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Widerstand in München:"Leistet passiven Widerstand, wo immer ihr auch seid"

Nach Kriegsbeginn wurden an vielen Universitäten Studentenkompanien eingerichtet, in denen Medizinstudenten Dienst tun mussten. Scholl und Schmorell gehörten zur 2. Studentenkompanie der Heeressanitätsstaffel in München, die in der Bergmannschule am Gollierplatz stationiert war. Vermutlich sind sie sich dort erstmals begegnet, vielleicht aber auch in der Universität. Im Sommer 1942 verfassten Scholl und Schmorell die ersten vier "Flugblätter der Weißen Rose", die sie in einer Auflage von je 100 Stück per Post vorwiegend an Akademiker verschickten.

Darin wurde unter anderem die Passivität der Deutschen beklagt, wie etwa im zweiten Flugblatt: "Und wieder schläft das deutsche Volk in seinem stumpfen, blöden Schlaf weiter und gibt diesen faschistischen Verbrechern Mut und Gelegenheit, weiterzutöten - und diese tun es." Die beiden Autoren riefen auch dazu auf, dem Regime die Stirn zu bieten: "Leistet passiven Widerstand, wo immer ihr auch seid, verhindert das Weiterlaufen dieser atheistischen Kriegsmaschine." Das vierte Flugblatt schließt mit den Worten: "Wir schweigen nicht, wir sind Euer böses Gewissen, die Weisse Rose lässt Euch keine Ruhe!"

Obergiesing, Fasangarten Stadtviertelserie

Gräber im Friedhof am Perlacher Forst.

(Foto: Florian Peljak)

Im Frühjahr 1942 war auch Willi Graf zur Münchner Studentenkompanie gekommen. Graf, geboren 1918 in Euskirchen im Rheinland und aufgewachsen in Saarbrücken, stammte aus einem katholisch geprägten Elternhaus, entsprechend tief war er im katholischen Glauben verwurzelt. Ehe er zur Fortsetzung seines Medizinstudiums nach München zog, hatte er bereits einige Kriegseinsätze als Sanitätsfeldwebel absolviert. Am 23. Juli 1942 wurde Willi Graf ebenso wie Hans Scholl und Alexander Schmorell zum dreimonatigen Sanitätsdienst an die Ostfront abkommandiert. In den Lazaretten hinter der Front nahe Moskau leisteten sie verletzten Soldaten medizinische Hilfe. Auch das Leid der Zivilbevölkerung lernten die drei kennen, zumal sie dank Schmorell, der fließend russisch sprach, entgegen den Vorschriften Kontakt zu den Einheimischen knüpften. Diese Erfahrungen stärkten ihre Abscheu gegenüber der NS-Diktatur, ihr Widerstand radikalisierte sich noch einmal.

Als sich die drei Studenten im Juli 1942 an einem Zaun an der Orleanstraße am Ostbahnhof vor der Fahrt an die Front verabschiedet hatten, schoss ihr Kommilitone Jürgen Wittenstein einige Fotos. Die Bilder gehören zu den berühmtesten, die es von der Weißen Rose gibt. Neben den Sanitätssoldaten sind auch Scholls Schwester Sophie und Christoph Probst zu sehen. Probst war ein Schulfreund Schmorells, er stammte aus Murnau. Seine Eltern pflegten ein Faible für Kunst und Kultur, unter anderem waren sie mit den Malern Emil Nolde und Gabriele Münter befreundet. Probst studierte ebenfalls Medizin, mit 21 Jahren heiratete er Herta Dohrn, 1940 kam ihr erster Sohn auf die Welt, ein Jahr später der zweite. Seine Stiefmutter war Jüdin, sie überlebte, bei einer Familie auf dem Land versteckt, das Dritte Reich.

Brauchtum und Geschichte Ein rostiger Zaun mit historischer Bedeutung
Ostbahnhof

Ein rostiger Zaun mit historischer Bedeutung

Im Jahr 1942 sind dort zwei der berühmtesten Bilder der Widerstandsgruppe Weiße Rose entstanden. Doch nun ist unklar, was mit dem Areal passieren soll.   Von Andreas Schubert

Wohl im Sommer '42 weihten Schmorell und Scholl ihren Freund Christoph Probst in die Flugblatt-Aktionen ein; aus gefährlichen Einsätzen wollten sie den Familienvater, der von Dezember 1942 an in Innsbruck studierte, aber heraushalten. Im Mai desselben Jahres war Sophie Scholl nach München gekommen, wo sie Biologie und Philosophie studierte. Auch sie gehörte bald zum Freundeskreis ihres Bruders. Sie trafen sich zu Lese- und Diskussionsabenden, und sie besuchten die Vorlesungen des Philosophie-Professors Kurt Huber, der, anfangs mit den Nationalsozialisten sympathisierend, zunehmend auf Distanz zum NS-Regime ging.

Ende Januar 1943 erschien das fünfte Flugblatt der Weißen Rose, zu deren innerem Kreis nun auch Sophie Scholl, Willi Graf, Christoph Probst und Kurt Huber gehörten. In nächtlicher Arbeit stellten sie mehrere tausend Exemplare her, die in München, aber auch in anderen süddeutschen Städten sowie in Österreich verbreitet wurden. Darin stand unter anderem: "Hitler kann den Krieg nicht gewinnen, nur noch verlängern! Seine und seiner Helfer Schuld hat jedes Maß unendlich überschritten. Die gerechte Strafe rückt näher und näher!"