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Wie viel Wachstum verträgt München noch?:Vielleicht wird durchs Bauen ja alles nur noch schlimmer

Wachstumsskeptiker halten den bisherigen Kurs der Landeshauptstadt für nachteilig und reiben sich an einem SZ-Kommentar

Bauen, Verdichten, Zuzug: Für München sind das Reizworte. Im Bild das hochpreisige Neubaugebiet auf dem Paulaner-Gelände in der Au.

(Foto: Florian Peljak)

Kommentare "Steuern statt stoppen" vom 14./15. März und "Wählen gehen - trotzdem" vom 13. März:

Lebensqualität geht verloren

Leider ist die Haltung Ihres Kommentators zum Thema Wachstum in München seit jeher einseitig und manipulativ. Die großen Parteien loben Sie in den HimmeI - alle anderen Parteien werden in die Ecke der Phantasten und "Blender mit vermeintlich einfachen Lösungen" (Kommentar "Wählen gehen - trotzdem" vom 13. März) gestellt, vor denen Sie eindringlich warnen. Sei doch die Gefahr groß, dass gerade "die Stimmung in den Kommunalparlamenten und damit irgendwann in der gesamten Gemeinde kippt". Ich glaube, dass die Stimmung kippt, weil die Anliegen der Bürger kein Gehör finden, bestes Beispiel ist die Bebauung eines Wasser- und Landschaftsschutzgebietes in Trudering für Luxuswohnungen gegen den erbitterten Widerstand der Bürger. Und weil sich die Lebensqualität in der Stadt durch das grenzenlose Wachstum mit all seinen negativen Folgen zunehmend verschlechtert.

Seit Jahren werden mit frecher Arroganz und Ignoranz Spekulanten "bedient" und Bürger "verprellt" mit der ewigen Mär, dass durch Bauen, Bauen, Bauen günstiger Wohnraum entsteht. Wissen Sie, was ich mich frage? Wenn - wie Sie stets betonen- Nachverdichtung die Lösung ist für günstigere Mieten, warum gehen dann die Mieten seit 2014 nicht runter, sondern stets rauf? Und ich frage mich auch, ob es nicht legitim ist, sich in einer Stadt wie München für den Erhalt wertvoller Grün- und Erholungsflächen einzusetzen, ohne dafür als Phantast und "Hinterwäldler" abgespeist zu werden.

Wenn Sie gerne auf lieblos hingeklotzte Betonschachteln schauen, wenn Sie aus dem Fenster sehen (oder wohnen Sie im schönen Grünwald?), dann ist das Ihre Sache. Ich finde Bäume, Parks und Grünflächen in der Stadt, in der ich lebe, cool und im wahrsten Sinne des Wortes "erfrischend". Und deshalb kann ich mich wahrscheinlich weit weniger als Sie über Google, Microsoft, Apple und Co. freuen, die nach München "gelockt" werden, ganze Straßenzüge aufkaufen. In der Folge - damit alle Platz haben - werden die schönen Ecken und Hinterhöfe Münchens verbaut und die Mittelschicht und die sozial Schwächeren müssen weichen, weil leider wieder kein bezahlbarer Wohnraum entstanden ist.

Es wird Zeit, dass im Münchner Stadtrat mehr Vertreter der Parteien sitzen, die die Belange der Bürger, die nicht in Grünwald wohnen (Grünwald ist eigenständige Gemeinde im Landkreis München; d. Red.) mit in den Ring werfen. Andernfalls besteht die Gefahr, dass die Menschen sich "abgehängt" und nur als "urbanes Wählervolk" fühlen und dann die radikalen Ränder wählen. Sabine Kinseher, München

So einfach ist das nicht

Mein Verständnis von neutraler Berichterstattung in der SZ wurde am Wahlwochenende sehr erschüttert: Es erschien auf zwei vollen Seiten neutrale Wahlinformation - und in der Mitte ein großer Kommentar, der nur "pro Wachstum" argumentiert. Ein Kommentar "contra Wachstum" fehlte. Außerdem kann ich mich über die stellenweise anspruchslose Simplifizierung und falsche Darstellung - vorsichtig ausgedrückt - nur wundern, wie zum Beispiel:

1. Die "Idylle vergangener Tage" will eine bestimmte Gruppe, die "eigens zu diesem Zweck gegründet wurde", bestimmt nicht zurückholen. Im Gegenteil: Hier wollen engagierte Bürger und Fachleute zusammen mit Politikern die Lebensqualität in der Stadt für die Zukunft erhalten und wollen nur Entschleunigung auf dem schwer zu bremsenden Weg zur Megacity; ein Nicht-Alles-Zubauen wünschen sich zahllose Münchner.

