Weitere Briefe:Vergessene Niederbayern und böse Bagger

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Welcome-Hysterie

Vieles im Artikel der Herren Beck und Kratzer ("Aufstand der Aufstrebenden", 5. Oktober) ist richtig und trifft die Situation in Niederbayern recht gut. Wenn es aber um die Globalisierung und den damit verbundenen gesellschaftlichen Umbruch geht, liegen die Autoren falsch. Es ist arg schlicht zu glauben, dass Kinderbetreuung, Ehe für alle und berufliche Gleichstellung von Mann und Frau in Niederbayern als ungebührliche Einmischung des Staates und Bedrohung der Lebensweise gesehen werden. Deshalb ist auch nicht die Welt in Niederbayern aus den Fugen geraten.

Das mag zutreffen, wenn man Niederbayern zu Zeiten der Anna Wimschneider heranzieht. Doch das ist das Niederbayern unserer Großväter taugt nicht als Vergleich, um das Anwachsen der AfD 2017 zu begründen. Die Gründe sind einfacher und liegen in der Flüchtlingspolitik im Herbst 2015 begründet. Kein Mensch in Niederbayern hat verstanden, dass die Grenzen von einem Tag auf den anderen für Zehntausende Flüchtlinge geöffnet wurden, während in den Büschen an der Grenze zu Österreich kiloweise Ausweispapiere gefunden wurden. Der damit verbundene Kontrollverlust hat die Menschen erschreckt. Außerdem verstand man in Niederbayern nicht das affektierte Willkommensgetue der Münchner. Denn ausgebadet hat die Folgen dieser gutmenschelnden Welcome-Hysterie nicht das kosmopolitische München, sondern die Landkreise Passau und Deggendorf, wo die Menschen anders als in München täglich mit den Flüchtlingen konfrontiert waren. Hier liegen die Gründe für das Anwachsen der AfD, denn die Politiker in der fernen Staatskanzlei haben die Menschen in der niederbayerischen Provinz mit der Flüchtlingsproblematik bis zum heutigen Tag alleingelassen. Josef Geier, Eging am See

Aus Versehen ein Bagger

Der Skandal um den Abriss eines denkmalgeschützten Hauses in Giesing ("Gier", 23. September) erinnert mich an mein Studium der Architektur an der TH/TU München in den frühen 1970er Jahren. Im Fach "Grundlagen der Baupraxis" von Professor Walter Ebert, Erbauer des Hügelhauses in der Titurelstraße 5-9, bekamen wir in der Vorlesung Empfehlungen für den Umgang mit denkmalgeschützten Fassaden: Es sei wesentlich billiger, aus Versehen einen Bagger an die Fassade krachen zu lassen und diese neu aufzubauen, als sie zu schützen und zu erhalten. Zur Beseitigung von geschützten Bäumen gab er ebenfalls ganz konkrete Handlungsempfehlungen, mit bestimmten Nägeln und Säuren. Die historisch Interessierten unter uns haben das untereinander diskutiert, aber niemand hat sich getraut, etwas dagegen zu sagen - wegen der Prüfungen in diesem Fach. Prof. Dr. Hansgeorg Bankel, Lauf an der Pegnitz

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