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Westend:Macht auf die Tür

Gotteshäuser sind oft ein leerer Ort. Die Auferstehungskirche will das ändern - und das Bauwerk zu einem sozialen und kulturellen Zentrum für jedermann umstrukturieren, wo auch getanzt und gefeiert wird

Eine Kirche als Tanzcafé. Als Theaterbühne. Als Kulisse für private Feste. Als Ausstellungsraum. Als Speisezimmer für gemeinsame Mahlzeiten, mit eigens eingebauter Küche. Als Laufsteg für Modeschauen, wie in einer Kirche im Hamburger Stadtteil St. Pauli. Warum denn nicht? Bernd Berger fällt da so einiges ein. Er ist Pfarrer an der Auferstehungskirche an der Gerolt-/Gollierstraße im Westend, eine der größten evangelischen Kirchen Münchens. 700 Plätze, angeordnet hintereinander in neuneinhalb Meter langen Bankreihen - und bis auf die Sonntagsgottesdienste sowie die Samstags-Vesper und den Sonntagsgottesdienst der griechisch-orthodoxen Gemeinde, die hier seit vielen Jahren zu Gast ist, ein oft leerer, nicht wirklich kommunikativer Raum. "Unsere Kirche könnte ein fröhlicher, bunter Ort werden", sagt Berger, ein Ort der Gemeinschaft, der Begegnung, des Feierns, ein lebendiges, vielseitig nutzbares Zentrum auch fürs ganze Stadtviertel - ohne dass Stille, Würde, Sinnsuche dafür geopfert würden.

"Vision Auferstehung 25" heißt das Projekt, das Berger schon vorgefunden hat, als er im März seine Stelle antrat und das er nun vorantreiben soll und will. Visionen entwickelt nicht nur die Auferstehungskirche, rundherum sei es ein herausforderndes Thema, erklärt Harald Hein, Architekt im Baureferat der Evangelischen Landeskirche, "wie wir umgehen mit unseren Kirchen, die vielleicht nicht mehr so in die heutige Situation passen".

Denen die Gläubigen davon laufen, könnte man auch sagen. Binnen der nächsten vier Jahrzehnte, prognostiziert eine jüngst erschienene Studie, sinkt die Zahl der Kirchenmitglieder in Deutschland drastisch, um fast 50 Prozent. Das Gotteshaus im Westend jedoch habe, unterstreicht Hein, für eine solche Wandlung - man könnte es auch eine mutige Flucht nach vorn nennen - "enormes Potenzial". Zum einen das soziale Umfeld, dieser quirlige, multiethnische Stadtteil mit unzähligen engagierten Initiativen und Einrichtungen, und, ein fast noch wichtigeres Kapital, ein freies Stück Grund mitten in einem dicht bebauten Innenstadtviertel.

Der Innenraum der Auferstehungskirche.

(Foto: Stephan Rumpf)

Das führt zum zweiten Teil der Vision. Denn nicht nur die Kirche selbst, dieser trutzig wirkende Backsteinbau mit seinen wuchtigen, eisenbeschlagenen Türen, die für Berger "Draußenbleiben!" zu rufen scheinen, soll sich öffnen. Wie, darüber sinnieren auch Architektur-Studenten der Technischen Universität München in einem Projekt im laufenden Semester. Und dürfen dabei gerne "radikal denken", betont der Pfarrer. Zur Vision gehört auch das Areal südlich der Kirche, mit Gemeindehaus, Pfarrhaus und Garten. Die beiden niedrigen Gebäude sollen abgerissen werden, ein großer Neubau entstehen.

Ideen, wer oder was darin unterkommen könnte, sammelt eine kleine Runde am Donnerstagabend im Gemeindesaal. "Die ganzen im Viertel verstreuten Einrichtungen der Diakonie hier zusammenlegen", schlägt Ludwig Wörner vor, der Landtagsabgeordnete und ehemalige langjährige Vorsitzende des Bezirksausschusses Schwanthalerhöhe. Kirchenrat Klaus Schmucker, verantwortlich für die "Evangelischen Dienste", könnte sich vorstellen, das Evangelische Migrationszentrum vom Griechischen Haus an der Bergmannstraße hierher zu verlegen.

Bereit für die Belebung: Pfarrer Bernd Berger kann sich so einiges vorstellen, wie seine Kirche ein "fröhlicher, bunter Ort" werden kann, wie er es nennt.

(Foto: Stephan Rumpf)

Wohnungen - auch dieser Vorschlag kommt von mehreren Seiten. Ein Generationenhaus. Coworking Spaces, also geteilte Arbeitsplätze. Tagespflege. Allerdings kein Sammelsurium, gibt Schmucker zu bedenken: "Das Ganze muss mehr sein als die Summe aller Teile, muss ein gemeinsames Unternehmen mit unverwechselbarem Profil werden." Und es muss ein wirtschaftliches Unternehmen werden, durch Vermietungen Geld bringen für den Unterhalt der Kirche und die Gemeindearbeit.

Wollte man all die bereits ins Spiel gebrachten Vorschläge berücksichtigen, müsste der Neubau wohl sieben bis zehn Stockwerke haben. Zudem steht die von German Bestelmeyer erbaute, 1931 eingeweihte Auferstehungskirche unter Denkmalschutz, ebenso das direkt andockende, von Theodor Fischer erbaute "Ledigenheim", ein Wohnheim für Männer. Nur das kleine Areal, auf dem der neue Gebäudekomplex entstehen soll, steht nicht unter Schutz. "Bauen zwischen Fischer und Bestelmeyer - ein ehrgeiziges Unterfangen", murmelt Harald Hein.

Die Sakralanlage von außen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Ehrgeizig ist auch der Zeitplan. Ende dieses Jahres könnte das inhaltliche Konzept weitgehend stehen, hofft Pfarrer Berger, nächstes Jahr vielleicht schon ein Architektenwettbewerb ausgeschrieben werden. Im Jahr 2025 - daher der Name "Vision Auferstehung 25" - soll mit dem Bau begonnen werden. Welche Gestalt auch immer die Vision letztlich annimmt - ersonnen werden soll das nicht im stillen Kämmerlein von Projektausschüssen, Kirchenvorständen, Finanzplanern und Architekten. Nächster Schritt der Debatte ist eine Gemeindeversammlung am 3. Juli, 19 Uhr. Auf dem Weg zu einem spirituellen, sozialen und kulturellen Zentrum will Bernd Berger möglichst viele Menschen in seiner Gemeinde mitnehmen. "Ich kann mir auch vorstellen, dass manche lieber wollen, dass alles beim Alten bleibt."