Süddeutsche Zeitung

Werksviertel:Baubeginn fürs Konzerthaus könnte sich um zwei Jahre verschieben

  • Der Haushaltsausschuss des Landtags gibt erst einmal kein Geld für das Konzerthaus-Projekt im Werksviertel frei.
  • Die Konsequenz daraus: Der für 2018 geplante Spatenstich verschiebt sich - und es bleibt deutlich mehr Zeit für detaillierte Planungen.
  • Erst im Jahr 2020 dürften die Bauarbeiten beginnen.

Münchens Klassikfreunde sind ja bekannt für ihr exzellentes Gehör, das jede falsch gespielte Sechzehntelnote hundert Meter gegen den Wind bemerkt. Deshalb dürften sie auch das kollektive Aufatmen wahrgenommen haben, das am Donnerstag aus diversen ministeriellen Amtsstuben drang: ein großer Seufzer der Erleichterung darüber, dass der Haushaltsausschuss des Landtags erst einmal kein Geld für das Konzerthaus-Projekt im Werksviertel freigibt, damit den für 2018 geplanten Spatenstich verschiebt und deutlich mehr Zeit für detaillierte Planungen lässt.

"Endlich hält sich die Politik mal raus und lässt uns die Zeit, die wir brauchen", heißt es aus einem der Planungsstäbe. Im Kultusministerium klingt es diplomatischer: "Es bleibt unser Ziel, die Baumaßnahme so zügig wie möglich voranzubringen, dabei aber so gründlich wie nötig zu planen." Nach SZ-Informationen bedeutet das konkret: Erst im Jahr 2020 dürfte es einen ersten Spatenstich und den Aushub für den Bau geben, der dann zügig hochgezogen werden soll.

Bisher war die Planung anders: 2018 hätte erste Aushubarbeiten stattfinden sollen, um Bodenproben zu nehmen und um zu sehen, ob auf dem früheren Industriegelände noch ein paar Fliegerbomben verschüttet sind. Daraus hätte man einen symbolischen Spatenstich machen können. Den hätte Ministerpräsident Horst Seehofer gerne gefeiert, um noch vor Ablauf der Legislaturperiode Vollzug bei dem Projekt vermelden zu können, das er zu deren Beginn 2013 versprochen hatte.

Um dieses Datum 2018 kreisten daher bislang alle Planungen, die Experten im Kultus- und Bauministerium sowie im Staatlichen Bauamt sahen sich unter erheblichem Zeitdruck. Doch den wollen die Landtagsabgeordneten nun fraktionsübergreifend herausnehmen. Bei einer Abgeordneten-Reise zu den Konzerthäusern von Lahti, Paris, Luzern, Luxemburg und Hamburg sei allen klar geworden, dass es viel mehr Zeit für eine detaillierte Planung, für eine perfekte Akustik und für ein schlüssiges Betriebskonzept brauche.

Tatsächlich sind rund um das Projekt immer noch fast mehr Fragen offen als gelöst. Auch die der Architektur: Das Bregenzer Büro Cukrowicz Nachbaur siegte zwar beim Wettbewerb im Oktober. Der Weg zu einem Vertragsabschluss mit den Gewinnern ist aber noch weit und wird sich bis ins Frühjahr 2018 ziehen. Derzeit sammelt das Bauamt Angebote der fünf Erstplatzierten des Wettbewerbs ein. Von Januar an wird verhandelt, bis Endangebote vorliegen. Erst dann gebe es einen Zuschlag, heißt es aus dem Bauministerium. Nach SZ-Informationen gilt es als wahrscheinlich, dass es am Ende bei Cukrowicz Nachbaur und ihrem gläsernen Haus bleiben wird - zu eindeutig war das Votum des Preisgerichts dafür. Aber fix ist noch lange nichts.

Das gilt erst recht für die Akustik. Kommende Woche soll es einen Workshop mit Experten und auch Mitgliedern des BR-Symphonieorchesters (BRSO) geben. Mit den Erkenntnissen daraus soll im Januar ein europaweites Vergabeverfahren starten. Ein Vertragsabschluss sei bis zur Jahresmitte zu erwarten, so das Bauministerium. Bürokratisch ist das Verfahren klar, inhaltlich bleibt es knifflig. BRSO-Chefdirigent Mariss Jansons, Spiritus Rector des Konzerthausprojektes, präferiert klar den japanischen Akustiker Yasuhisa Toyota. Der ist aber auch mit Valery Gergiev befreundet, dem Chef der Münchner Philharmoniker, für die er bereits ein Konzept für die akustische Sanierung des Gasteigs erarbeitete. "Man muss in München ja nicht zweimal das Gleiche machen. Jetzt gibt es die Chance, etwas Neues zu entwickeln", forderte prompt Michael Piazolo (Freie Wähler) am Mittwoch im Landtag. Bau- und Kultusministerium betonen, dass es einen offenen Wettbewerb geben müsse - ohne jede Vorfestlegung.

Sehr wohl festlegen solle sich Kultusminister Ludwig Spaenle beim Betriebskonzept für das neue Haus, fordern die Abgeordneten. Das vermied der CSU-Politiker bisher, weil er sich dabei auf vermintes Terrain begibt. Viele Künstler, so auch Jansons, fordern einen Intendanten für das Konzerthaus, der die künstlerische Richtung vorgibt. Strikt dagegen sind die privaten Konzertveranstalter, die durch eine starke Leitung auch starke Restriktionen für sich fürchten. Zwischendrin stehen die Klangkörper des BR, die zwar ein florierendes Haus wollen, einen Großteil des Programms aber selbst bestreiten werden und eigene künstlerische Leitungen haben. Spaenle hatte vor vier Wochen signalisiert, dass der Freistaat deutlich mehr als einen reinen Geschäftsführer haben wolle. Am Donnerstag kündigte sein Haus an, dem Landtag "in absehbarer Zeit ein Konzept" vorzulegen.

Das Bauamt wird zudem einen anderen Wunsch des Landtags erfüllen: Bis Mitte 2018 werde ein externer Projektsteuerer gefunden sein, der dann auf alle Kosten und Konflikte achten werde. Und eines sei klar: "Sämtliche Baumaßnahmen werden erst nach Zustimmung des Haushaltsausschusses erfolgen."

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SZ vom 08.12.2017/infu
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