden mussten. So haben die Rouleaus, die in den Neunzigern im Oberlichtbereich der großen Säle höchst aufwendig über die gläsernen Staubdecken gezogen worden sind, nie funktioniert. Da man aber das Tageslicht nicht ungedämpft in die Räume fließen lassen konnte, blieben die Oberlichter ausgerechnet in jenem Museum, in dem dieses Beleuchtungsprinzip vor fast 200 Jahren zum ersten Mal erprobt worden ist, ständig geschlossen. Alle großen Säle mussten mit Kunstlicht erhellt werden.

Jetzt hat man endlich eine Methode gefunden, mit der man das Tageslicht in idealer Dosierung in die Ausstellungsräume lenken und je nach Helligkeit mit Kunstlicht ergänzen kann. Der Effekt ist verblüffend. Hat die Abfolge der großen Säle früher wie ein gleichmäßig ausgeleuchteter Tunnel gewirkt, so besitzt heute jeder Saal eine eigene Atmosphäre, ja die Räume wirken so, als seien sie plötzlich zum Himmel hin offen. Jede Wolke, die sich vor die Sonne schiebt, bewirkt eine Veränderung der Helligkeit. Doch dieser Wandel zwischen wärmeren und kühleren Tönen wirkt nicht unnatürlich; er lässt die Gemälde atmen, erweckt sie zu individuellem Leben.

Die zweite Katastrophe, die bei der letzten Sanierung angerichtet wurde, waren die Verbundglasscheiben, die von einer Firma, die sich unmittelbar anschließend in den Konkurs rettete, in die Fenster der Südseite, also im großen Treppenhaus und in den anschließenden Galerien eingebaut worden sind. Schon nach wenigen Monaten machte sich der Schleim, mit dem die Firma die zur Einheit zusammengepressten Scheiben innen verklebt hatte, selbständig und lief, allmählich trübe werdend, in Schlieren träge nach unten. Vor den Augen der Pinakothek-Besucher taten sich ekelhaft blasige Gebilde auf, die langsam nach unten rutschten und schließlich ins Freie traten und dort auf dem Stein der Brüstungen Spuren hinterließen, die auch die nächsten fünf Restaurierungen noch überdauern werden. 1400 Scheiben mussten ausgewechselt werden. Die hässlichsten von ihnen sind als Monstrositäten immerhin erkannt und von jungen Künstlern zu ironischen Bildwerken zusammencollagiert worden.

Den Besuchern werden in den restaurierten Räumen die Augen geöffnet

Im Rahmen der Umbaumaßnahmen sind auch einige wichtige Veränderungen im Raumprogramm vorgenommen worden. So hat man die Wechselausstellungsräume im Erdgeschoss aus dem Ostflügel in die drei entsprechenden Räume des Westflügels verlegt. Im Ostflügel aber, den Klenze als Eingangsbauwerk errichtet hatte, bleiben die Tore - in den letzten Jahren wurden sie immerhin bei Sonderveranstaltungen genutzt - künftig geschlossen. Hier hat man die vielen Meisterwerke der deutschen Malerei des 15. Jahrhunderts, die dem Museum gehören, die großen Altarzyklen von Hans Holbein d. Ä., Hans Pleydenwurff, Marx Reichlich, Martin Schaffner und Hans Burgkmair eindrucksvoll neu positioniert.

Eines der Hauptwerke der Kunst im deutschsprachigen Raum, der um 1480 von Michael Pacher für Neustift bei Brixen gemalte Kirchenväteraltar, hat im großen Mittelsaal einen würdigen Platz gefunden. Nun staunt man wieder einmal über die 3-D-Technik, die Pacher, ohne jemals etwas von solchen Tricks gehört zu haben, irgendwie beherrscht haben muss. Die Holzwiege mit dem Kind, die auf der Tafel des Hl. Ambrosius vor der gotischen Nische des Kirchenvaters steht, hebt sich mit ihrem Schatten so souverän vom Hintergrund ab, dass man sogar glauben kann, sie bewege sich auf ihren Kufen. Auch sonst werden den Besuchern in den restaurierten Räumen die Augen geöffnet. Selbst auf der "Alexanderschlacht" von Albrecht Altdorfer, diesem kosmischen Spektakel und Wunderwerk der Feinmalerei, glaubt man neue Reiterhorden, Türme und Burgen zu entdecken.

Die Rückkehr in die Alte Pinakothek wird einem in den kommenden Monaten zudem durch eine großzügige Leihgabe versüßt. Bis 30. September gastiert Jan Vermeers geheimnisvoll schöne "Briefleserin in Blau" aus dem Rijksmuseum Amsterdam im großen Holländer-Saal, aus dem Dürers Selbstporträt kurz vorher verschwunden ist. Und nun darf man auch in München rätseln, ob es einen geheimen Zusammenhang gibt zwischen dem Absender jenes Briefes, den die Frau in Händen hält, und dem Kind, das sie offensichtlich im Bauch trägt. Auf dem Tisch vor ihr liegen eine Perlenkette, ein Schmuckkasten und ein Halstuch, also verlockend schöne Dinge, die Vermeers Zeitgenossen an die Vergänglichkeit allen Reichtums und aller Schönheit erinnert oder gemahnt haben mögen. Uns aber machen sie süchtig nach den Farben und der Pinselkultur Vermeers. Allein die subtil schimmernden Abstufungen von Blau in der Jacke der Frau lassen viele Bilder, die jetzt im Holländer-Saal benachbart sind, munter bunt oder fast schwarz-weiß erscheinen.

Kultur in München "Aufgeben kam nicht in Frage"

Renate Eikelmann im Interview

"Aufgeben kam nicht in Frage"

Renate Eikelmann hat als Direktorin des Bayerischen Nationalmuseums viel bewirkt. Nun geht sie in den Ruhestand   Von Evelyn Vogel und Christian Mayer