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Welt-Aids-Tag:Ansteckende Angst

Wegen Vorurteilen: Möglicherweise HIV-Infizierte lassen sich oft gar nicht erst testen

Zumindest in einer Hinsicht hat sich für Nico Erhardt wenig geändert: Erhardt ist der Leiter der Fachstelle "Positiv Leben", die eng mit der Münchner Aids-Hilfe zusammenarbeitet, und für ihn steht fest: "HIV wird nach wie vor als Waffe gegen Menschen eingesetzt." Damit meint er die Stigmatisierung von Aidskranken durch die Gesellschaft. Deshalb fordert Nico Erhardt auch jetzt wieder, anlässlich des 30. Welt-Aids-Tages an diesem Samstag, 1. Dezember: "Streicht die Vorurteile!"

Im medizinischen Bereich habe es zwar tatsächlich bahnbrechende Errungenschaften bei der Bekämpfung der Krankheit gegeben, aber noch immer machten Betroffene Erfahrungen mit Diskriminierung - immerhin 77 Prozent seien es nach einer Umfrage, die Erhardt in Auftrag gegeben hat. Er erklärt sich diese Ablehnung mit der Angst und der Unwissenheit vieler Menschen. Denn: Wird HIV richtig behandelt, ist die Krankheit nicht mehr ansteckend.

Mittlerweile ist die Medizin so weit, dass das Virus mithilfe von Medikamenten unter die Nachweisgrenze gedrückt werden kann - ab diesem Punkt besteht keine Ansteckungsgefahr mehr. Für Erhardt ergibt sich aus den Vorurteilen gegenüber HIV-Positiven ein Paradoxon. Er weiß von Fällen, in denen Menschen den Verdacht hatten, HIV-positiv zu sein und aus Angst vor gesellschaftlicher Stigmatisierung nicht zum Arzt gegangen sind. Dabei wäre es für den Kampf gegen Aids viel wirkungsvoller, wenn sich die Betroffenen ohne Befürchtungen outen könnten und richtig behandelt werden könnten, da sie dann nicht mehr ansteckend wären.

Christopher Knoll, Psychologe und bei der Münchner Aids-Hilfe für Präventionsarbeit zuständig, teilt Erhardts Einschätzungen. Nach wie vor falle es vielen Betroffenen schwer, sich zu einem Test zu überwinden. Manche würden sich dagegen entscheiden, im schlimmsten Fall könnten sie das Virus damit weiterverbreiten.

Für Menschen "mit hohem Diskretionsbedürfnis" haben Knoll und seine Kollegen nun einen Schnelltest für zuhause entwickelt, den es in Apotheken und einigen Drogeriemärkten zu kaufen gibt. Mit 32 Euro ist diese Variante auch deutlich günstiger als ein von einem Arzt durchgeführter Test, der bis zu rund 150 Euro kostet. Nach wie vor übernehmen die Krankenkassen diese Kosten nicht. Zwar sei die Zahl der neu mit HIV Infizierten leicht zurückgegangen, aber trotzdem sei der Kampf gegen Aids noch lange nicht gewonnen, so Knoll.

Den Welt-Aids-Tag am 1. Dezember nutzen Initiativen weltweit, um auf die Bekämpfung von HIV aufmerksam zu machen. In Bayern leben nach Zahlen der Münchner Aids-Hilfe schätzungsweise 12 000 Menschen mit dem HI-Virus, über 9000 von ihnen sind Männer. Jährlich gibt es im Freistaat rund 350 Neuinfektionen. Seit 1984 unterstützt die Münchner Aids-Hilfe mit Sitz in der Lindwurmstraße Betroffene.

© SZ vom 30.11.2018

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