"Weihnachtsessen in der Au":Festmahl aus geretteten Lebensmitteln

Lesezeit: 3 min

"Weihnachtsessen in der Au": Günes Seyfarth (rechts) und Judith Stiegelmayr freuen sich, dass die "Weihnachten in der Au" in diesem Jahr wieder stattfinden können - und zwar in Neuperlach, in der ehemaligen Vorstandsküche der Allianz-Kantine.

Günes Seyfarth (rechts) und Judith Stiegelmayr freuen sich, dass die "Weihnachten in der Au" in diesem Jahr wieder stattfinden können - und zwar in Neuperlach, in der ehemaligen Vorstandsküche der Allianz-Kantine.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Weihnachten ist mehr als Konsum und Kommerz: Aus dieser Überzeugung organisiert Günes Seyfarth seit Jahren ein Essen an Heiligabend - für alle, die in der Gemeinschaft feiern wollen.

Von Patrik Stäbler

Angefangen hat es 2015 mit einer Idee, einer großen Menge geretteter Lebensmittel vom Winter-Tollwood und dem Wunsch, "meinen Kindern zu zeigen, dass Weihnachten nicht nur Konsum und Kommerz ist", sagt Günes Seyfarth. Sondern dass es auch um Mitgefühl und Miteinander geht. Um Teilen und Teilhabe. Und darum, "dass für zwei Stunden im Jahr alle Menschen in diesem Raum gleich sind".

Und so initiierte die heute 41-Jährige damals das "Weihnachtsessen in der Au" - ein Festmahl in der Pfarrei Mariahilf, zubereitet aus geretteten Lebensmitteln und gedacht für alle, die Heiligabend in der Gemeinschaft feiern wollen. Schon bei der Premiere kamen circa 50 Menschen; bei den folgenden Weihnachtsessen wuchs diese Zahl bis auf mehr als 200.

Im Vorjahr fiel die Veranstaltung dann der Pandemie zum Opfer, woraufhin Seyfarth und ihre 50 Helferinnen und Helfer die Aktion "Weihnachten aus der Tüte" starteten und 1100 Essens- und Geschenkpakete im Stadtgebiet ausfuhren. Heuer dagegen kann das Festmahl wieder stattfinden - an einem neuen Ort. Und zwar laden Günes Seyfarth und Judith Stiegelmayr diesmal in die "Community Kitchen" nach Neuperlach ein.

Mit ihrem Projekt, das Lebensmittel im großen Stil rettet und verarbeitet, sind die Gründerinnen vor einigen Monaten im Rahmen einer Zwischennutzung in das einstige Allianz-Gebäude in der Fritz-Schäffer-Straße gezogen, das inzwischen der Immobilienfirma Hines gehört.

Gespendete Möbel bringen Gemütlichkeit in den riesigen Speisesaal

Dort wird nun also die Tradition des Weihnachtsessens fortgesetzt, das sich zwar auch, aber keineswegs nur an Bedürftige richte, betont Seyfarth. "Jeder ist willkommen - egal ob Familie, Paar oder alleinstehend, egal ob arm oder reich."

Sie alle bekommen an Heiligabend ein Festmahl vorgesetzt, das nahezu ausschließlich aus geretteten Lebensmitteln zubereitet wird - und zwar in der Küche der einstigen Allianz-Kantine. Oder genauer gesagt: In der kleinen Vorstandsküche, wo früher ausgewählte Köche die Speisen für die Chefetage kredenzten. Die eigentliche Kantinenküche, wo täglich bis zu 2500 Mahlzeiten über den Tresen gingen, ist völlig überdimensioniert für die Community Kitchen.

Als Glücksfall in diesen Corona-Zeiten erweist sich jedoch der riesige Speisesaal, den die Gründerinnen allein mit gespendeten Möbeln liebevoll eingerichtet haben und der manch Überraschung für die Gäste parat hält - von der Spielecke für Kinder über einen 20 000 Euro teuren Flügel und bis hin zu einigen Sesseln, auf denen sich die Musiker der Spider Murphy Gang mit Unterschriften verewigt haben.

In dem weitläufigen Saal gebe es ausreichend Platz, um alle Gäste entsprechend den Corona-Vorgaben unterzubringen, sagt Seyfarth: "Unser Ziel ist, dass wir niemanden abweisen müssen." Da im Haus die 2-G-Plus-Regel gilt, werde man auch im Freien auf dem Vorplatz Essenstüten und Geschenke verteilen sowie warme Getränke ausschenken.

50 Helferinnen und Helfer haben sich bereits gemeldet

Bisher seien 50 Anmeldungen für das Weihnachtsessen eingegangen, sagt Seyfarth. Die Erfahrung der Vorjahre lasse jedoch vermuten, dass der Andrang deutlich größer sein wird. Schon jetzt hätten sich mehr als 50 Helferinnen und Helfer gemeldet, die dieser Tage Lebensmittel abholen und sortieren sowie Spenden entgegennehmen, ehe es am 23. Dezember an die Vorbereitung des Festessens geht. Tags darauf wird dann von 18 Uhr an getafelt - in großer Runde und "bei magischer Atmosphäre", sagt Günes Seyfarth.

Sie selbst wird auch diesmal mit ihrem Ehemann und den drei Kindern kommen. Diese hätten die Idee eines solchen Weihnachtsfests im ersten Jahr noch schrecklich gefunden, erzählt ihre Mutter. "Aber inzwischen lieben sie es und freuen sich darauf."

Wobei Konsum und Kommerz zu Weihnachten auch aus ihrem Hause nicht komplett verbannt worden seien, räumt Günes Seyfarth ein - und verweist auf die alljährlichen Geschenkeberge ihrer Kinder. Diese gebe es jedoch stets erst am 25. Dezember, an dem ihre Familie dann "ganz klassisch" Weihnachten feiere, sagt Seyfarth und lacht. "Erst Essen, dann Geschenke."

Zur SZ-Startseite
EXPO  "PLANET OF VISIONS"

SZ PlusLiteratur
:"Es beginnt immer mit einer Sehnsucht nach Veränderung"

Warum malt der Mensch sich Utopien aus? Der Autor Herbert Kapfer geht dieser Frage in seinem neuen Buch nach. Ein Gespräch über Katastrophen, vergessene Schriftstellerinnen und das Warten auf ein Wunder.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB