Weltmusik:Ein Mann und seine Laute

Weltmusik: Fauaz Nazan fühlt sich in Oberbayern richtig wohl. Wenn er doch mal wehmütig wird, spielt er Tanbur.

Fauaz Nazan fühlt sich in Oberbayern richtig wohl. Wenn er doch mal wehmütig wird, spielt er Tanbur.

(Foto: Carmen Voxbrunner)

Fauaz Nazan aus Syrien spielt auf einem Benefizkonzert für seine Heimatstadt Afrin

Von Ekaterina Kel, Emmering/Grafrath

Firdos Nazan stellt ein Tablett mit dunkelblauen Tassen und einer Zuckerdose auf den Couchtisch. Es gibt schwarzen Tee, die rundliche Frau mit hennafarbenen Haaren schenkt ihn aus einer schweren, dunklen Kanne ein. Dann setzt sie sich neben ihren Mann Fauaz Nazan und lässt ihn erzählen. Denn obwohl sie besser Deutsch spricht als ihr Mann, geht es an diesem Abend im Wohnzimmer der Nazans um zwei andere Familienmitglieder: den Mann des Hauses Fauaz Nazan und seine Langhalslaute, Tanbur auf Kurdisch.

"Mein Tanbur ist das einzige, was ich unbedingt auf meiner Flucht aus Syrien mitnehmen wollte", erzählt Nazan. Das war vor drei Jahren. Den größten Teil der Strecke ist er gelaufen. 800 Kilometer zu Fuß, aus Syrien in die Türkei, dann nach Griechenland, von dort aus nach Mazedonien, Serbien und noch weiter. Eigentlich wollte er nach Schweden, wo sein ältester Sohn studiert, doch in Passau schnappte ihn die Polizei. Er lacht und umfasst sein rechtes Handgelenk mit den Fingern der linken Hand, um Handschellen zu symbolisieren. Ob er wirklich auf dem gefährlichen Weg durch die Wälder Südosteuropas seine Laute dabei gehabt hat, wird wohl keiner außer ihm selbst jemals mit Sicherheit sagen können. Die Wahrheit ist aber nicht mehr wichtig, die berührende Geschichte des Fauaz Nazan, den auf der Flucht eine Schlange in die Ferse gebissen hat - und den glücklicherweise das mitgenommene Medikament eines Arztes, der ebenfalls mit auf der Flucht war, gerettet hatte - ist längst zu einem Familienmythos geworden.

Nazan erzählt auf Kurdisch, unterstützt von Armen und Händen. Seine zwölfjährige Tochter Sidra hört aufmerksam zu und übersetzt. Dabei muss sie ständig schmunzeln, sie scheint die Geschichte schon etliche Male gehört zu haben. Auch ihre Mutter schaut ihm fast schon mit Nachsicht zu. Man sieht in allen drei Gesichtern auch so etwas wie Stolz. Gewiss, denn Nazan kam nach Deutschland, in den Brucker Fliegerhorst und holte ein Jahr später seine Familie nach, seine Frau und seine drei jüngeren Kinder. "Ich bin 800 Kilometer gelaufen, damit meine Kinder lernen können", wird er später beim Abschied sagen und seinen Arm um die Tochter legen.

Nun führt der 50-jährige Nazan also das Leben eines Technikers in einer Montagefabrik in Poing. Pendelt mit zwei S-Bahnen aus Emmering zur Arbeit. In Aleppo hat er als Abteilungsleiter in einer Traktorenfabrik gearbeitet. Aber geboren und aufgewachsen ist Nazan in Afrin. Dort, wo jetzt bombardiert wird, dort, wo der Krieg seine hässliche Fratze zeigt. Afriner zu sein, heißt Kurde zu sein. Und gerade jetzt ist die Identifikation als Kurde zum Politikum geworden. Adel Nibu vom Grafrather Asylkreis ist ebenfalls gebürtiger Afriner. Er kennt Nazan seit etwa zwei Wochen. Und ist sehr froh, ihm begegnet zu sein. Denn Nibu hat mit seinem Asylkreis ein Benefizkonzert organisiert, um Geld für ein Dialysezentrum in Afrin zu sammeln. Am Sonntag hat das Konzert in der Grafrather Michaelkirche stattgefunden. Und mit dabei: Nazan und seine Tanbur.

Er holt das Instrument aus einem großen Wandschrank heraus. Dann stellt er es mit dem Korpus senkrecht auf den Boden. "Wenn das so stehen bleibt, ist das eins A", übersetzt Nibu das, was Nazan nebenbei sagt. Nach dem Geschlecht des Instruments gefragt, entbrennt zwischen den beiden eine Diskussion, schließlich muss Nibu einräumen, dass es wohl nicht eindeutig männlich oder weiblich sei.

"Es ist ein Teil von mir", sagt Nazan und fasst sich dabei mit beiden Händen ans Herz. Für ihn sei die Langhalslaute kein toter Gegenstand, sondern ein fast lebendiger Begleiter, ein Geselle, mit dem er sich austauschen kann, "in traurigen und in fröhlichen Momenten". Und wenn sie lange getrennt seien, dann vermisst er sie auch, wie ein Elternteil, das Sehnsucht nach seinem Kind hat. Er nimmt die Laute in die Hände und zupft ein bisschen - sogleich breitet sich ein sanfter Klang im Wohnzimmer aus. Für Tochter und Frau ein vertrauter Moment. Er spiele jeden Tag, sagt Firdos Nazan. Sie weiß noch, wie er sich das Spielen selbst beigebracht hat, nach Gehör. "Er hörte immer zu, und spielte nach."

© SZ vom 27.02.2018
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