Liedermacher:Von wegen altersmilde

Liedermacher: Älter, weiser, kompromissloser: Werner Schmidbauer vor dem Start seiner Solotour.

Älter, weiser, kompromissloser: Werner Schmidbauer vor dem Start seiner Solotour.

(Foto: Robert Haas)

Werner Schmidbauer über seine Kindheit und Krisen, die Lust an Live-Konzerten und die politischen Lieder auf seinem neuen Album "Mir san oans".

Von Thomas Becker

Ein Portrait von Werner Schmidbauer? Da gibt es schwierigere Übungen. Nicht, weil man seine Musik und Sendungen seit Jahren kennt und mag. Sondern weil er es einem einfach macht. Das fängt beim Foto-Shooting an. Jacke drüber, und so wie er gerade noch im Studio neben dem Trepperlwirt saß, schaut er jetzt am Giesinger Grünspitz in die Kamera. Einfach so, kein Getue, kein Gepose, authentisch sagt man wohl. Nach gefühlt zwei Minuten kann der Kollege an der Linse Feierabend machen - beim Schreiber wird die Schicht etwas länger dauern. Aber dafür geht er danach mit Gewinn nach Hause. Und mit einem guten Gefühl. Das ist nämlich die Kunst von diesem Werner Schmidbauer.

Es dauert nur eine Frage, und man ist mit ihm mittendrin. Unwahrscheinlich, dass er sich das über all die Talkshow-Jahre ("Live aus dem Alabama", "Dingsda", "Gipfeltreffen") angeeignet hat. Starke Vermutung: Der ist einfach so. Empathisch, interessiert, offen, unverstellt, zugänglich, neugierig. Und ehrlich. Auch gegenüber dem Fremden von der Zeitung. Ehrensache, dass der dann nicht alles schreibt, was gesagt wurde. Ist auch so genug Stoff. Erste Frage, in Sichtweite vom Sechzgerstadion: Ist er da auch ab und zu? Ha! Er war da mal, erzählt er, ist dort D-Jugend-Stadtmeister geworden, als Linksaußen des BSC Sendling. "Im Finale hab' ich nur den Innenpfosten getroffen" erinnert er sich, "Sechzig haben wir geschlagen und Eintracht München. Später war ich Dreispringer - da bin ich mit rechts gesprungen, obwohl ich immer links geschossen hab."

Alle Zitate muss man sich in diesem schmeichelnden Münchnerisch vorstellen, wofür er 2020 mit der Bairischen Sprachwurzel ausgezeichnet wurde und das in gedruckter Form nicht so recht darstellbar ist. Aber wer die vergangenen Jahrzehnte nicht unter dem berühmten Stein gelebt hat, kennt seine Stimme eh, aus dem Fernsehen, von der Bühne. Aber weiter im Lebenslauf. Kindheit und Jugend sind abgehakt, ehe man die Tegernseer Landstraße überquert hat: geboren im Westend, Gollierstraße, Hausgeburt, danach Laim, Großhadern, der Opa Schlosser bei der Tram, der Vater Werkzeugmacher auf der Schwanthalerhöhe.

Er hat sich mit dem neuen Album einiges von der Seele schreiben müssen

Als es um den Papa geht, ist das Studio erreicht, wo es bei Kaffee und Wasser weiter geht: Vor 36 Jahren stirbt der Vater bei einer Skitour, erzählt Schmidbauer, der damals 25 ist. Im Jahr zuvor ist er erstmals wieder mit dem Papa auf Skitour, Tiefschneewoche bei Mittersill. Im Jahr darauf ist der Vater mit einer Gruppe unterwegs, will bei schlechter Sicht nicht auf die Anderen warten - und stürzt über eine Klippe. "Mein erster großer Schicksalsschlag", sagt Schmidbauer, "bis dahin ist es mir immer gut gegangen, ich hab' mit Ecco Meineke die Kleinkunstbühnen aufgemischt. Mit 26 kam mein erster Sohn zur Welt. Den Großvater hat er nie erlebt. Und jetzt bin ich selber gerade Opa geworden." Drei erwachsene Kinder aus zwei Ehen hat er, immer noch ein Haus in Bad Aibling, wo er lange gelebt hat; seit der Pandemie ist er mit seiner Lebenspartnerin in Kempten daheim. Und startet am 3. Dezember seine Solo-Tour "Mia san oans", in Schuhbauers Tenne in Kirchdorf an der Amper - mit einem sehr persönlichen, aber auch sehr politischen Programm. Er hat sich einiges von der Seele schreiben müssen.

Liedermacher: Er verausgabt sich bei jedem Konzert, wie 2018 mit Pippo Pollina und Martin Kälberer im Programm "Süden II".

