Gottesdienst für Werner Lorant„Einer der hinlangt, der ehrlich ist, berechenbar, vielleicht manchmal laut“

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Trauergäste und Fans schrieben sich ins Kondolenzbuch ein, das am Altar lag.
Trauergäste und Fans schrieben sich ins Kondolenzbuch ein, das am Altar lag. (Foto: Florian Peljak)

Die Gedenkfeier der Sechzger-Fans für den ehemaligen Löwen-Trainer Werner Lorant am Maifeiertag ist würdig und heiter zugleich. Die Trauergäste erinnern sich an einen kantigen Charakter, der aber mehr war als nur der „Werner Beinhart“.

Von Tom Soyer

Wie verabschiedet man den kantigen Löwen-Trainer Werner Lorant, der in seinen „goldenen Jahren“ nicht nur von seiner Frisur her immer unter Starkstrom stand für die Münchner Löwen? Und wie bekommt man als Münchner Traditionsverein eine Giesinger Kirche beinahe in Hörweite des Sechzgerstadions für so eine Trauerfeier voll? Die Antwort am Maifeiertag fällt eindeutig aus: Man lässt den 1860-Fan und Pfarrer Rainer Maria Schießler diese Feier abhalten, und schon ist das Stadion, pardon, die Kirche voll.

Die Sache geht perfekt auf, würdig und heiter zugleich. Die drei Fans der „Holzländer Löwen“ kommen eigens aus Ruppertszell (Kreis Aichach-Friedberg), nicht nur aus Respekt vor dem am Ostersonntag gestorbenen Werner Lorant, sondern nach eigenen Worten schon auch, weil diesem Pfarrer Schießler der Ruf einer ganz besonderen Lebensnähe vorauseilt.

Nach gut einer Stunde Abschiedsfeier in der Giesinger Pfarrkirche St. Helena fühlen sich die „Holzländer“ bestätigt: „Sensationell.“ Genauso ergeht es Erika Feierabend, der jüngeren Schwester von Werner Lorant, die ein paar kurze, bewegende Worte an die Fans richtet und ihnen mitteilt, dass ihr Bruder in der Familiengruft in seiner nordrhein-westfälischen Heimat Welver beigesetzt wird. „Er würde wollen, dass wir ihm in Liebe Lebewohl sagen“, sagt sie ins Mikrofon.

Gut 400 treue 1860-Fans verabschiedeten sich von Werner Lorant.
Gut 400 treue 1860-Fans verabschiedeten sich von Werner Lorant. (Foto: Florian Peljak)
Pfarrer Rainer Maria Schießler hielt sich nicht lange mit Trauer auf, sondern feierte Lorants Leben.
Pfarrer Rainer Maria Schießler hielt sich nicht lange mit Trauer auf, sondern feierte Lorants Leben. (Foto: Florian Peljak)

Die ganze Feier ist ein Beweis dieser Liebe. Das beginnt damit, dass sich eine halbe Stunde vor der Trauerfeier des Clubs ein Whos who der besseren Sechzger-Vereinshistorie vor der Kirche einfindet: unter anderem Fredi Heiß, Daniel und Willi Bierofka, Roland Kneißl, Marco Kurz, Harald Cerny, Thomas Miller, Manni Bender, Peter Pacult, Michael Hofmann, Jens Jeremies, Miroslav „Miki“ Stević,  Bernhard Winkler und der Ex-1860-Spieler Manni Schwabl, jetzt Präsident der Spielvereinigung Unterhaching. Auch der aktuelle Trainer und einige aktuelle Spieler, Heinz Wildmoser Junior, der kultige frühere Sechzig-Stadionsprecher Stefan Schneider und dessen Nachfolger Sebastian Schäch sind da, umgeben von gut vierhundert treuen Fans.