2. Den "Wachstumsskeptikern" wird "ein wirtschaftspolitisches Grundverständnis" attestiert, "bei dem einem das Gruseln kommt": So eine anmaßende Bewertung gehörte eher in ein Boulevard-Blatt, nicht in die SZ. Auch wollten Erstere angeblich eine "Käseglocke" über München stülpen - ein Zitat von OB Dieter Reiter, das kürzlich auch der SPD-Fraktionsvorsitzende Christian Müller wiederholte: Davon ist keine Rede bei den besagten Bürgern.

3. Es wird dargestellt, als wollten "die Wachstumsskeptiker" keinerlei neue Arbeitsplätze mehr in München, und gefragt, ob "Münchner ihren Kindern Jobs verweigern" wollen. Tatsache ist, dass sich alle Münchner, Wachstumsskeptiker und Politiker einig sind, dass wir neue Jobs wie die der viel zitierten Krankenschwestern und vieler anderer dringend notwendiger Dienstleister brauchen. Gerade die Münchner wollen für ihre Kinder doch eine gesunde, grüne Stadt mit einer gemischten Bevölkerung - und wohlüberlegten neuen Arbeitsplätzen.

4. München nutzt angeblich seine begrenzten Möglichkeiten, Luxuswohnungsbau zu begrenzen. Die städtebauliche Erhaltungssatzung könnte München, genauso wie Dresden, nutzen, tut es aber in keiner Weise. Dr. Gisela Krupski, München

Gleichwertige Lebensverhältnisse in Stadt und Land?

Der SZ-Kommentator schreibt, Wachstum muss man steuern, nicht stoppen. Das ist richtig, aber so allgemein, dass man ja gar nicht widersprechen kann. Nur: Wo wird denn München derzeit maßvoll gesteuert? Das ist doch das Problem, dass nichts maßvoll gesteuert ist.

Münchens Wirtschaftsreferent Baumgärtner ist, wie nachzulesen in der SZ, noch besonders stolz auf den Zuzug von Amazon, Google, Apple etcetera. Von dem BMW-Wahnsinn gar nicht zu reden, in Feldmoching 15 000 neue Jobs anzubieten mit allen damit verbundenen Belastungen für Wohnen, Verkehr, soziale und technische Infrastruktur, Lärm, Luft und so weiter, zu dem die Stadt erst kürzlich Baurecht erteilte. Die Internationale Automobilausstellung IAA und Bundesverkehrsminister Andreas Scheuers zeitlich eigenartiges Mobiltätszentrums-Geschenk sind der letzte Tropfen, der zur Besinnung führen müsste.

Warum will Dominik Hutter nicht darauf eingehen, dass es längst genug ist? München braucht nicht immer noch mehr Arbeitsplätze (ich rede nicht von maßvollem Platzbedarf der ansässigen Unternehmen) - während sie auf dem Lande fehlen, was wiederum die jungen Menschen in die Städte oder in das verdichtete Umland treibt. Räumliche Gerechtigkeit und Gleichwertigkeit sehen anders aus!

Die Digitalisierung würde jetzt sehr wohl viel mehr ländliche Jobs erlauben. Ist man gleich hinterwäldlerisch, wenn man da kritisch ist? Gerade auch aus Gesamtverantwortung für das ganze Land.

Wozu gab es die Enquetekommission "Gleichwertige Lebensbedingungen in ganz Bayern", um nun lesen zu müssen, dass man das München-Wachstum halt hinnehmen muss. Hauptsache, der Wohlstand ist gesichert.

Geht es nicht viel mehr um Wohlergehen? Zeigt uns denn die gegenwärtige Krise nicht, dass es plötzlich ganz anders aussehen kann mit dem grenzenlosen Wachstum? Und die Quadratur des Kreises, einerseits weiterhin wachsen und verdichtet bauen zu wollen, andererseits grüne Flächen zu erhalten, wird in München kläglich scheitern!

Das private Grün verschwindet ohnehin bereits dramatisch, nur wird es nicht dokumentiert beziehungsweise thematisiert. Wir werden es in heißen Sommern immer mehr spüren. Prof. Dr. Holger Magel, München

© SZ vom 23.03.2020
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