Er verausgabt sich bei jedem Konzert, wie 2018 mit Pippo Pollina und Martin Kälberer im Programm "Süden II".

(Foto: Till Jenninger)

2024 feiert Schmidbauer 45-jähriges Bühnenjubiläum. Mit 17 der erste Gig: Liederbühne Robinson, mit Ecco Meineke. Verdammt lang her, und doch findet sich ein Song, den die beiden damals schon performten, auch auf dem neuen Album von Schmidbauer, dem ersten Solo-Werk seit langer Zeit. "616 Pflasterstoana" heißt das Stück, und allein dieser Song, seine Genese und wie er auf der Platte gelandet ist, erzählt viel über den Schmidbauer Werner. Das Lied entstand so: Der 17-Jährige sitzt in der S-Bahn, als an der Hackerbrücke das bezauberndste Mädchen einsteigt, das er je gesehen hat, lacht ihn an, sagt keinen Ton - und steigt aus, in Laim. Zurück bleibt der - Thomas Tuchel würde sagen: schockverliebte - Werner, der nur noch einen Gedanken hat: Wie kann ich sie wiedersehen? Jeden Tag um die selbe Uhrzeit kommt er also zum Laimer Bahnhof, in der Hoffnung, dass die Bezaubernde wieder aussteigt. Weil das auf Dauer fad wird, zählt der Verliebte zwischen den S-Bahnen die Pflastersteine bis Bahnsteigende, wochenlang. Schade, dass sie den Laimer Bahnhof gerade erneuern.

"Pflasterstoana" schrieb er aus Liebeskummer mit 17. Jetzt singt er es mit seinem Sohn.

Eine schön gefühlige Geschichte, typisch Schmidbauer halt. "Das ist jetzt ein Lieblingslied meines Sohnes Valentin", erzählt er. Der Junior sei nebenher selbst Liedermacher, trete gelegentlich in Berlin als Valo auf, habe aber nie den Punch gehabt, das professionell zu verfolgen, meint der Papa. "Ein Lied fürs Album fehlt mir noch, hab' ich zu ihm gesagt, und er meinte: Nimm doch 'Pflasterstoana'! Hast du nie aufgenommen. Stimmt, gibt's nur auf Kassette. Ich sagte: Aber nur wenn du mitsingst. Jetzt spielen wir ein Vater/Sohn-Duett, einen Song, den ich elf Jahre vor seiner Geburt geschrieben habe!" Kürzlich ist er mit dem Junior in Kempten aufgetreten. "55 Zuhörer: So Sachen mag ich wahnsinnig gern." Oder zuletzt ohne Mikro im ausverkauften Weinbeißer in Anzing, vor 35 Leuten - am Tag davor in Altusried waren es 4000. "Ich komme ja aus den Klubs, und am schönsten ist es, wenn es so eng ist, dass kein Platz für den Gitarrenständer ist."

Liedermacher: Zwei Jahrzehnte waren sie als Duo unterwegs: Werner Schmidbauer und Multi-Instrumentalist Martin Kälberer (links).

Zwei Jahrzehnte waren sie als Duo unterwegs: Werner Schmidbauer und Multi-Instrumentalist Martin Kälberer (links).

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

23 Jahre hat Schmidbauer mit Martin Kälberer gespielt, auch mal mit Pippo Polina, Hannes Ringlstetter oder Anderen, aber Kälberer, dieser begnadete Multi-Instrumentalist, war eigentlich immer dabei. "Wir haben uns nie zerstritten", erklärt Schmidbauer, "wir wollten nur als Duo aufhören in dem Moment, wo es wirklich gut lief, wo wir eigentlich für uns fast zu große Plätze gespielt haben. Beim Abschieds-Open-Air in Rosenheim kamen zwei Mal 7500 Leute: sehr verblüffend, aber ein guter Moment. Marti hat zudem ein Solo-Projekt, und ich bin wahnsinnig gern allein unterwegs."

Der 62-Jährige hat auf der Zeitmaschine "back to the roots" gedrückt, ist seit der Pandemie solo am Weg, mit VW-Bus, zwei, drei Gitarren und ein paar Kabeln. Soundcheck mit dem Haustechniker, Merchandising, Auf- und Abbau: "Das gehört dazu. Ich bin Handwerkssohn, ein Lieder-Macher." Außer Kälberer an Fender Rhodes und Percussion, der auch den Produzenten gab, sind beim Album noch an Bord: Alex Klier am Bass, Jean-Pierre von Dach an der Gitarre und Dorino Goldbrunner am Schlagzeug.

