Serie: Frauen machen Politik Hitler-Gegnerinnen, die weitgehend vergessen sind

Centa Herker-Beimler 1985 als Zeitzeugin mit Stieftochter Rosi Beimler-Schober (li.) und deren Mann Rudi auf dem ehemaligen Schießplatz Hebertshausen.

(Foto: privat)

Viele Frauen waren im Widerstand gegen die Nationalsozialisten in München aktiv, ihre Namen kennt heute aber kaum jemand. Das liegt auch an traditionellen Rollenbildern.

Von Jakob Wetzel

Centa Herker-Beimler hat sich nie einschüchtern lassen. Schon als 17-Jährige war die Münchner Kommunistin mit den Nazis aneinandergeraten. Im Frühjahr 1933, als sie 24 war, verteilte sie dann Flugblätter gegen das Regime; dafür sperrten sie die Nazis fast vier Jahre lang ein, erst in Stadelheim, dann im Konzentrationslager Moringen - so lange, bis ihr Mann, der KPD-Funktionär Hans Beimler, in Spanien im Kampf gegen Franco gefallen war. Die Witwe blieb der Gestapo verdächtig. Nach dem gescheiterten Attentat Georg Elsers auf Hitler wurde sie 1939 für vier Wochen eingesperrt. Dennoch ging sie wenig später wieder in den Widerstand.

Im Jahr 1941, nach dem Überfall auf die Sowjetunion, beschloss Centa Beimler, erneut zu handeln. Die Münchner Kommunisten mieden sie zwar, um nicht ebenfalls ins Visier der Gestapo zu geraten; so fuhr Beimler eben nach Augsburg, um Kontakte zu knüpfen und eine antifaschistische Gruppe aufzubauen. Erfolg hatte sie nicht; die Nazis sperrten sie weitere sieben Monate ein, bis ihr Arbeitgeber sie frei bekam. Daraufhin half sie 1943 Zwangsarbeitern im Kohlebergbau in Penzberg. Nach dem Krieg zog sie sich zurück. Vom Kampf gegen die Nazis erzählte sie erst viel später.

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Centa Herker-Beimler ist eine von vielen Frauen, die in München Widerstand gegen die Nationalsozialisten geleistet haben, deren Namen aber heute kaum jemand kennt. Es sind Frauen gewesen wie Lotte Branz, die Verfolgte ins Ausland und Schriften der Exil-SPD zurück ins Deutsche Reich schmuggelte, oder Frauen wie Paula Frieb, die Regimegegner versteckte und Waffen sowie Nachrichten ausländischer Radiosender an Widerständler weiterleitete. Es waren Frauen wie Margot Linsert, die Flugblätter vervielfältigte und verteilte und in deren Lebensmittelladen in Laim sich Mitglieder des "Internationalen Sozialistischen Kampfbundes" treffen konnten. Und es waren Frauen wie Marie-Luise Schultze-Jahn, die das Werk der "Weißen Rose" weiterzuführen versuchte, nachdem der Kern der Gruppe 1943 hingerichtet worden war. Die Reihe ließe sich lange fortsetzen; doch abgesehen von Sophie Scholl, die als Gesicht der "Weißen Rose" noch immer präsent ist, sind die Frauen gegen Hitler heute weitgehend vergessen.

Dabei unterschied sich der Widerstand der Frauen nicht wesentlich von dem der Männer. Frauen waren selten Attentäterinnen, und sie waren nicht in der Position, einen Staatsstreich zu wagen wie die Offiziere des 20. Juli 1944. Doch bewaffnete Aktionen würden in der Geschichte des deutschen Widerstands "ohnehin allenfalls eine verschwindend geringe Rolle" spielen, erklärt Jürgen Zarusky, Historiker am Institut für Zeitgeschichte in München. Die Nazis seien von 1933 an zu erfolgreich darin gewesen, die Organisationen der Linken zu zerschlagen. In den meisten Fällen bedeutete Widerstand vielmehr, Propaganda zu verbreiten - und daran beteiligten sich Frauen ebenso wie Männer.

Centa Herker-Beimler um 1950.

