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Weniger Fixierungen:Humaneres Heimleben

Im Münchenstift gibt es Niederflurbetten und Sitzsäcke statt Bettgitter und Gurte.

Lange Zeit war es normal, gebrechliche oder demente Menschen in Pflegeeinrichtungen zu fixieren. Auch Psychopharmaka gehörten zum Heimalltag. Inzwischen geht man sensibler vor - mit Erfolg.

Von Sven Loerzer

Bettgitter und Gurte, lange Zeit benutzt, um gebrechliche Menschen aus vermeintlicher Fürsorge im Bett zu halten, sind in einigen Münchner Altenpflegeheimen gar nicht mehr oder nur noch in Einzelfällen im Einsatz. Insgesamt ist die Anwendung solcher "freiheitsentziehenden Maßnahmen", wie es im Fachjargon heißt, in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen.

2007 wurden noch etwa 29 Prozent der Pflegeheimbewohner fixiert, seither ist deren Anteil gesunken: 2010 waren es 14 Prozent, 2012 noch sieben Prozent. Im vergangenen Jahr lag die Quote nur noch bei fünf Prozent. "Das dürfte deutschlandweit ein einmaliger Stand für eine Großstadt sein", sagt Sebastian Groth, Hauptabteilungsleiter im Kreisverwaltungsreferat. Diesen Erfolg führt er vor allem auf die Beratung der Heimaufsicht über Alternativen zurück.

Mehrere Heime haben das Optimum erreicht

Lange Zeit war es ein festes Ritual, die Bettgitter hochzuziehen, nachdem Heimbewohner ins Bett gebracht worden waren. Es entsprach dem Sicherheitsdenken der Pflegekräfte, aber auch der Angehörigen, dass Gitter gebrechliche Menschen vor Stürzen schützen könnten. In einigen Heimen lag weit mehr als die Hälfte der Bewohner nachts hinter Bettgittern. Über Alternativen, die weit weniger die Freiheit der Betroffenen einschränken, wurde kaum nachgedacht - bis die Heimaufsicht 2007 begann, die Fixierungen zu erfassen, und die jeweiligen Quoten der Heime anonymisiert veröffentlichte.

Mehrere Heime haben inzwischen das Optimum von null bis ein Prozent erreicht, aber es gebe auch noch Häuser mit 15 Prozent, erklärt Rüdiger Erling, Leiter der Heimaufsicht. "In Einzelfällen, etwa bei komplexen Krankheitsbildern, kommt man manchmal nicht umhin, nach eingehender Prüfung die Freiheit einzuschränken oder zu entziehen."

Die Heimaufsicht habe die Heime intensiv beraten und Alternativen wie etwa absenkbare Betten, spezielle Stühle oder Gehhilfen und auch in schwierigen Einzelfällen mögliche Lösungen diskutiert. Groß waren am Anfang die Haftungsängste - Krankenversicherungen hatten versucht, Heime nach Stürzen für die Behandlungskosten in Regress zu nehmen. Inzwischen hat sich diese Haltung verändert, der die städtische Betreuungsstelle frühzeitig entgegengetreten war. Auch das Betreuungsgericht des Amtsgerichts München, das über die Genehmigung von Fixierungen entscheidet, hat dazu einen Beitrag geleistet. Vor zweieinhalb Jahren hat es den "Werdenfelser Weg" eingeschlagen. Nach dem dortigen Vorbild setzt das Gericht vor der Entscheidung über eine Fixierung spezialisierte Verfahrenspfleger mit pflegefachlichem Wissen ein, die mit den Beteiligten klären, ob alle Möglichkeiten zur Vermeidung von freiheitsentziehenden Maßnahmen ausgeschöpft sind.

Weniger Papierkram, mehr Zeit

Damit nicht der Effekt "Bettgitter runter, Psychopharmaka rauf" eintritt, hat die Heimaufsicht seit 2008 auch den Einsatz dieser Medikamente untersucht. Die letzte Erhebung mit 771 nach dem Zufallsprinzip ausgewählten Bewohnern ergab, dass bei 56 Prozent eine Verordnung von Psychopharmaka vorliegt. Auffallend ist dabei, dass die Medikamentengabe im Tagesverlauf ansteigt. Die Hälfte aller Gaben erfolgt abends oder nachts. Das könnte damit zusammenhängen, dass es morgens mehr, nachmittags und abends weniger Betreuung gibt. Allerdings sei ein Kausalzusammenhang noch nicht geklärt.

Betreuung im Seniorenheim

Die Heime lassen sich beraten und finden oft Alternativen zur Fixierung.

(Foto: dpa)

Besonders kritisch hat sich die Heimaufsicht die sogenannte Bedarfsmedikation angesehen, bei der Psychopharmaka in vom Arzt festgelegten Situationen, wie etwa bei Angstzuständen, gegeben werden können. Werde da ein starkes Medikament nachts um 3.30 Uhr gegeben, könne die Wirkung bis in die Nachmittagsstunden anhalten: Der Bewohner kann so kaum die heiminterne Tagesbetreuung besuchen und sei zudem sturzgefährdet.

Bei der Gabe von Psychopharmaka zeichnet sich nun ebenfalls eine positive Entwicklung ab: "Es herrscht mehr Sensibilität", sagt Groth. "Die Verordnung von Psychopharmaka in den Nachtstunden ist deutlich nach unten gegangen." Wurden 2011 noch 66 Prozent aller verordneten Psychopharmaka abends oder nachts verabreicht, waren es vergangenes Jahr noch 57 Prozent.

Mehr Sensibilität bei den Medikamenten

Noch positiver fällt das Ergebnis bei der Bedarfsgabe aus: Die erfolgte 2011 in 74 Prozent der Fälle abends oder nachts, 2013 nur noch in 36 Prozent der Fälle. Dies zeige, dass bei den Pflegekräften große Sensibilität vorhanden sei. Allerdings dürfe auch nicht der Eindruck entstehen, dass Psychopharmaka gar nicht vergeben werden sollten. Vor allem demenzkranke Menschen, die an erhöhten Angstzuständen, schizophrenen Psychosen oder Zwangsstörungen leiden würden, könne die angstauflösende, krampfhemmende und beruhigende Wirkung helfen.

Auch die vielfach von Pflegekräften kritisierte Bürokratie, den "Papierwahnsinn", hat die Heimaufsicht angegangen. Aus dem wissenschaftlich begleiteten Pilotprojekt mit fünf Heimen ist ein Beratungskonzept "gegen zu viel Papier" in der Pflege entstanden. Und das sieht nicht neue "Musterformulare" vor, sondern will bei den Mitarbeitern bewusst machen, was an Information wirklich nötig ist für ihr pflegerisches Handeln und was sie dafür brauchen. "So kommt mehr Zeit beim Bewohner an", betont Groth.

© SZ vom 22.04.2014/wolf
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