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Was wurde aus...:"Für mich eine ganz einfache Holzkiste"

BA Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt

Stephan Alof, 53, ist gelernter Intensiv-Krankenpfleger, ehemaliger Gastronom und jetzt Bestatter.

(Foto: Florian Peljak)

Gläserne Leichenwagen, Möbel als Särge, Urnengräber im Viertel - wie wollen wir sterben? Ein Gespräch mit Stephan Alof, früher Gastronom, jetzt Bestatter

Interview von Philipp Crone

Stephan Alof hat klare Vorstellungen von seinem Tod. In einem ganz einfachen Sarg möchte er dereinst zur Trauerfeier in seiner Kirche St. Maximilian an der Isar liegen, wo der 53-Jährige heute Kirchenvorstand ist. In den umliegenden Straßen hatte der gelernte Intensiv-Krankenpfleger verschiedene gastronomische Betriebe wie etwa das Maximilians, das Café Maria, den Event-Raum Joseph oder eine Bäckerei. Alof gab Anfang des Jahres fast alle Lokale ab und wollte nach einer Wanderung auf dem Jakobsweg Bestatter werden. Den Jakobsweg ging er coronabedingt nicht, Bestatter ist er aber nun. Bei den bisherigen zwölf Beerdigungen sind ihm einige Dinge aufgefallen, die er in Zukunft anders machen will als üblich.

SZ: Herr Alof, wie lief das ab: Sie haben das Gewerbe angemeldet und dann ruft jemand an und sagt: Mein Mann ist gestorben, kommen Sie bitte. Und dann holen Sie die Leiche ab?

Stephan Alof: Im Prinzip ja. Allerdings war ich ja durch meine Zeit als Intensiv-Pfleger mit Leichen durchaus vertraut. Im Krankenhaus war es auch damals schon immer so: Wenn ein Mensch stirbt, kommt das Personal spätestens nach einer halben Stunde, legt eine Decke über die Leiche und fährt sie raus in die Kühlung. Bei meinem Vater habe ich das auch als Angehöriger erlebt. Das ist eine Entsorgungsmentalität. Die will ich nicht.

Sondern?

Dass man Zeit hat, um sich zu verabschieden. Wir hatten jetzt zum Beispiel schon zwei Fälle, in denen die Ehefrauen erst zu uns am Telefon gesagt haben: Nehmen Sie bitte meinen Mann gleich mit. Und dann rufen sie kurz danach an und fragen, ob sie ihn nicht doch noch dabehalten könnten, vielleicht auch über Nacht. Natürlich! Man muss dem Tod einfach ins Gesicht schauen können. Deshalb werden wir uns auch einen gläsernen Leichenwagen anschaffen.

Damit jeder reinsehen kann.

Genau. Man soll sehen, dass da ein Sarg liegt. Der Tod muss sichtbar werden. Es ist doch so, dass der Tod auch gerade in dieser Stadt noch immer am Rand der Gesellschaft stattfindet. Aber er gehört in die Mitte.

In Ihrem Stammviertel, dem Glockenbachviertel, liegt mittendrin der Alte Südfriedhof.

Auf dem nicht mehr bestattet wird.

Mit dem Sterben lässt sich derzeit sicher besser verdienen als mit Restaurants.

Natürlich muss sich das tragen. Aber wir wollen zum Beispiel auch eine Beerdigung anbieten, die sich jeder leisten kann, man könnte sie Hartz-IV-Bestattung nennen. Ich habe ja bei meinem Vater vor fünf Jahren erlebt, was eine normale Beerdigung kostet.

Nämlich?

Das waren etwa 6000 bis 7000 Euro insgesamt. Die kommen schnell zusammen, das ist ungefähr der Standard.

Den sich nicht jeder leisten kann.

Deshalb werden wir eine Beerdigung für 800 bis 1000 Euro anbieten. Auch ohne Särge aus Osteuropa zu kaufen.

Sie bieten individuell gestaltete Urnen an und Särge, die auch zu Lebzeiten schon als Truhen oder Schränke genutzt werden können.

Künstler und Handwerker machen unsere Särge. Man soll einfach so individuell sterben können, wie man gelebt hat. Und das ist bei normalen Bestattungen oft nicht möglich.

Inwiefern?

Bei einer normalen Beerdigung hat man meist einen 20-Minuten-Slot in der Aussegnungshalle. Gegen eine Gebühr kann der auf 40 Minuten verlängert werden. Und dann stehen da oft grattlige Dinge rum, Plastikbüsche, keine echten Kerzen. Und die Dimensionen von Urnen und Särgen sind auch ganz genau festgelegt. Wir hatten zum Beispiel eine Urne entworfen, die genau drei Zentimeter über dem erlaubten Maßen lag. Aber verstehen Sie mich nicht falsch: Ich will nicht rummosern, sondern etwas anstoßen.

Ein paar Regeln braucht es aber für eine Beerdigung schon. Wenn jeder zum Beispiel seinen Grabstein auswählen könnte, wie er wollte, sähen Friedhöfe sehr wild aus.

Mir geht es auch hier wieder darum, den Tod in unsere Mitte zu lassen. Wenn ich höre, dass in manchen Altenheimen Leichen nicht vor 23 Uhr abtransportiert werden dürfen, damit das keiner mitbekommt, ist das in meinen Augen grundfalsch. Alter und Tod, also Seniorenheime und Friedhöfe, sind auch in München meist am Stadtrand. Warum zum Beispiel ist es nicht möglich, dass meine Urne irgendwann einmal in meinem Viertel steht? Dort, wo ich geliebt, gelebt und gearbeitet habe.

Wo könnte sie denn stehen?

Indem eine freie Fläche oder ein freies Grundstück so geplant werden, dass mitten im Wohnviertel eine von Künstlern gestaltete Mauer steht, in der Urnen drin sind. Das kann direkt neben einer Grünfläche oder einem Spielplatz sein.

Wie wollen Sie denn bestattet werden?

Ich will für mich eine ganz einfache Holzkiste. Ich habe auch wenige Dinge in meiner Wohnung, ich mag es einfach. Also dann auch beim Sarg, das Einfachste vom Einfachen. Das finde ich sogar vornehmer als einer mit vergoldeten Griffen und Christusfiguren drauf. Eine Holzkiste, ab in die Erde damit und gut is'.

© SZ vom 21.10.2020
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