(Foto: privat)

Dass Frauen dennoch in der Erinnerung ins Abseits geraten sind, habe verschiedene Gründe, sagt Barbara Distel, die frühere Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau; sie hat mehrere Widerständlerinnen als Zeitzeuginnen persönlich kennengelernt. Man habe sich in Deutschland lange allenfalls für den 20. Juli und die "Weiße Rose" interessiert; für den darüber hinausgehenden, allergrößten Teil des Widerstands kaum. Erst mit der Frauenbewegung seien die Widerständlerinnen in den Fokus gerückt.

Zudem sei die Zahl der Frauen im Widerstand insgesamt relativ niedrig gewesen, sagt Distel. Eine verlässliche Statistik existiere zwar weder für das Deutsche Reich insgesamt noch speziell für München, sagt Jürgen Zarusky. Gemessen daran, gegen wen die Nazi-Justiz alles Prozesse wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" führte, habe die Frauenquote im Widerstand aber weniger als zehn Prozent betragen.

Noch dazu standen die Frauen laut Zarusky politisch häufig links - damit passten sie nicht in die westdeutsche Erinnerungskultur. Der Widerstand aus der Arbeiterbewegung sei zwar in den 1970er und 1980er Jahren thematisiert, aber nie wirklich anerkannt worden. Bezeichnend dafür sei das auf Initiative der bayerischen Staatsregierung errichtete, 1996 enthüllte Widerstandsdenkmal im Hofgarten: Auf dem schwarzen Block wird mit Zitaten symbolisch an die "Weiße Rose" erinnert, außerdem an die Offiziersgruppe des 20. Juli sowie an einen wegen des Hörens von Feindsendern hingerichteten Landwirt. Der Widerstand aus der Arbeiterbewegung sei trotz Protesten außen vor geblieben - und mit ihm die Rolle vieler Frauen.

Hinzu kommt, dass die Widerständlerinnen nicht zwangsläufig Feministinnen waren. Es war in der Regel nicht der frauenfeindliche Kurs der Nazis gewesen, der sie in den Widerstand getrieben hatte. Die Widerstandskämpferinnen seien wie andere Frauen in damaligen Rollenbildern verhaftet gewesen, sagt Barbara Distel. So mutig diese sich bis 1945 dem Regime widersetzt hatten, so still hätten sich viele von ihnen danach wieder ins Private zurückgezogen.

Von den traditionellen Geschlechterrollen profitierten Frauen in einzelnen Fällen: Die Nazis nahmen Frauen offenbar weniger ernst. Richter hätten eine Hemmschwelle gehabt, Frauen zum Tode zu verurteilen, vermutet Distel. Und Historiker haben Beispiele gesammelt, in denen Gestapo und Richter Frauen nachsichtiger behandelten, weil ihnen das politische Bewusstsein fehle. Margot Linsert etwa, in deren Laden sich der "Internationale Sozialistische Kampfbund" traf, sei bei der Gestapo 1938 mit der Rolle der unwissenden Mutter durchgekommen, sagt Zarusky. Ihr Mann kam für das gleiche Tun in Haft und landete später in einer Strafdivision.

Die Rollenbilder aber überlebten den Krieg. Selbst eine Frau wie Lina Haag, die einst persönlich bis zu Heinrich Himmler vorgedrungen war, um ihren Mann Alfred aus dem KZ freizubekommen, und die ihre Geschichte nach dem Krieg in einem Buch veröffentlicht hatte - selbst sie zog sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück, als ihr Mann 1948 aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrte. Viele Frauen sprachen erst nach Jahrzehnten davon, was sie getan hatten, wenn überhaupt.

Auch an Centa Herker-Beimler erinnert sich Barbara Distel als zurückhaltend. Die Frau, die sich von den Nazis nicht einschüchtern ließ, sei von ihrem Mann völlig dominiert worden: Die zwei waren noch nicht verheiratet, da kümmerte sie sich schon um seine Kinder aus erster Ehe, gab auf seinen Druck hin einen Job in Hamburg auf und kehrte zurück nach München. Nach dem Krieg zog auch sie sich ins Private zurück: Sie organisierte Nähstuben und Hilfe für Menschen, denen es schlecht ging. Und sie engagierte sich in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - aber, so erinnert sich Distel, nicht als Wortführerin. Sondern sie kümmerte sich um das, was im Hintergrund getan werden musste, die Buchführung.

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