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Zweiter Weltkrieg:Der Tyrann von München

Christian Weber tanzt mit Olga Tschechowa, 1938

Christian Weber begann als Saalschläger Hitlers und wurde einer der einflussreichsten Nazis Münchens.

(Foto: Scherl/SZ-Photo)

Gewalttätig, skrupellos und korrupt: Christian Weber war einer der einflussreichsten Nazis in München. Er bereicherte sich so hemmungslos, dass er damit selbst in der NSDAP aneckte.

Von Jakob Wetzel

Roh und brutal, gierig ohne Maß, korrupt, gerissen, skrupellos und selbstherrlich mit einem Hang zum Operettenhaften: Über Christian Webers Charakter fällten die Zeitgenossen ein einhelliges Urteil. Als "gemütliches Urvieh - sofern man ihm nicht widersprach", beschrieb ihn Ernst Hanfstaengl, ein früher Förderer Hitlers, der später den USA zuarbeitete. Aber auch als einen Rohling, der "Keilereien mit Kommunisten als eine Art Sport betrieb". Die Exil-SPD nannte Weber den "Tyrann von München".

Christian Weber, geboren 1883 in Polsingen bei Nördlingen, ursprünglich Stallbursche, Kutscher und Türsteher, war ab 1933 einer der einflussreichsten Nationalsozialisten in München. Zu Beginn gab er den Fraktionschef der NSDAP im längst gleichgeschalteten Münchner Stadtrat, später firmierte er als Ratspräsident und zusätzlich als "Sonderbeauftragter für Wirtschaftsangelegenheiten" der Stadt. Im Kern aber bereicherte er sich selbst, häufte Geld und Immobilien an, wo er konnte.

Angekurbelt hat Weber daneben speziell die Tourismus-Industrie; die Gäste ließ er mit Vorliebe mit seinen eigenen Bussen herumfahren. Auf Weber geht die Gründung des "Deutschen Jagdmuseums" zurück. Er rief auch das "Braune Band" ins Leben, ein hoch dotiertes Pferderennen. Und von 1936 an organisierte er als dessen Abschluss-Spektakel im Schlosspark Nymphenburg die "Nacht der Amazonen", die als prunkvolles Festspiel beworben wurde, aber vor allem wegen der vielen halbnackten Tänzerinnen von sich reden machte.

Weber war der Mann, an dem in München niemand vorbeikam - und so trat er auf. Er bewohnte den Kaiserhoftrakt der Residenz und ließ sich mit "Präsident" anreden, weil er ebensolcher des Kreistags war. Und er bereicherte sich so hemmungslos, dass er damit selbst in der generell von Vetternwirtschaft zerfressenen NSDAP zunehmend aneckte. Seine persönliche Nähe zu Adolf Hitler, die er stets betonte, machte ihn jedoch unangreifbar.

Weber überlebte den Nationalsozialismus nur um wenige Tage. Von den Amerikanern verhaftet, sollte er in der Nacht auf den 11. Mai 1945 von Ulm nach Heilbronn gebracht werden. Doch der Lastwagen-Anhänger, auf dem er saß, kippte um, Weber starb. Posthum wurde er zu einem der Hauptschuldigen erklärt. Sein Vermögen wurde beschlagnahmt.

© SZ vom 04.05.2020/mmo
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