Was treibt ihn also um, den Handwerker? Warum ein Solo-Album? Nun: Es musste einiges raus. Schmidbauer sagt: "In den letzten sechs Jahren habe ich so viel Leben in die Amphore geschüttet, die vorher leer war. Ich hab' erst mal leben müssen, um schreiben zu können. Und mit ein bisserl Distanz hab' ich mich gefragt: Hey, wo bistn jetzt? Dann fallen dir Dinge ein, und du schreibst." Die Themen? Nur halb im Scherz sagt er: "Ich spare mir die Kohle für den Psychiater und erzähle meine Geschichte."

Eine Weile ging es ihm nämlich nicht gut. Dabei war das künstliche Kniegelenk vor sieben Jahren noch eine der einfacheren Baustellen. Lange musste er starke Medikamente nehmen, gegen Muskelrheuma, das ihm Schnapp-Finger bescherte: Finger, die sich nicht strecken lassen, weil die Sehne entzündet ist. Acht Hand-OPs waren nötig. Heute sagt er: "Ich bin total glücklich, dass ich alle Extremitäten wieder gut hingekriegt habe. Das war ein Wendepunkt. Ich hab' gemerkt: Du musst dich kümmern um dich!"

In Indien findet er zu einem neuen Lebensstil. Jetzt schaltet er zwischendurch einfach mal ab.

2018 fährt er zu einer Ayurveda-Kur nach Indien, zwei Stunden weg von Mumbai, einen Monat lang. Ausleitung, Meditation, Yoga: Erneuerung! "Ich esse schon noch Fleisch, aber viel weniger, nix mehr vom Schwein. Ich trinke warmes Wasser, meide Industriezucker. Und ich lasse mir Zeit beim Essen. In meinem Beruf kommt die Hauptmahlzeit ja nachts um halb elf." Jetzt genügt ihm abends eine Suppe. Nach Indien ist er seitdem jedes Jahr gefahren, der Körper sei ein anderer, keine Mülldeponie mehr. Heuer geht er in eine Dependance in Deutschland, wieder einen Monat lang self care, kein Handy, nichts. "Wir haben alle so viel Input, sind immer online, manche sogar per Armbanduhr!"

Wo waren wir gleich wieder? Ach ja, das Album. Es sei ein sehr persönliches, aber auch das politischste seiner Alben: ",Mia san oans' ist entstanden aus dem Ärger, den wir seit drei Jahren haben, weltweit, seit dem Beginn der Pandemie und der Impfdebatte. Diese Spalterei, diese Unversöhnlichkeit, die jeden Tag wächst, die durch Familien geht!" Mit dem Vater habe er auch viel und laut gestritten, aber danach ein Bier mit ihm getrunken - weil da Respekt war. Heute würden die Leute dank der Internet-Algorithmen in ihrer Blase gehalten: "Irgendwann müssen wir doch wieder anfangen miteinander zu reden und zuzuhören!"

Den europaweiten Rechtsruck erklärt er sich so: "Die Menschen haben Angst, dass es ihnen an den Geldbeutel geht, Angst vor Globalisierung, vor Andersfarbigen. Aber wir werden es nur miteinander reißen - vollkommen naive Forderung, natürlich." Ein Cover ist unter den elf Songs, Stefan Stoppoks "Pack mit an!", für Schmidbauer "ein Lied an all die wütenden jungen Leute, die nicht wissen, wohin mit ihrer Kraft. Darin heißt es: 'Nimm den Stein, den du gerade schmeißen wolltest und leg ihn zu den anderen. Denn wir brauchen den, um die Straße zu bauen, auf der wir weiter wandern.' Wir müssen Energien bündeln, nicht auseinander reißen, sonst haben wir keine Chance."

"Unsere Generation hat sich verschätzt. Wir haben gedacht, wir packen das."

Er werde zwar älter, aber nicht milder: "Früher war ich Kompromissler, jetzt bin ich wütender. Unsere Generation hat sich verschätzt. Wir haben gedacht, wir packen das. Dabei sind wir mit Luxus zugeschüttet worden, haben die fossilen Energien ohne Ende ausgebeutet. Deshalb haben wir die Pflicht, den Jungen zu helfen, unseren Karren aus dem Dreck zu ziehen. Die Jungen werden ein anderes Leben haben, nicht so leicht, nicht so friedfertig wie wir, aber sie werden es stemmen müssen."

Und während der Fotograf vom Anfang der Geschichte schon 47 weitere Bilder geschossen hat oder längst in der Kneipe sitzt, hockt der Schreiber immer noch in Giesing und kommt mit diesem Schmidbauer Werner vom Hölzchen aufs Stöckchen, gemeinsam philosophiert man über den Glauben an das Gute, über "Rust never sleeps" von Neil Young, die Fußballnationalmannschaft, über Polt und Trump, über Gerd Rubenbauer und Kardinal Marx, und müsste Schmidbauer nicht noch nach Kempten, wäre die Chose wohl in einer der umliegenden Boazn geendet. Schade eigentlich.

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