Westend Die Kunst des Glaubens

Bei einer Veranstaltungsreihe in der Pfarrkirche St. Rupert gibt es zur Andacht auch Aktionen: Nach einer Performance dürfen Teilnehmer beim Gottesdienst ein Holzkreuz vergolden - als nächstes steht ein Theaterstück an

Von Franziska Gerlach, Westend

Am Altar von St. Rupert tanzt ein bisschen Gold im Abendlicht; ein blonder Junge greift danach. Vorsichtig zerreibt er die Partikel zwischen seinen kleinen Fingern, so wie die blonde Frau mit dem Pinsel und dem Vergoldermesser es ihm erklärt hat - und schon ist es wieder weg. Zerfallen in winzig kleine Teile. "Es ist unsichtbar", sagt Anna Eichlinger und klingt dabei ein wenig geheimnisvoll.

Gezaubert hat da freilich keiner, nicht die Goldschmiedin und nicht das Kind. Auch wenn der Gottesdienst in St. Rupert am Gollierplatz, zu dem die beiden gekommen waren, zweifelsfrei recht außergewöhnlich war. Stanislaus Dorawa, Pfarrer der katholischen Kirchengemeinde im Westend, hielt diesen nicht nur gemeinsam mit dem Erzpriester der griechisch-orthodoxen Gemeinde, Apostolos Malamoussis. Die Teilnehmer durften auch selbst aktiv werden und gemeinsam mit Goldschmiedin Eichlinger ein Holzkreuz vergolden, es gewissermaßen in ein religiöses Kunstwerk verwandeln, das am Ende in einer Prozession geweiht wurde.

Das Material ist in Quadratform auf weißes Seidenpapier gepresst. Die Arbeit erfordert große Konzentration: einmal versehentlich gehustet - und das kostbare Material fliegt davon.

(Foto: Robert Haas)

"Art of Rupert" heißt die dreiteilige Veranstaltungsreihe der Erzdiözese München und Freising, zu der St. Rupert für diesen Mai einlädt. Den Auftakt bildete eine Performance mit Salz, an diesem Samstag, 27. Mai, dreht sich in einem Theaterstück alles um die Liebe - und am vergangenen Wochenende ging es in St. Rupert eben um Gold.

Das Wort "Gold", so erläuterte Pfarrer Dorawa den Gästen seiner Kirche, taucht in den hebräischen Büchern des alten Testaments insgesamt 389 Mal auf, im Neuen Testament spielt es eine weit weniger wichtige Rolle. Allerdings kam Blattgold unter byzantinischem Einfluss seit dem vierten Jahrhundert nach Christus regelmäßig als Hintergrund von Reliefschnitzereien und in der Buchmalerei zum Einsatz, vor allem bei sakralen Szenen und Herrschaftsdarstellungen. Auch die Bedeutung der Farben legte der Geistliche den Münchnern dar - Rot steht für das Blut Christi, Goldgelb soll das Göttliche betonen. Und wäre die Akustik etwas besser gewesen, dann hätte man sicher noch viel mehr Wissenswertes über die Relevanz von Gold im Christentum erfahren.

Andreas Eichlinger und seine Frau zeigten den Besuchern den Umgang mit Pinsel und Vergoldermesser.

(Foto: Robert Haas)

Schön war das Ganze natürlich trotzdem: Orgelspiel und liturgische Gesänge verdichteten sich zu einer andächtigen Stimmung, die ihren Reiz gerade aus dem Miteinander zog, dem gemeinsamen Vergolden eines Kreuzes, aber auch aus der Nähe zu den Geistlichen. Denn wann hat man schon einmal die Gelegenheit, direkt im Altarraum Platz zu nehmen, auf jenen Bänken, auf denen sonst die Ministranten sitzen? Teilnehmerin Andrea Beihler klingt jedenfalls recht begeistert, als sie sich am Ende in den langsamen Prozessionszug einreiht: "Eine neue Art von Gottesdienst", sagt die Protestantin, stelle das für sie dar.

