Wie bleibt man gesund?:Physiotherapeuten sind in jeder Mannschaft der soziale Mittelpunkt

Lesezeit: 6 min

Neugierde, Ausdauer, Glück. Und eine Besessenheit, wie er es nennt, immer noch mehr zu wissen. Krajak ließ sich weiterbilden, zum Osteopathen, im allerersten Kurs, den es in Deutschland gab. "Da saßen nur Cracks drin." Und der Mann aus Niederbayern, der heute an seinem unbehandelten Holzschreibtisch im Büro mit Blick auf den Maximiliansplatz sagt: "Ich hatte irgendwie immer das Bedürfnis, etwas zu erreichen." Wenn man ohne Eltern bei der Oma aufwächst, deren Mann in russischer Kriegsgefangenschaft starb und deren 600 Mark Rente nicht reichen, entsteht wohl so ein Drang. Und vielleicht auch der nach Miteinander, Anerkennung und Geborgenheit.

Sport-Physiotherapeuten müssen sich fachlich auskennen, müssen Verletzungen ertasten, körperliche Zusammenhänge herstellen. Aber ein vielleicht noch größerer Teil ihrer Aufgabe ist die eines Begleiters für den Sportler. Physiotherapeuten sind in jeder Mannschaft der soziale Mittelpunkt, der Raum mit den Liegen der Treffpunkt. Physiotherapeuten sind Fan und diskrete Zuhörer, Hoffnungsträger bei Verletzungen, sie stehen für das Normale in einer künstlichen Hochleistungswelt. Ohne einen sozial kompetenten medizinischen Staff gibt es keine Erfolge. Dafür ist die Psyche bei Spitzensportlern zu entscheidend.

Krajak wirkt wie die Gestalt gewordene Zuversicht in weiß. Die Stimme, die ruhigen Bewegungen. So wie Müller-Wohlfahrt umgibt ihn allein durch den bekannten Namen die Heiler-Aura. Ein personifizierter Placebo-Effekt, der den Stolz auf sein Werk so gekonnt beiläufig zeigt, dass man ihn beinahe übersieht. Allerdings erwähnt er dafür dann doch zu viele bekannte Namen, die ihn aufsuchen.

Es ist schon eine Edel-Einrichtung, die Krajak anbietet. Für 75 Euro im Monat kann man hier trainieren, im Vergleich zu den Preisen etwa von FittnessFirst (50 Euro). 500 Mitglieder sind es derzeit. Krajaks Mitarbeiter behandeln zu 85 Prozent Privatpatienten. Eine besondere Adresse also mit prominenten Kunden? Wobei das auch der promi-gewöhnte Münchner Blick sein könnte, denn zumindest Markus Norys kennt Krajaks Einrichtung gar nicht. Und Norys ist Vorsitzender des Deutschen Verbands für Physiotherapie in Bayern. Könnte aber auch an der riesigen Zahl liegen. In Bayern gibt es mindestens 6300 Praxen, in ganz Deutschland sind es laut Norys' Verband 197 000 Physiotherapeuten.

Krajak schwärmt gerne. Von Kirill Petrenkos Präsenz und wie austrainiert der stille Dirigent aus Sibirien sei, der Star-Dirigent der Opern-Szene. Von der 800-Meter-Läuferin Christina Hering, an der "kein Gramm Fett" sei, oder erzählt, dass Schauspielerinnen Michaela May oder Gaby Dohm zu seinen Kunden zählen.

"Es gibt viele Geiger, aber wenige Virtuosen", sagt Krajak und meint sich. "Ich habe einen großen Baukasten." So eine Aussage wirkt auf Außenstehende wie Angeberei, auf Athleten oft nicht, sie brauchen vielmehr so ein Selbstbewusstsein ihres Therapeuten, um an die heilende Wirkung seiner Hände und Therapien zu glauben.

"Rücken ist das, womit wir am häufigsten zu tun haben", sagt Krajak. Die Erfahrung aus 30 Jahren und allen Bereichen. Dabei hat er einige Tendenzen festgestellt: "Einzelsportler sind meist mehr mit sich selbst beschäftigt, Italiener sind am schmerzempfindlichsten und Frauen können ihre Leiden besser erklären als Männer, weil sie besser in ihren Körper reinhören können." Er selbst trainiert jeden Morgen um 6.40 Uhr 25 Minuten lang. Dehnen, Yoga, Stabilisation. Krajak hatte vier Bandscheibenvorfälle, zwei nach Stürzen vom Rad und beim Skifahren, zwei als Spätfolgen des Bleiwestentrainings.

Die Bedeutung der Physiotherapie wird größer, sagt Krajak. Die Kasse bezahle mittlerweile mehr für derartige Leistungen, und da die Menschen, vor allem auch im körperbewussten München, immer mehr auf ihre Gesundheit achten würden, kämen sie auch immer häufiger mit der Physiotherapie und dem Training in Berührung. Und müssten dann seltener unters Messer. "Ich bin überzeugt, dass 80 Prozent aller Operationen vermieden werden können." Eine Aussage mit hohem Anteil Geschäftssinn. Denn um als tagsüber gekrümmt sitzender Büromensch nicht irgendwann operiert werden zu müssen, etwa am Rücken, muss man natürlich etwas tun. Zum Beispiel bei Krajak. Da liest man dann Slogans wie "Bleib nicht, wie du bist" oder "Das wichtigste Statussymbol ist der Körperstatus".

Aber über allem hängt immer die eine Frage: Wie bleibt man gesund? Detlef Krajaks Antwort lautet: "Nimm dir Zeit für dich." Wenn der Leidensdruck wegen Schmerzen hoch sei, würde man das ja auch schaffen. Vorher ist es aber deutlich gesünder.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB