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Was wurde aus...:Die Mär vom unpolitischen Studenten

Omid Saleh will später in der Finanzbranche arbeiten.

(Foto: Privat)

Omid Saleh reagiert sensibel auf jede Form von Rassismus. Er wünscht sich klare Entscheidungen von der Regierung

Vor der Bundestagswahl 2017 war Omid Saleh in der ARD-Wahlarena eingeladen. Vor laufenden Kameras schilderte der Student seine Alltagserfahrungen auf Münchner Straßen - es war der Höhepunkt der erhitzten Debatte über Migration. Der 22-Jährige fragte die Bundeskanzlerin, was sie gegen Rassismus in Deutschland zu tun gedenke. Angela Merkel blieb vage - und antwortete, der junge Mann brauche jetzt "eine Menge Mut". Eine Woche später forderte Saleh bei "Hart aber fair" den bayerischen Innenminister Joachim Herrmann mit seinen Fragen heraus. Mut hat er immer noch, auf Antworten wartet er aber bis heute, sagt er.

Wegen der Corona-Pandemie ist Omid Saleh derzeit bei seinen Eltern in Düsseldorf. Sie kamen vor 40 Jahren aus Iran nach Deutschland, um zu studieren, die Kinder sind dort geboren. Saleh studiert Wirtschaftsingenieurwesen an der Technischen Universität München, er macht gerade seinen Master und möchte später in der Finanzbranche arbeiten. In dieser Woche wollte er eigentlich mit seiner Freundin eine Kreuzfahrt im Mittelmeer machen. "Schade, dass wir das canceln mussten. Aber das ist ja ein typisches Erste-Welt-Problem", sagt er am Telefon. Er sei froh, sagt er, dass das Krisenmanagement in Deutschland funktioniere. "In Iran sind die Menschen viel schlimmer dran."

Corona überlagert alle anderen gesellschaftlichen Themen, aber Rassismus erlebe er immer noch, sagt der Student, wenn auch nicht mehr so offen wie damals, nach den islamistischen Attentaten in mehreren europäischen Städten. Damals hatte ihn ein Mann an einer Bushaltestelle in Bogenhausen angetippt und ihm ins Gesicht gesagt: "Welcher Terrorzelle gehören Sie an?" Heute seien es eher Blicke, "mal einen Raunen, mal ein Schweigen, wie etwa bei der Kassiererin im Supermarkt, in dem ich seit Jahren einkaufe. Sie begrüßt die meisten Stammkunden, bei mir schaut sie weg". Er selbst müsse immer entscheiden: reagieren oder nicht?

Saleh ist ein offener, freundlicher Mensch, er hegt keine Vorurteile, aber er beobachtet genau. Nach seinen Fernsehauftritten riet man ihm, die Kommentare im Internet nicht zu lesen. "Ich tat es dann natürlich trotzdem", sagt er, "das war krass, was da an offenem Rassismus zutage trat." Man habe einen "Quoten-Kanaken" eingeladen, das sei noch das harmloseste gewesen. Er erhielt aber auch sehr viele Zuschriften von Türken und Iranern, die von ähnlichen Erfahrungen berichteten.

Die meisten Menschen, denen er im Alltag begegne, seien sicher keine Rassisten, sagt er. Sie seien eher frustriert, hätten vielleicht Angst um ihre Rente, ihre Pflege, ihre Wohnung, sie fühlten sich von der Politik nicht gehört. Die Migrationspolitik funktioniere nicht, sagt er, "und warum musste erst eine Flüchtlingskrise und die AfD kommen, bis die Parteien das Thema aufnehmen?" Lösungen vermisst er noch immer. "Es fehlt an Menschlichkeit auf der einen Seite, wenn man die Lager in Griechenland sieht, und an konsequenter Verfolgung von Kriminellen auf der anderen Seite." Er kann nicht verstehen, dass Leute, die sich gut integriert haben und in dringend gebrauchten Berufen arbeiten wollten, kein Bleiberecht erhalten. In seiner Bachelorarbeit untersuchte er, wie internationale Ölkonzerne die wirtschaftliche Entwicklung von Dritte-Welt-Ländern hemmen, indem sie Gewinne abschöpfen und nur eigenes Personal beschäftigen. "Wenn es nicht mehr globale Gerechtigkeit gibt, kann man verstehen, dass die Leute aus den armen Ländern zu uns kommen."

Saleh ist in keiner Partei, in keiner Jugendorganisation, aber er diskutiert viel in der Familie und mit Kommilitonen. Dass Studenten unpolitisch seien, kann er "überhaupt nicht bestätigen". Im Gegenteil: "Ich glaube, die meisten sind sehr politisch interessiert und haben ein gutes Bild von der aktuellen Situation. Aber Regierungsentscheidungen sind viel zu langsam. Politiker reagieren nur noch, sie agieren nicht." Dass es im Gesundheitssystem jetzt an Ausrüstung und Pflegepersonal fehle, sei so ein Beispiel.

Er hofft, trotz Corona im Sommer sein Auslandssemester in Stockholm antreten zu können. Solange kümmert er sich um die Masterarbeit und sein Start-up. Mit einem Freund entwickelt er eine Plattform zur Bewertung der Lebensqualität in einzelnen Stadtteilen. Stadtplaner, Immobilien- oder Übernachtungsportale könnten darauf zugreifen. Ethik im Business ist ihm wichtig. "Ich kenne sehr viele Leute, die privat online traden. Aber wenn manche Händler Schrottimmobilien oder -anleihen an ahnungslose Rentner verkaufen, macht mich das wütend."

© SZ vom 31.03.2020
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