Feinarbeit: "Art of Rupert" ist der Titel der Reihe, die Kunst und Kirche verbinden soll.

(Foto: Robert Haas)

Vermutlich sind solche interaktiven Veranstaltungen aber auch ein Weg für die Kirche, die Menschen in die Gotteshäuser zu locken. Als Alternative in einer Stadt mit einem überbordenden Freizeitangebot. "Wir versuchen, Kirche anders erlebbar zu machen", sagt Manuela Dillmeier, Pfarrgemeinderatsvorsitzende von St. Rupert. Zumal das denkmalgeschützte und zuletzt in den Sechzigerjahren renovierte Gotteshaus gerade ein neues Dach bekommt, 2018 wird es im Inneren renoviert.

Stück für Stück: Die Besucher bekommen in St. Rupert gezeigt, wie man die hauchfeinen Platten aus so genanntem Transfergold aufträgt.

(Foto: Robert Haas)

Die Aktion kommt gut an bei den Teilnehmern, die am Ende noch bei Oliven und Schafskäse beisammenstehen. "Sehr würdevoll und berührend", findet es etwa Gertrud Fassnacht, die eigens aus Sendling gekommen ist. Für sie dürfe es gerne viel mehr solcher Veranstaltungen geben. Bei derart lobenden Worten wundert man sich fast, dass sich Kirche und Kunst nicht häufiger zusammentun im urbanen Raum. Schließlich war die Kirche über Jahrhunderte hinweg der größte Auftraggeber von Künstlern, man denke nur an die Werke des Renaissance-Künstlers Raffael, oder an Michelangelos Sixtinische Kapelle - diese Namen führt Andreas Eichlinger an, Innenarchitekt, Bildhauer und mit Anna Eichlinger verheiratet. Bereits im vergangenen Jahr hat er aus alten Kirchenbänken von St. Rupert eine kleine Kapelle um die Statue der Maria gestaltet; nun hat er ein Kreuz aus dem Holz einer dieser Bänke gefertigt - eben jenes, das es zu vergolden galt. Wie das überhaupt funktioniert, macht Anna Eichlinger den Besuchern vor.

Wer der Goldschmiedin dabei zusah, mit welcher Sorgfalt sie die winzigen Partikel mit einem weichen Pinsel aufnahm, der verstand: Gold ist nicht nur ein überaus kostbares Material, es ist auch überaus flüchtig. Einmal versehentlich gehustet, und es fliegt davon. Die Goldschmiedin hat sich deshalb dafür entschieden, die Laien nicht mit losem Blattgold werkeln zu lassen. Denn: "Es ist unmöglich, so schnell vergolden zu lernen."

Stattdessen gab Eichlinger den Besuchern sogenanntes Transfergold an die Hand, das in Quadratform auf weißes Seidenpapier gepresst ist und sich leichter aufbringen lässt. Jeder der gut 30 Teilnehmer durfte einmal ran, die Oberfläche des Kreuzes ist mit einem halben Quadratmeter groß genug. Und wie man da dicht gedrängt mit anderen Münchnern um einen Tisch stand und im Rhythmus mit ihnen dieselben Handgriffe verrichtete - Blättchen mit Gold auf das Kreuz legen, vorsichtig festtupfen und glatt streichen, Folie abziehen -, da überkam einen ein eigentümliches Gefühl von innerer Ruhe, das man zunächst nicht richtig verorten konnte. Meditativ, würde ein Vertreter der Lifestyle-Branche vielleicht dazu sagen, die ja das Handwerk ebenfalls als Quell der Ausgeglichenheit für sich entdeckt hat.

Doch St. Rupert ist nun einmal eine Kirche, und als bei den Fürbitten eine freundliche Frauenstimme schließlich von München als "reich beschenkter Stadt" spricht, weiß man es plötzlich: Es ist Dankbarkeit.