Nun handelt es sich bei der Anhängerschaft des TSV 1860 München erwiesenermaßen um eine, die geübt ist, die Schicksalsschläge der Fußballtabelle und des Nichtaufstiegs durch unbedingte Treue und beispiellose Resilienz abzufedern. Folgerichtig hält sich auch Pfarrer Schießler bei dieser Feier nicht lange mit Trauer auf, sondern feiert das Leben, wie es eben ist: keineswegs perfekt, aber im theologischen Sinne „vollkommen“. Mit vielen Talenten, mit Höhen und Tiefen, auch bei Werner Lorant – aber auch mit Menschen, die Lorant halfen, als es ihm nach seinen glänzenden Karrierejahren schlecht ging. Dazu zählt, nicht ausdrücklich genannt, ein Campingplatzbetreiber und Sechzig-Fan in Waging, der Lorant nach seiner Krise einen Lebensplatz schuf.

Natürlich erinnert Schießler als Sechzgerfan auch an die großartigen Erfolge unter Werner Lorant, an den Aufstieg aus der Fußball-Bayernliga in die erste Bundesliga. Da strahlt Schießler, ihm ist diese Feier eine „wirklich große Freude und Ehre“. Er habe eh frei gehabt, verrät er am Rande, er sei sonst am 1. Mai auch öfter „beim Philipp Lahm draußen in Gern, zum Maibaum-Aufstellen – aber der Maibaum dort hält heuer noch“. Deshalb also diesmal: „Keine traurige, eher eine nachdenkliche Abschiedsfeier“, der TSV 1860 habe ihn darum gebeten. Den Farben Weiß und Blau widmet er sich am 1. Mai gerne, das ist der Festtag der Patrona Bavariae, deren liturgische Farben sind ja zugleich die Sechzger-Vereinsfarben.

Einmal gibt es in der Kirche sogar dröhnenden Applaus

Vereinsoffizielle sprechen bei dieser Feier erstaunlicherweise nicht. Dafür bringt Pfarrer Schießler ein tiefes persönliches Verständnis und viel Sympathie für Lorant mit, den er öfter „Werner Beinhart“ nennt, der Spitzname des berüchtigt harten Trainers. Um ihn zu würdigen, bedient er sich bewusst bei den Briefen des Apostels Paulus an die Korinther („Paulus war der Sport-Freak unter den Aposteln“, „ein Stratege“), aber auch aus einer Mail, die er dieser Tage erhalten habe. Darin gehe es um eine fiktive Szene mit dem gerne grantig-explosiven Rhetoriker Lorant vor der Himmelspforte: Die Pforte und Petrus schon in Sichtweite, näherten sich Engel und ermahnten den Ankömmling. „Werner, reiß di zamm, bleib ruhig, scheiß de net glei zamm, sonst kommst Du da nicht rein!“ Worauf Lorant nur entgegne: „Des is mir wurscht. Mit Stadionverbot kenn i mi aus!“ Dröhnender Applaus füllt die Pfarrkirche. Und andächtige Gebete ebnen dann vielleicht doch jenen Weg an der Pforte.

Lorant „war ein offener Charakter, einer der hinlangt, der ehrlich ist, berechenbar, vielleicht manchmal laut, aber auch erlebbar – er hat für viele gute Erinnerungen gesorgt“, resümiert Pfarrer Schießler. Und Manni Schwabl schreibt „vielen Dank, Werner, für die tolle Zeit mit Dir bei Sechzig“ ins Kondolenzbuch – und sagt zur harten Hand des Werner Beinhart mit dankbarem Respekt: „Gschadt hats uns net!“ Die Tugend der Leidensfähigkeit gibt es bei Sechzig nicht nur bei den Fans.

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Nachruf auf Werner Lorant
:Der Löwenvater

Werner Lorant war der letzte Trainer, der den TSV 1860 München zu Erfolgen führte. Er war berühmt für seine Härte und seine Schimpftiraden, aber für seine Spieler immer mehr als das. Nachruf auf eine Ikone der Bundesliga der Neunzigerjahre.

SZ PlusVon Thomas Gröbner und Markus Schäflein

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