WHO-Studie Alles ruhig an der Fleischfresserfront

In der Münchner Metzgerzeile: Man nimmt die Nachricht mit einer gewissen Wurschtigkeit hin.

(Foto: Catherina Hess)

München und seine Metzger nehmen die Warnungen vor krebserregendem Fleisch gelassen. Proteste von solidarischen Leberkässemmelessern und Weißwurstzuzlern bleiben aus. Doch die Veganer überraschen.

Von Franz Kotteder und Andreas Schubert

Für ihre traditionellen Besonderheiten gehen die Münchner schon einmal auf die Barrikaden. Schließlich fand hier vor 20 Jahren die Biergartenrevolution statt, zu der sich 25 000 Menschen auf dem Marienplatz versammelten. Da möchte man meinen, dass sich am Dienstag vor der Metzgerzeile am Viktualienmarkt doch wenigstens ein paar Hundert solidarische Leberkässemmelesser und Weißwurstzuzler zusammengerottet hätten, angesichts des verheerenden Diktums der Weltgesundheitsorganisation WHO, die verarbeitetes Fleisch wie Wurst und Schinken als "krebserregend" und rotes Fleisch als "wahrscheinlich krebserregend" eingestuft hatte. Doch weit gefehlt: Alles ruhig an der Fleischfresserfront, man scheint die Nachricht mit einer gewissen Wurschtigkeit hinzunehmen.

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Auf die ausgewogene Ernährung kommt es an

Die städtische Wurstprüfungskommission, seit 1953 das Fachgremium in allen Fleischverarbeitungsfragen, wird jedenfalls nicht zu einer Sondersitzung zusammentreten. Gestern waren weder der Komissionsvorsitzende, Kreisverwaltungsreferent Wilfried Blume-Beyerle, noch Stellvertreter und Handwerkskammer-Präsident Georg Schlagbauer für eine Stellungnahme zu erreichen.

Entspannung auch bei den Metzgern. Karl Reichlmayr, bei der Metzgerinnung Spezialist für die Weißwurst: "Es kommt doch ohnehin auf die ausgewogene Ernährung an. Kein Metzger, der ein bissl Hirn hat, wird sagen, man soll ausschließlich Fleisch essen. Wir wollen unsere Kunden ja schließlich möglichst lange haben." Je einseitiger man sich ernähre, desto schlechter sei es, und wirklich entscheidend seien wohl Zusatzstoffe, das Fraunhofer-Institut habe beispielsweise auf schädliche Ausdünstungen von Verpackungen hingewiesen. Reichlmayer weiter: "Saufen und Rauchen ist sicher schädlicher als Essen. Und ob Gemüse, das neben einem Atomkraftwerk wächst, gesünder ist?"

Hubert Gerstacker, bei der Metzgerinnung als Lehrlingswart zuständig für die Ausbildung des Nachwuchses, sieht die Einschätzung der WHO gelassen. In München werde viel Fleisch gegessen, "und wir sind eine Stadt, in der die Leute durchaus alt werden". Gerstacker ist Metzger in der fünften Generation, "in unserer Familie haben es alle weit gebracht, altersmäßig".

Die Wiesn als Jahreshauptversammlung der Fleischesser

Er sieht Gefahren für die Gesundheit eher bei industriell hergestellter Billigware, die jede Menge Zusatzstoffe wie Stabilisatoren und Glutamate benötigt. "Bei handwerklich hergestellten Wurstwaren verwenden wir im wesentlichen nur Gewürze, Ascorbinsäure, also Vitamin C, und Bindemittel." Die handwerkliche Verarbeitung koste entsprechend mehr, aber dafür bekomme der Verbraucher auch höhere Qualität.

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Vom Hendl bis zum Ochsen, im Ganzen gegrillt: Das Oktoberfest gilt nicht nur als größtes Bierfest der Welt, sondern auch als die Jahreshauptversammlung aller Fleischesser. Müssen sich die Wiesnwirte deshalb nun Sorgen machen? Toni Roiderer, deren Sprecher und selbst gelernter Metzger, kennt "die ganzen Horrormeldungen von BSE über Geflügel- und Schweinepest seit vielen Jahren".

Fleisch sei zwar nach wie vor ein hochwertiger Eiweißträger, aber gesund sei eben nur wirklich ausgewogene Ernährung: "Wenn ich jeden Tag ein Kilo Fleisch fresse, dann kann das nicht gut sein, das ist ja klar." Das richtige Maß sei entscheidend, er sehe jedenfalls keinen Anlass, seine Ernährung umzustellen.

Roiderer spricht von Alarmismus

Roiderer sieht einen gewissen Alarmismus am Werk: "Mei, das erinnert mich an den alten Spruch: ,Die Magd liegt tot am Boden, der Bauer, der liegt droben, er wackelt mit dem Arsch, wahrscheinlich stirbt er auch.'" Soll heißen: Möglicherweise wird die Gefahr des Fleisch- und Wurstessens doch ein wenig übertrieben dargestellt.

Selbst auf der Seite der Vegetarier sieht man die Studien differenziert, wie man an Diskussionen auf Facebook oder Twitter sehen kann. Zwar haben etwa die Vegane Gesellschaft und der Vegetarierbund Deutschland auf ihren Facebook-Seiten Links zu Artikeln über die Ergebnisse gepostet, mit den Worten "Wir haben das schon immer gesagt" und "Teilt den Artikel, denn diese Nachricht sollte jedem überzeugten Fleischesser die Augen öffnen!"

Prompt kam ein Hinweis von einer Frau, die sich als Veganerin ausgab, dass ja auch Gemüse oft mit Pestiziden verseucht sei und dass "hier die WHO wohl auch vor Krebs warnen sollte. Ergo, ob ich nun Fleisch, Fisch (Belastung der Meere mit Chemikalien und Plastik) oder Gemüse esse, mittlerweile fällt alles in die Kategorie krebserregend."

"Wahrscheinlich krebserregend"

Mehr als 800 Studien hat die Internationale Agentur für Krebsforschung IARC im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation WHO ausgewertet, um das Risiko, durch Fleischkonsum an Krebs zu erkranken, einzuschätzen. Die 22 Experten aus zehn Ländern kamen zu dem Ergebnis, dass es Hinweise darauf gibt, die auf ein erhöhtes Risiko hindeuten, durch den Konsum von verarbeitetem und rotem Fleisch an Darmkrebs zu erkranken. "Verarbeitet" bedeutet zum Beispiel: in Form von Wurst oder Schinken. Je 50 Gramm täglich, so die einschlägigen Studien, steige das Darmkrebsrisiko um 18 Prozent an. Rotes Fleisch - etwa vom Rind, Schwein, Lamm, Kalb und Schaf - erhöhe es um 17 Prozent bei einem Konsum von 100 Gramm täglich, das hätten Tierversuche ergeben, weshalb die WHO es nun als "wahrscheinlich krebserregend" einstuft. Inwieweit diese Ergebnisse allerdings auf den Menschen übertragbar sind, darüber sind sich die Wissenschaftler nicht einig. Letztlich hänge alles von der jeweils verzehrten Menge ab. fjk