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Warenhäuser in der Innenstadt:Götterdämmerung mit Folgen

Karstadt-Investor Nicolas Berggruen hat eine Fusion von Karstadt und Kaufhof geprüft - unter den Codenamen "Mars" und "Venus". Beide Unternehmen haben mehrere Filialen in der Innenstadt - wären dann einzelne Läden bedroht?

Mars und Venus - allein die großen Namen aus der antiken Mythologie zeugen davon, dass Großes geplant war. Unter diesen beiden Namen wollte der schillernde Karstadt-Miteigentümer Nicolas Berggruen die beiden Traditionshäuser Karstadt (Deckname Mars) und Kaufhof (Venus) - zu einer Deutschen Warenhaus AG zusammenführen. Der Plan trug den Namen des mächtigsten aller Götter: Zeus. Darunter macht man es nicht bei Milliardendeals.

Vor drei Jahren wurde das Geheimpapier diskutiert. Bislang ist daraus nichts geworden: Wer durch die Münchner Innenstadt läuft, vom Hauptbahnhof bis zum Marienplatz, kommt weiterhin an riesigen Kaufhäusern vorbei, die unterschiedlichen Eigentümern gehören: der Karstadt, das Premium-Karstadt-Haus Oberpollinger samt Sporthaus und die beiden Kaufhof-Filialen.

Stärken der Wettbewerber

Und doch muss man, wenn man über die Zukunft der Innenstadt und gerade der Fußgängerzone nachdenkt, immer diesen Plan im Kopf haben, der auch unter dem Namen "K&K" firmiert. Denn weiterhin reizt wohl manche bei Karstadt und auch bei den Kaufhof-Eigentümern Metrogruppe und der dahinter stehenden Haniel-Familie der Gedanke, dass die Stärken der beiden Wettbewerber zusammengelegt werden sollten. Doppelte und dreifache Standorte könnten dann wegfallen: Mehr Kunden auf weniger Verkaufsfläche und mit weniger Mitarbeitern - das könnte höhere Gewinne bringen.

Investor René Benko, der sich vor kurzem in die Karstadt-Premiumhäuser eingekauft und für 240 Millionen Euro das Erbbaurecht an der "Alten Akademie" in der Neuhauser Straße bekommen hat, gilt inzwischen als wichtigste Figur in diesen Szenarien. Er gilt aber auch als unberechenbar: Für ihn sind Immobilien und Mieterlöse wichtig, Waren zu handeln dagegen nicht so sehr.

Wäre die Münchner Innenstadt nicht prädestiniert für die Schließung von ein oder zwei großen Warenhäusern - wo sich diese doch dicht an dicht drängen? Zumal vor drei Jahren der Karstadt am Dom dicht gemacht hat und selbst Experten wie Jörg Funder, Direktor des Instituts für Handelsmanagement (IIHD) an der Hochschule Worms, sagen: "Es gibt keine klaren Kunden für Kaufhäuser, und das könnte über kurz oder lang gerade im dichten Angebot der Münchner Innenstadt dazu führen, dass ein Großes geschlossen wird." Immer mehr Menschen kauften im Internet und zudem setzten immer mehr Hersteller, egal ob von Kochgeschirr oder Unterwäsche, in der Innenstadt auf eigene Läden.

München ist ein Sonderfall

Diese Faktoren sieht auch Kollege Gerd Hessert, der dem Konzept Warenhaus selbst liebevoll, aber auch kritisch gegenübersteht. Hessert, promovierter Betriebswirt und einst Topmanager bei Hertie und Karstadt, lehrt heute unter anderem an der Universität Leipzig Handelsmanagement. Er sieht mittelfristig nur noch für etwa 70 der derzeit 191 Karstadt- und Kaufhof-Filialen eine Zukunft. Auf München bezogen kommt er aber zu einem anderen Fazit: "Nein, eine Schließung in der Innenstadt würde keinen Sinn ergeben."

Für München und insbesondere die Innenstadt sieht Hessert eine Sondersituation. Diese hat mit der starken Einkommensstruktur in der Region zu tun - und mit den vielen Touristen. "München ist ein gutes Pflaster für Warenhäuser", sagt Hessert und kann das auch handfest belegen: Nur sechs Prozent der deutschen Warenhausflächen stünden in München. Aber hier würden mehr als zehn Prozent des deutschen Warenhausumsatzes gemacht. Der Ertrag pro Fläche, ein entscheidendes Kriterium in der Handelsbranche, liege damit etwa 50 Prozent über dem Bundesdurchschnitt. Die Großen in der Innenstadt spielten samt und sonders in der Spitzenliga: Der Kaufhof am Marienplatz ist mit knapp 200 Millionen Euro Umsatz pro Jahr die stärkste Filiale der Kette in Deutschland. "Eine Maschine", nennt Hessert das von Reimund Baumheier geführte Haus, in das man ja auch fast hineinfällt, wenn man am Marienplatz aus der U-Bahn oder S-Bahn steigt.

Hat sich das Warenhaus überholt?

Ein gewachsener Standort, einst hatte hier der Kaufmann Roman Mayr seine Verkaufsräume. Vor der Tür staut es sich. Und drinnen dasselbe: Zwölf Rolltreppen transportieren die Menschen zwischen sechs Stockwerken hoch und runter. Wenn es Berieselungsmusik geben sollte, dann ist sie nicht zu hören; die Schritte, die Stimmen, das Tütenknistern von Tausenden Kunden überdeckt alles. Gürtel der Trendmarke Hüftgold gibt es, im Gang neben den Calvin Klein-Dessous eröffnet sich die Lego-Welt. Vor Schuhen der Marke Pantofola D'oro steht ein Kunde, vielleicht Mitte 20, und tippt die Daten der Schachtel in sein Smartphone: Wo gibt es das vielleicht ein paar Euro billiger? Das ist ein Problem für die Häuser, und manche Experten sagen auch, wenn sie so etwas sehen: Der Kaufhof-Slogan aus den 1960er Jahren: "Tausendfach - alles unter einem Dach" habe sich überholt.

Tatsächlich ist der Umsatz in den deutschen Warenhäusern deutlich zurückgegangen: In den 1970er Jahren gaben die Deutschen jede achte Mark in Warenhäusern aus, heute nur noch jeden 40. Euro. Wer Unterwäsche gern ohne Kinderlärm aussucht, der kann in der Fußgängerzone zu den Fachgeschäften gehen oder ins Internet. Aber die Warenhäuser machen immer noch ein gutes Geschäft an Top-Standorten - zumal, wenn sie alles anbieten. Wie im Kaufhof. Ein wenig abgetrennt, gibt es dort auch Waren der Kategorie "täglicher Bedarf": Glühbirnen, Druckerpatronen, Radlflickzeug, USB-Kabel. Das, was man eben schnell mal braucht, gerade um halb acht am Abend. Schließlich der Service: Gerade alleinstehende Männer wissen es zu schätzen, dass wie hier im zweiten Stock am Stand des Strickwarenherstellers Maerz lebenserfahrene und kritische Kundenberaterinnen mit ehrlichem Blick sagen: "Die Farbe steht ihnen nicht so gut."

Luxus geht extra

Stände mit bekannten Marken oder gänzlich abgetrennte Bereiche, das ist gerade bei der Mode eine Entwicklung, die alle durchmachen. Sehr weit getrieben hat das Markenkonzept der Oberpollinger, der einst zu Karstadt gehörte, mittlerweile aber herausgelöst ist aus dem großen Verbund. Louis Vuitton und Prada steht am Eingang, manche der Luxusartikler haben kleine Absperrbänder vor ihren Zugang gestellt: Exklusivität statt Wühltisch, das ist das Konzept des Hauses, das kürzlich für 80 Millionen Euro verschönert wurde.

Zur Zielgruppe zählen zahlungskräftige Touristen aus aller Welt. 257 Euro geben sie am Tag in München aus, während Deutsche nur auf 101 Euro kommen, hat die Handelsberatung BBE jüngst ermittelt. Die Einkaufsfreudigsten: Touristen aus dem arabischen Raum. 351 Euro lassen sie im Schnitt in der Münchner Innenstadt. Mehr als jeder vierte befragte Einkaufstourist, egal ob aus Deutschland oder aus dem Ausland, besucht dabei Kaufhof und Karstadt. Das seien "wahre Touristenmagnete", urteilt die Beratungsfirma. Im Oberpollinger tönt an diesem Nachmittag über Lautsprecher tatsächlich Arabisch. Vielleicht wird ein Kind gesucht oder Werbung gemacht, man weiß es nicht.

Es gibt eigentlich alles

Weiter, vorbei am Brunnenbuberl und über die Sonnenstraße, links der große Stachus-Kaufhof und vorne dann der Karstadt am Bahnhof. Die allerteuersten Modemarken haben sie hier nicht - "beim Oberpollinger müssten Sie fragen", heißt es. Aber sonst gibt es in dem 1905 unter dem Namen Tietz begründeten Kaufhaus eigentlich alles. 300 000 Produkte auf 40 000 Quadratmetern - es ist die umsatzstärkste aller deutschen Karstadt-Filialen und dem Vernehmen nach auch gut in den schwarzen Zahlen. Was man immer dazu sagen muss bei Karstadt, wo die Mitarbeiter nach Insolvenz und andauerndem Eigentümer- und Geschäftsführerwechsel mit schwierigen Bedingungen zu kämpfen haben. Ganz im Gegensatz zu Kaufhof, der seit 20 Jahren mit ruhiger Hand von Lovro Mandac geführt wird.

Geschäftsführer Hans-Jürgen Gladasch ist dennoch selbstbewusst und stolz auf sein "Vollwarenhaus". Gerade von den Bahnpendlern wird sein Haus angesteuert, 30 000 bis 40 000 Kunden kommen so auch unter der Woche jeden Tag, zum Trachtenplatzl, in die riesige Damenwäscheabteilung oder um Stoffe zum Selbernähen zu besorgen. "Wir sind in einer komfortablen Situation", sagt er, "wie auch die Konkurrenz." Gladasch ist auch im Vorstand des Einzelhandelsverbandes, seine Erkenntnis: Jedes Haus ist eigen, gerade durch die Patina, wie ein Restaurant. Der eine mag dieses lieber, der andere jenes. Und weil genügend Publikum da ist, gibt es auch genügend Geschäfte für jeden.

Handelsexperte Hessert schätzt das Haus auf 100 Millionen Euro Jahresumsatz. Wieso sollte man so etwas schließen? Wenn Mars und Venus zusammen kämen, bliebe allein die Frage: Unter welchem Namen sollen die Häuser laufen?

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SZ vom 05.06.2014/wolf
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