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Tarifstreit:"Nur gesunde Ärzte können kranke Menschen gesund machen"

"Halbtot in Weiß": Im Tarifstreit mit den Kommunen wollen die Ärzte eine Arbeitsentlastung durchsetzen.

(Foto: Catherina Hess)
  • Gut 1500 Ärztinnen und Ärzte aus kommunalen Kliniken haben in München demonstriert.
  • Die Gewerkschaft Marburger Bund fordert unter anderem fünf Prozent mehr Geld und zwei arbeitsfreie Wochenenden im Monat für die Mediziner.
  • Aus ganz Bayern sind Ärzte angereist, nur aus München waren nicht viele am Odeonsplatz.

Hätte jemand am frühen Mittwochnachmittag am Odeonsplatz einen Schwächeanfall erlitten - er wäre gut versorgt gewesen. Rund 1500 Ärztinnen und Ärzte von kommunalen Kliniken haben sich dort versammelt, um für eine bessere Bezahlungen, vor allem aber für bessere Arbeitsbedingungen zu demonstrieren. Zu dem Warnstreik aufgerufen hatte die Gewerkschaft Marburger Bund, sie fordert für die bundesweit rund 55 000 Ärzte an kommunalen Kliniken unter anderem fünf Prozent mehr Geld und zwei arbeitsfreie Wochenenden im Monat.

Die Teilnehmer tragen weiße Kittel und orangefarbene Mützen, sie pusten auf Trillerpfeifen herum, was das Zeug hält, haben aber natürlich auch an die Gesundheit gedacht: Viele tragen schützende Schaumstoffstöpsel in den Ohren. "Unter meinem Kittel bin ich auch nur ein Mensch", liest man auf Plakaten, "Jeder Busfahrer macht Pause ... wir nicht!" und "Mathe für Ärzte: Von acht bis acht macht acht Stunden". Eine Ärztin fühlt sich gar "Halbtot in Weiß", eine hat an sich eine Wandlung "Vom Traum-Job zum Job-Trauma" beobachtet, und eine dritte beklagt "28 Tage Dienst im Monat!!! Steckt mir doch noch 'nen Besen in den Hintern, dann wisch' ich noch schnell durch".

Aus Oberbayern und der Oberpfalz sind sie angereist, aus Franken und aus Niederbayern. Manche erzählen auf Nachfrage, sie wohnten in München, arbeiteten aber in Landsberg oder Landshut. Wo sind sie, die Ärztinnen und Ärzte, die in München wohnen und auch arbeiten? Na ja, sagt eine Teilnehmerin, in der Landeshauptstadt eine Stelle zu bekommen, sei schwierig genug, der Druck zugleich sehr hoch - da trauten sich viele vielleicht eher nicht, streiken zu gehen.

Man findet dann aber doch noch ein paar Münchner Mediziner. Stefan Hitz, 33, und Nadine Anstötz, 31, zum Beispiel, beide arbeiten in der Onkologie am Städtischen Klinikum in Schwabing, er als Assistenzarzt, sie als Fachärztin, die gleichzeitig für die Erstellung der Dienstpläne zuständig ist. Ob sie manchmal ein schlechtes Gewissen habe, wenn sie ihre Kollegen für den dritten Wochenenddienst in Folge einteilen muss? "Es geht darum, den Dienstplan überhaupt auf die Beine zu stellen", sagt Nadine Anstötz, die nach der Kundgebung noch zum Spätdienst muss. "Der Juli geht im Moment noch gar nicht." Die Frustration sei spürbar. Für kurzfristiges Einspringen habe es früher Ausgleichstage gegeben, sagt Stefan Hitz, jetzt nicht mehr. Zu zehnt sind sie gekommen, auch Oberärztinnen sind dabei, die ihre jungen Kollegen unterstützen. Das Pensum mache die Ärzte krank, warnen die Redner von der Bühne. Und das gefährde die Patientenversorgung. "Nur gesunde Ärzte können kranke Menschen gesund machen."

Es sei das erste Mal seit Langem, dass man sich in den Verhandlungen auf die Arbeitsbedingungen und Arbeitsentlastung fokussiert habe, erläutert eine Sprecherin des Marburger Bundes. Bei vielen Ärzten habe sich über Jahre hinweg der Unmut angesammelt. Im Durchschnitt zehn bis 20 Überstunden pro Woche, kurzfristig geänderte Dienstpläne, Nachtbereitschaften, in denen man fast nie zum Schlafen komme, seien nur einige der Kritikpunkte. "Gerade die jüngeren Kollegen wollen aus diesem System raus."

Schon im April hatten mehr als 1000 Klinikärzte in Bayern ihre Arbeit vorübergehend niedergelegt, um im Tarifstreik mit den Kommunen Druck zu machen. Die Verhandlungen zwischen Gewerkschaft und Arbeitgebern werden am 21. Mai in Berlin fortgesetzt. Die städtischen Münchner Kliniken wollten sich auf SZ-Anfrage am Mittwoch nicht zu dem Streik äußern. Nur so viel: Die Notfallversorgung der Patienten sei gewährleistet. "Sofern verschiebbare Operationen zu einem anderen Zeitpunkt durchgeführt werden müssten, geschieht das in direkter Abstimmung mit den Patienten", teilte ein Sprecher mit.