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Weitere Briefe:Schockerlebnisse und das große Ganze

Es geht wirklich ums Ganze

Nina Bovensiepen schreibt in ihrer Nachbetrachtung (Kommentar "Grüne Ernüchterung" vom 16. März) zum Kommunalwahlkampf: "Monatelang waren die Klimarettung, die Wohnungsnot, der Verkehrskollaps die zentralen Themen. Dann kam Corona über Land und Freistaat. Plötzlich geht es ums große Ganze - um die Gesundheit, ums Leben." Eine höchst fatale Gegenüberstellung - bei der Klimarettung geht es also nicht ums "große Ganze", nicht um die Gesundheit und das Leben von Millionen, ja Milliarden von Menschen?

Es ist genau diese Art von Ignoranz gegenüber einer der größten Bedrohungen für die Menschheit und das Leben auf der Erde insgesamt, die sich sehr bald schon brutal rächen könnte. Es sei denn, wir ziehen die richtigen Lehren aus der Corona-Krise und erkennen, dass ein anderer, entschleunigter und ressourcenschonender Lebensstil nicht nur in einer Notsituation möglich, sondern in vielerlei Hinsicht auch auf Dauer wünschenswert - und sogar notwendig ist. Eva Wagner und Dr. Andreas Jäger, Dorfen

Echt erste Wahl?

"Helden der Krise" vom 28./29. März:

Sie kritisieren Herrn Aiwanger dafür, trotz Corona noch am 7. März an einem Bierfest teilgenommen zu haben. Zuvor kritisierten Sie Österreich, Ischgl erst am 13. März zum Risikogebiet erklärt zu haben. Aber Sie loben Ministerpräsident Söder für seine schnellen Ausgangsbeschränkungen - obwohl in seinem Bundesland noch am 15. März Kommunalwahlen stattfanden. Ich möchte nicht darüber spekulieren, ob die Entscheidung, als erster Landeschef Ausgangsbeschränkungen zu erlassen, auf ein schlechtes Gewissen zurückzuführen ist, rate aber, mit der Vergabe von Heldenbenotungen noch etwas zu warten. Klaus Werner, Erlangen

Schockerlebnisse

Katja Auer hat recht, wenn sie auf den unauflösbaren Interessenskonflikt verweist, der entsteht, sollte Staatssekretär Roland Weigert zum Vorsitzenden des Bayerischen Jagdverbandes gewählt werden (Kommentar "Blattschuss für den Ruf der Politik" vom 2. März). Katja Auer hat jedoch nicht recht, wenn sie ihre Einschätzung mit folgendem Vergleich untermauert: "Das wäre, als ob Bauernpräsident Walter Heidl mitentscheidet, wenn es um Zuschüsse oder Auflagen für die Landwirte geht."

Sie hat insofern nicht recht, da der Bayerische Bauernverband (BBV) es nicht nötig hat, einen Spitzenfunktionär als Lobbyisten an den Kabinettstisch der bayerischen Staatsregierung zu entsenden, denn in Bayern ist es seit Jahrzehnten gute fachliche Praxis, dass agrarpolitische Entscheidungen im Vorfeld mit dem BBV abgestimmt werden. Für den BBV war es daher ein Schockerlebnis, als die Staatsregierung in realistischer Einschätzung der Situation und nach Abwägung aller Alternativen den Gesetzesentwurf des Volksbegehrens "Rettet die Bienen" gegen den erklärten Willen des BBV in Kraft setzte. Und dem BBV droht bereits das nächste Schockerlebnis, wenn in wenigen Wochen die Verschärfung der Düngeverordnung in Kraft treten wird.

Auslöser der Düngeverordnung ist die seit 1991 geltende Nitratrichtlinie. Agrarpolitiker und Agrarlobbyisten haben der Richtlinie in den zurückliegenden Jahrzehnten nie die notwendige Bedeutung beigemessen, sondern allenfalls halbherzige Schritte zur Verminderung der Nitratbelastung unternommen. Ein Übermaß an Nähe zu einer Lobbyistengruppe verengt den politischen Horizont. Andere Meinungen oder Sichtweisen werden im politischen Entscheidungsprozess nicht mehr wahrgenommen, sondern systematisch ausgeblendet. Eine solche Lösungsstrategie funktioniert allenfalls kurzfristig, bereits mittelfristig gerät man mit ihr in schwere See und langfristig führt sie zum Schiffbruch. Im Fall der Düngeverordnung sind es die Landwirte, die die Folgen einer fehlgeleiteten Agrarpolitik auszubaden haben. Roland Sommer, Diedorf

© SZ vom 01.04.2020
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