Weltstadt von unten:Aus der Zeit gefallen

U-Bahn Haltestelle Marienplatz
(Foto: Florian Peljak)

Mal überfüllt, mal schmutzig, mal geliebt: U-Bahnen bewegen in den großen Metropolen Millionen - doch das Verhältnis ist nicht immer konfliktfrei. Sechs Einblicke in den Untergrund von München bis Moskau

Von Andreas Schubert

Vor 50 Jahren, am 19. Oktober 1971, wurde die Münchner U-Bahn eröffnet. Und wer sich für Oldtimer interessiert, die damals unterwegs waren, der muss nicht unbedingt ins Verkehrszentrum des Deutschen Museums oder ins MVG-Museum gehen. Da reicht es schon, ganz normal mit der U-Bahn zu fahren. Denn ein Großteil der Züge, derzeit noch 155, sind sogenannte A-Wagen und mindestens 38 Jahre alt. Echte Oldtimer eben! Für dieses stolze Alter wirken sie immer noch recht gepflegt, auch wenn die Holzfurnier-Optik aus den Siebzigerjahren dann doch ein wenig aus der Zeit gefallen ist und die MVG jedes Jahr durch Vandalismus einen Millionenschaden zu beklagen hat. Dass die U-Bahn relativ sauber wirkt, liegt daran, dass die Wagen tagsüber an den Endhaltestellen eine Schnellreinigung bekommen und dann nachts noch einmal geputzt werden. Eine intensivere Schönheitskur gibt es dann bei den regelmäßigen Wartungsarbeiten der Züge.

Weil wegen der Corona-Pandemie zeitweise alles dicht war und noch heute viele Menschen im Homeoffice arbeiten, ist das U-Bahnfahren als Passagier zwar nicht komplett, aber immerhin noch relativ entspannt. Vor der Pandemie passierte es nicht selten, dass man Züge der stark ausgelasteten Linien U 3 und U 6 am Morgen vorbeifahren lassen musste, weil man partout nicht mehr in die Wagen kam. Das geschieht aktuell eher seltener.

439 Millionen Fahrgäste nutzten 2019 die Münchner U-Bahn, im Schnitt knapp 1,35 Millionen täglich. Im Corona-Jahr 2020 waren es "nur" 251 Millionen Fahrgäste, also durchschnittlich knapp 700 000 am Tag. Zum Vergleich: Die S-Bahn nutzten vor Corona täglich 850 000 Menschen. Die Zahl zeigt, wie wichtig die U-Bahn für den Münchner Verkehr ist. Sie ist mit einer Höchstgeschwindigkeit von 80 Kilometern pro Stunde nach der S-Bahn das schnellste Fortbewegungsmittel. In 13 Minuten vom Harras zur Münchner Freiheit, das schafft kein Auto und auch kein Fahrrad.

Erst mit dem U-Bahnbau (ja, und auch mit der S-Bahn) hatte sich München die Bezeichnung Metropole verdient. Die Stadt hinkte damals zwar 108 Jahre hinter London her, 69 Jahre hinter Berlin, 67 Jahre hinter New York und 59 Jahre hinter Hamburg - zeigte sich seinerzeit aber stolz, die dritte U-Bahn-Stadt Deutschlands zu sein.

Als die Kölner schon 2018 "50 Jahre U-Bahn" gefeiert haben, lagen sie damit nicht ganz richtig. Denn die erste U-Bahn dort war nichts anderes als eine Tram im Tunnel. So eine "Unterpflasterbahn" war zunächst auch in der bayerischen Landeshauptstadt vorgesehen, blieb den Münchnern dann aber doch erspart.

Dem Ausbau des Münchner U-Bahnnetzes fielen über die Jahre allerdings viele Trambahnlinien zum Opfer. Erst 1986 beschloss der Stadtrat, an den beliebten Straßenbahnen festzuhalten, seit 1996 wird das Tramnetz sogar wieder ausgebaut, weitere Strecken sind aktuell in der Planung. Vielleicht ist es diese urbane Kombination aus Trambahn, U-Bahn und S-Bahn, die eine richtige Weltstadt erst ausmacht. New York, London oder Hamburg haben so was übrigens nicht - da können sie sich noch so lang Metropolen schimpfen.

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