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Wiederaufnahme-Premiere:Herzzerreißend

Romantische Szenerie zur Geisterstunde auf einer Waldlichtung bei Vollmond: Giselle (Laurretta Summerscales in schönster Arabesque) ist die einzige unter den rachedurstigen Wilis, die sich über den Tod hinaus ein menschliches Herz und die Fähigkeit zu lieben bewahrt hat.

(Foto: Wilfried Hösl)

Eine sensationelle "Giselle" mit dem Staatsballett

Von Eva-Elisabeth Fischer

Endlich erlebt man es wieder, das Fußgetrappel samt Bravi beim Schlussapplaus. 500 bejubeln, als seien es 2000, im Nationaltheater die Wiederaufnahme der "Giselle" in Peter Wrights traumschöner Fassung, in München ein Repertoire-Dauerbrenner seit 1974. Im Programmheft findet man die Genealogie aller Münchner Giselles und erinnert sich... Laurretta Summerscales wird darin eingehen - gleichauf mit der legendären Carla Fracci. Die von Thomas Mayr gekürzte Corona-Version wurde in nur einer Woche geprobt und mit hingebungsvoller Akkuratesse bis ins winzigste pantomimische Detail einstudiert. Es gibt sage und schreibe acht Rollendebüts, allen voran als Giselle, Albrecht und Hilarion. Das Ergebnis? Sensationell. Laurretta Summerscales weht herein wie eine Frühlingsbrise, ausgelassen und frisch verliebt - bekanntlich leider in den Falschen. Sie lässt den virilen Hilarion, der sie liebt, links liegen für ein noch ziemlich unausgegorenes Adelsbürschchen. Diesen Herzog Albrecht tanzt der junge Dmitrii Vyskubenko, ein hochbegabter Zelensky-Zögling. Dabei demonstriert er sein stupendes Sprungvermögen, muss aber noch zum bühnenfüllenden Charakter reifen. Ein ebensolcher ist Emilio Pavan, der den Hilarion als einen zeichnet, der sieht, was Giselle nicht sehen will: den Verrat. Denn Albrecht ist ja bereits standesgemäß vergeben. Giselle also tanzt zunächst voller Liebreiz vor der Jagdgesellschaft um Albrechts Verlobte Bathilde. Es ist ein fröhliches Weinfest, gekrönt von einem Pas de six, den Maria Baranova und Jona Cook höchst pikant mit ihrem Pas de deux würzen. (Baranova tanzt, sehr spannend, am 26. die Giselle.) Wenn Bathilde auf ihren Verlobungsring zeigt, erkennt Giselle, was Hilarion längst wusste. Und wird irre darüber. Summerscales zieht ihre Kreise um sich mit dem Schwert, dem Corpus delicti, das Albrecht enttarnte mit beängstigend irrlichterndem Blick. Sie sticht zu.

Und steht auf aus ihrem Grab, reiht sich ein bei den Wilis, einst verlassenen Bräuten, die alle Männer, die sich auf die mondbeschienene Lichtung verirren, zu Tode tanzen. Angeführt werden sie von Myrtha, bei Prisca Zeisel eine unberührbar Entrückte mit kühler Bestimmtheit. Summerscales hingegen erfüllt die gespenstische Szenerie mit herzzerreißender Trauer und rettet Albrecht im grandios getanzten Grand Pas de deux. (Für die Vorstellung in selber Besetzung an diesem Montag gibt es noch Karten.)

© SZ vom 21.09.2020

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