Wandern in der Stadt:Wo Münchens echte Hausberge sind

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SZ-Illustration: Ilona Burgarth; Fotos: Florian Peljak (4), Rainer Kunert, Claus Schunk, Stephan Rumpf, Robert Haas, Alessandra Schellnegger, Veronica Laber (2)​

  • Der Geograf und Denkmalschützer Gerhard Ongyerth hat ein Wanderhandbuch verfasst, das hundert Erhebungen und Anhöhen in der Landeshauptstadt auflistet.
  • Ongyerth hat exakt die Höhenprofile vermessen, Geländeschnitte und 3-D-Modelle angefertigt.
  • Sechs Tagesetappen sind auf den 224 Seiten aufgeführt - mit Wegbeschreibungen und Besonderheiten.

Von Birgit Lotze

Die Münchner Hausberge kennt jeder. Aber warum hat sich noch nie jemand mit den Münchner Stadtbergen beschäftigt? Der Geograf Gerhard Ongyerth hat diese Lücke erkannt und in dreijähriger engagierter Kleinarbeit den ersten Münchner Bergführer erstellt. Der geleitet einen mit Akribie und einem "gewissen Augenzwinkern", wie es in der Einführung heißt, auf den Giesinger Berg, den Nockherberg, den Sendlinger Berg, aber auch auf weniger bekannte Gipfel wie den Höllerer Berg oder den König-Ludwig-Hügel.

Sogar richtige Gipfelkreuze hat der Autor in der Stadt entdeckt. Dass vermutlich niemand einen solchen Bergführer vermisst, das ist Ongyerth klar. Doch sein Ansinnen war, wie er schreibt, den Münchnern damit neue Erfahrungen zu vermitteln. Über eine Hangkante zu wandern, mal neue Wege zu gehen, eröffne andere Blickwinkel auf die Stadt.

Hundert Stadtberge, Bergl und Berganstiege hat Ongyerth bei seinen eigenen Wanderungen und Fahrradtouren durch die Landeshauptstadt entdeckt: 97 Höhen und markante Anstiege entlang der Hangkanten im Westen und Osten der Stadt einschließlich der Altstadtterrasse sowie die drei Schutt- und Müllberge im Olympiapark, im Luitpoldpark und beim Fröttmaninger Kirchlein. Ongyerth hat exakt die Höhenprofile vermessen, Geländeschnitte und 3-D-Modelle angefertigt. Überblicks- und Detailkarten führen über die Münchner Erhebungen. Sechs Tagesetappen sind ebenfalls auf den 224 Seiten aufgeführt - mit Wegbeschreibungen und Besonderheiten. In einem Gipfel-Logbuch, in dem jeder der hundert Berge und Anstiege aufgelistet ist, kann der Wanderer seine eigenen Gipfelsiege eintragen und die Touren dokumentieren: War das Wetter gut? Wie war die Brotzeit? War es anstrengend?

Eingebettet zwischen drei Hügelreihen

1480 Höhenmeter sind auf diese Weise in München zu erklimmen - allerdings nicht in zwei Stunden, man braucht eher ein paar Tage. 34 Kilometer hat der Wanderer dann mindestens zurückgelegt. München liegt, das ist wohl bislang vielen Stadtbewohnern so nicht klar, in einer weiten Ebene zwischen zwei Hügelreihen. Östlich der Isar verläuft von Harlaching bis Bogenhausen eine massive steile Hangkante, in die sich laut Ongyerth "zahlreiche Bergstraßen" eingeschnitten haben. Und im Westen zieht sich die Kante von der Großhesseloher Brücke über Sendling bis zur Bavaria, die über der Stadt thront.

Dass auch die Altstadt nicht auf einer Ebene liegt, kann ein Wanderer auf dem "Höhenweg Altstadtkante" selbst erfahren. Die Wegbeschreibung beginnt am Sendlinger Tor, die Tour führt über 17 Anstiege mit Höhen zwischen sieben und einem Meter über den Finanzgarten zum U-Bahnhof Odeonsplatz. Im Bergführer liest sich diese Tour in Kürze folgendermaßen: Länge: 3 km, Höhenmeter: 57, Höhenlage 527-503m NN, Dauer: 40 Minuten für Fußgänger, 20 Minuten für Jogger, 10 Minuten für Radfahrer. Wer bei einem Abstecher auch noch den Monopteroshügel erklimmt, muss mit insgesamt 72 Höhenmetern rechnen.

Im Münchner Bergführer findet man nicht nur Touren durch die Innenstadt, sondern auch Wanderungen durch grüneres Gelände wie die Harlachinger Hochleite oder den Thalkirchner Höhenweg. Darunter sind auch zwar kurze, aber doch anstrengende Steigungen. Der Hangweg an der Plinganserstraße beim Harras zum Beispiel hat tatsächlich eine Steigung von sage und schreibe 23 Prozent. Da horchten selbst die Alpinisten der Sektion Bergland des Deutschen Alpenvereins auf, bei denen Gerhard Ongyerth sein Buch erstmals der Öffentlichkeit präsentierte. 13 Prozent sei die übliche Steigung in den Münchner Hausbergen, sagten sie.

Verleger Franz Schiermeier, der auch in der Geschichtswerkstatt Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt mitarbeitet, fand die Idee, ein Münchner Bergbuch beim Alpenverein vorzustellen, zwar etwas verwegen, vielleicht sah er darin auch einen guten PR-Gag, die DAV-Bergsteiger jedenfalls nahmen das Angebot gerne an. Es gebe vielleicht aus alpinistischen Gründen keinen Anlass, in München die Bergstiefel anzuziehen, kommentierten sie. Doch Wanderer hätten ja auch noch andere Interessen.

Man könne die Erhebungen ablaufen und dabei nachlesen, wie es früher an der betreffenden Stelle war. Da hilft es, dass der Autor nicht nur promovierter Geograf, sondern auch Denkmalschützer ist. Eine gewisse beamtische Detailversessenheit merkt man den Texten zwar an. Dafür gibt es aber nicht nur geografische, sondern auch viele Ausführungen zur Geschichte der Stadt. Auch als Fotograf war Gerhard Ongyerth für das Buch unterwegs, immer auf der Jagd nach dem besten Licht, und mit außergewöhnlich schönen Ergebnissen. Sein Tipp für Stadtwanderer: "Wenn Sie der Bavaria ins erleuchtete Antlitz sehen wollen - das geht bloß morgens."

Gerhard Ongyerth, Münchner Bergführer - 100 Stadtberge, Bergl und Berganstiege, Franz Schiermeier Verlag, München, 2015, 16,90 Euro

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