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Was wurde aus ...:Tomatenaufzucht statt Muskelaufbau

Bodybuilder Ercan Demir vor seinem Fitnesstudio in München, 2019

Ercan Demir führte 20 Jahre lang in München das Fitnessstudio Ercan's Body Gym. Im Frühjahr 2019 war damit Schluss.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Unkraut zupfen, Olivenbäume pflegen, in der Sonne sitzen: Ercan Demir, einst Vizeweltmeister im Bodybuilding, ist nach Alanya gezogen

Ercan Demir, 49, war einmal Vizeweltmeister im Bodybuilding. Demir war der Protagonist der Dokumentation "Pumping Ercan". Und er hatte in München ein Fitnessstudio, das er im März 2019 schließen musste - nach 20 Jahren. Der Eigentümer des Gebäudes war gestorben, der Mietvertrag war nicht verlängert worden.

SZ: Herr Demir, Sie sagten kurz vor der Schließung Ihres Studios im vergangenen Jahr: "Ich habe eine große Sehnsucht nach Sonne, Meer und Lebensqualität." Sind Sie denn wirklich ausgewandert?

Ercan Demir: Ja. Ich lebe seit Ende Oktober in der Türkei, in Alanya, und mir geht es blendend. Alanya liegt etwa 130 Kilometer von Antalya entfernt, die Stadt hat ungefähr 320 000 Einwohner, fast 20 000 von ihnen sind ausgewanderte Deutsche ...

... ich habe gelesen, dass die Türken Alanya deshalb Almanya nennen.

Viele sind Rentner, die altersarm sind und sich ein Leben in Deutschland nicht leisten können. Andere sind überzeugt von Landschaft und Leuten hier.

Auf Sie trifft wohl Letzteres zu.

Ich war mal im Urlaub und konnte vom Hotelzimmer aus das Meer sehen. Es war ein Traum von mir, mal so zu wohnen. Und ich hatte Glück. Obwohl die meisten Grundstücke am Meer mit Hotels bebaut sind, habe ich eine Wohnung gekauft, die nur 20 Meter vom Wasser entfernt ist. Ich kann das Meer sehen und hören.

Wie warm ist es gerade?

18 Grad.

Ein bisschen wärmer als in München.

Wenn man in der Sonne ist, sind es 22, 23 Grad. Wenn ich nach links schaue, sehe ich Schnee auf den Bergen, und wenn ich nach rechts schaue, sehe ich das Meer. Ich habe mir in den Bergen Land gekauft, und darauf werde ich ein kleines Haus bauen, ein Steinhaus. Das Grundstück ist umzäunt, und darauf stehen 400 Olivenbäume.

Wollen Sie in diesem Steinhaus später wohnen?

Manchmal in der Wohnung, meistens im Steinhaus. Da sind nur Berge. Die nächsten Nachbarn sind vier oder fünf Kilometer entfernt. Ich will dann am Berghang auch 22 Hektar Land pachten, und dann kann jeder deutsche Auswanderer dort Tomaten oder Gurken züchten. Ich gebe ihnen die Möglichkeit, sich kostenlos dort auszutoben.

Sie müssen nicht mehr arbeiten?

Nein. Ich hatte 20 Jahre lang ein Fitnessstudio, das war eine Institution in München. Ich war selbständig und habe zwölf Stunden am Tag gearbeitet. Ich müsste ein Bananenkopf gewesen sein, wenn ich finanziell nicht ausgesorgt hätte. Außerdem bekomme ich von der Türkei zwei Renten: eine, weil ich in das System eingezahlt habe; und eine andere, weil ich die Türkei als Sportler international gut vertreten habe.

Was machen Sie jetzt den ganzen Tag?

(lacht) Unkraut zupfen, mich um die Olivenbäume kümmern, Essen kochen, in der Sonne sitzen. Meine Aufgabe ist es, das hier zu einem Paradies zu machen. Früher habe ich täglich zwölf Stunden gearbeitet, jetzt ist es so, dass ich - wenn ich für den nächsten Tag einen Termin ausgemacht habe - mir denke: Oh Gott, morgen habe ich was zu tun! Ach ja, ich habe noch einen Youtube-Kanal. Da beantworte ich Fragen, warum ich ausgewandert bin; da mache ich eine Tour durch meine Wohnung; da interviewe ich andere Auswanderer.

Sie hatten in München mit der Fitness-Bloggerin und -Youtuberin Sophia Thiel zusammengearbeitet. Sie ist seit fast einem Jahr untergetaucht. Arbeiten Sie noch mit ihr zusammen?

Nein. Das wurde alles fair getrennt. Wir hatten noch den Plan, in München eine Immobilie zu kaufen, um ein neues Fitnessstudio zu eröffnen. Aber ich habe das dann nicht gemacht. Nichts ist für die Ewigkeit, Wege trennen sich, Interessen trennen sich. Sophie geht es gut und sie wird bald ihr Comeback geben.

© SZ vom 25.02.2020
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