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Wiedereröffnung:Auftakt nach Maß

Die Walküre Staatsoper

An sich eine sensationelle Situation: Jonas Kaufmann, Lise Davidsen und Asher Fish (von links) eröffnen das Nationaltheater wieder.

(Foto: Wilfried Hösl)

Die Walküre entzückt im Nationaltheater

Von Rita Argauer

Nikolaus Bachlers Hand ist das emotionale Barometer dieses durch und durch außergewöhnlichen Opernabends. Nach über sechsmonatiger Schließung öffnet das Nationaltheater wieder für Publikum. Intendant Bachler hört in der Proszeniumsloge zu. In den Szenen, in denen sich Musik, Geschichte und das Gefühl, an etwas Einzigartigem teilzunehmen, zu einer raumgreifenden Spannung verdichten, sieht man, wie sich Bachlers Hand um das Logengeländer krampft. Und das passiert oft in dieser Vorstellung.

Der erste Moment: Als das Orchester nur für seinen Auftritt Standing Ovations bekommt. Es gibt den ersten Aufzug aus der Walküre. Konzertant. Das düster-dräuende Vorspiel, es rasen die Bratschen und Celli, viel Unterdruck, der in einzelnen Schlägen aggressiv herausbricht. Das Staatsorchester unter Asher Fish spielt voller Präzision mit geschärftem Geist und einer Aufmerksamkeit für die Details der Musik, die so gezielt bei Profis vermutlich nur durch eine längere Pause entstehen kann. Man kennt das von Jugendorchestern: Wenn die Musiker die Werke das erste Mal spielen, spritzen die musikalischen Ideen heraus, weil die Musik in diesem Moment von den jungen Musikern erstmals entdeckt wird. Diese Haltung, gepaart mit der technischen Versiertheit eines Spitzenorchesters, ist äußerst selten und höchst beeindruckend. Vor allem bei solch einem bekannten Werk.

Und dann kommt Jonas Kaufmann, und dann gibt es sowieso kein Halten mehr. Denn er schafft es, so präzise wie selten gehört, Stimmfärbung und emotionale Färbung seiner Rolle zu verknüpfen. In kleinsten Details wandelt er sein Timbre, wird hell, wird hoffnungsfroh, als er mögliche Namen für sich aufzählt wie "Frohwalt", wird tief verletzt, wenn er darüber spekuliert, eben eigentlich "Wehwalt" heißen zu müssen, das ist außergewöhnlich. Wagners düsteres Pathos des vereinigten Wälsungenblutes - nur selten hört man Text, Harmonie und Stimmtimbre derart verschmolzen. An Kaufmanns Seite stehen mit ungemein kräftigem Sopran Lise Davidsen als eine das Schicksal selbstbewusst herausfordernde Sieglinde und Georg Zeppenfeld als verhärmter Bösewicht Hunding. Drei Zugaben gibt es, nachdem man eine gute Stunde lang völlig erstarrt lauschte. Asher Fish begleitet die drei Solisten am Klavier, Kaufmann mit dem "Wesendock"-Lied "Sag welche wunderbare Träume ...", Davidsen mit Griegs "Våren (Last Spring)" und Zeppenfeld mit Richard Strauss' "Wie schön ist doch die Musik, aber wie schön erst, wenn sie vorbei ist" aus der "Schweigsamen Frau". Statt des letzten Satzteils singt er aber: "in diesen Zeiten". Wie wahr.

© SZ vom 15.05.2021
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