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Werte und Orientierung:Kirchen im Corona-Vakuum

Statt die Krise als Chance zu begreifen, Noch-Mitglieder an sich zu binden, bieten die Institutionen fast gar nichts

"Später Segen, stiller Abschied", 28. März:

Vor gut einer Woche ging eine Nachricht durch die sozialen Medien, dass am Abend um 21 Uhr alle Kirchenglocken läuten als Zeichen der Solidarität zur Bekämpfung des Corona-Virus. Diese Nachricht stellte sich als Fake heraus und wurde auch zügig dementiert. Aber war die Idee so schlecht?

Kirchen, wo seid ihr? Die Krise um Covid-19 verändert gerade unser Leben und insbesondere unser Zusammenleben. Viele Menschen haben Sorge, wie alles wird. Die Ungewissheit und die Vielfalt der prognostischen Spekulationen über die Zeit danach verängstigt viele. Zeiten wie diese rufen nach Orientierung, gemeinsamen Werten, Besinnung auf das Wesentliche. Größer könnte der rote Teppich für die Kirchen nicht sein.

Die vergangenen Jahre waren in den großen Kirchen Deutschlands geprägt von stetigem Mitgliederschwund. Viele Noch-Mitglieder verlieren die Bindung zur Kirche zunehmend und haben nur den letzten Schritt des Austritts noch nicht vollzogen.

Was hält insbesondere die katholische und evangelische Kirche davon ab, jetzt mit starker Symbolkraft und starken Inhalten den eigenen Mitgliedern Zuversicht zu vermitteln und allen Anderen eine mögliche Heimat als Antwort auf Ängste, Vereinsamung und dem Sehnen nach gesellschaftlichem Konsens aufzuzeigen? Ist durch den Rücktritt von Kardinal Marx als Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz ein Vakuum zur Unzeit entstanden? Haben die Kirchenführer in Deutschland keine Antworten, mit denen sie die Menschen erreichen? Fehlen (nicht nur) in dieser Zeit Kommunikationskanäle mit den Gläubigen und Nicht-Gläubigen? Viele Chancen sind schon vertan - aber es ist nicht zu spät. Stefan Weßling, Krailling

© SZ vom 06.04.2020
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