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Wandel im Glockenbach:Die Yuppies kommen

Vom Künstlerviertel zum Luxusdepartement: Der Sozialgeograph Frank Schröder erklärt, warum es die Schickeria plötzlich ins Glockenbach zieht.

In München gibt es zwar kein Kreuzberg, dafür das Glockenbach, das sich in den letzten Jahren den Ruf als "hippstes" Stadtviertel erworben hat. Kleine Bars, Kneipen und Szeneläden bestimmen das Straßenbild. Aber das Viertel verändert sich. Teure Eigentumswohnungen werden errichtet, Edelboutiquen eröffnen. Man nennt das Phänomen Gentrifizierung oder Yuppisierung und meint damit den Umstrukturierungsprozess eines Stadtteils. Schöne Worte, aber was steckt dahinter? Ein Gespräch mit dem Münchner Sozialgeographen Prof. Dr. Frank Schröder.

Yuppisierung als Trend in der Stadtentwicklung? Ein Gespräch mit dem Sozialgeographen Professor Frank Schröder.

(Foto: Foto: Susanne Popp)

sueddeutsche.de: Ihr Berliner Kollege Hartmut Häußermann vertritt die These, dass bald nur noch reiche Yuppies die Innenstädte bevölkern und Einkommensschwache in die Vorstädte verdrängt werden. Trifft diese Aussage auch auf München zu?

Professor Frank Schröder: Der Trend ist absolut da. Ich würde sogar sagen, in München ist dieser Prozess der Yuppisierung noch viel weiter als in Berlin.

sueddeutsche.de: Was bedeutet das für Innenstadtviertel wie das Glockenbach?

Schröder: Viele Veränderungen kann man mit eigenen Augen sehen. Das Glockenbach war vor 30 Jahren eines der ärmsten Arbeiterviertel mit leer stehenden Wohnungen. Durch die Yuppisierung hat sich alles verkehrt: Toll restaurierte Altbauten, in denen heute ökonomisch sehr gut gestellte Leute leben und eine funktionierende Infrastruktur prägen das Bild. Das Glockenbach ist ein intaktes Viertel, baulich gesehen. Ob es sozial tragfähig ist, bezweifle ich persönlich.

sueddeutsche.de: Sie vermuten, dass durch die Yuppisierung die soziale Stabilität des Viertels verändert wird?

Schröder: Auf den ersten Blick sieht es aus, als gäbe es im Glockenbachviertel ein ganz gutes Gemeinschaftsgefühl. Tatsächlich bleiben die Yuppies aber meist unter sich, wer nicht in dieses Raster passt oder sich den neuen Lebensstandard nicht leisten kann, wird verdrängt. Alle, die das Viertel zunächst interessant gemacht haben - Künstler, Lesben und Schwule, Studenten und Ausländer -, wandern ab, wenn sie nicht zu den Einkommensstarken gehören. Zusätzlich verändert sich die Altersstruktur des Viertels. Heute dominiert eine sehr starke Gruppe von 20 bis 45-Jährigen, Ältere und Kinder fehlen fast völlig.

sueddeutsche.de: Kein Kontakt zu Kindern und Senioren, ist das nicht letztlich eine Verarmung der Gesellschaft?

Schröder: Ja. Ärmere und Reichere verlieren den Kontakt zueinander, genauso wie Ältere zu Jüngeren. Und auch Deutsche zu Ausländern. Das heißt, es entstehen in sich homogene Wohnviertel, in denen die Leute in Bezug auf Alter, Einkommen und Nationalität unter sich sind. Langfristig wird dies als Langeweile und Verarmung begriffen werden.

sueddeutsche.de: Wird diese Entwicklung denn weitergehen?

Schröder: Ich glaube, dass diese Gentrifikation weitergehen wird. Im Glockenbachviertel ist der Veränderungsprozess seit etwa 20 Jahren zu beobachten, erst relativ langsam und jetzt schneller. Im Moment wächst die Gruppe der sogenannten "Gentrifier" deutlich.

sueddeutsche.de: Woran liegt das?

Schröder: Von den zentrumsnahen und billigen Altbauwohnungen wurden zunächst Studenten und Anhänger von Subkulturen angezogen. Mit der bunten Lebensweise dieser "Pioniere" wird ein Gebiet nach und nach "schick". Leute mit Geld merken, da ist es interessant, es gibt schräge Kneipen und gute Läden. Dadurch gewinnt ein Viertel an Potential und die ersten Luxussanierungen beginnen.

sueddeutsche.de: Glauben Sie, der Single, als typischer Glockenbach-Bewohner von morgen, kauft sich lieber eine sanierte Eigentumswohnung, als zur Miete zu leben?

Schröder: Schon jetzt sind aus vielen Mietunterkünften und Gewerbeflächen Eigentumswohnungen geworden. Allerdings wird der Großteil nur als Zweit- oder Drittwohnung genutzt, von Leuten die über die entsprechenden Mittel verfügen. Das sind meist Singles, Familien müssen an den Stadtrand ausweichen.

sueddeutsche.de: Wie wird das Glockenbachviertel dann in Zukunft aussehen?

Schröder: Das Problem ist, dass man noch nirgends beobachten konnte, was passiert, wenn die jetztigen Yuppies altern und keine Kinder nachkommen. Es könnten ökonomisch gut situierte, aber vergreiste Viertel entstehen.

sueddeutsche.de: Das Glockenbach als Altenviertel: Halten Sie derartige "Vergreisungs-Szenarien" für wirklich realistisch?

Schröder: Ich halte sie zumindest nicht für unwahrscheinlich. Denn wenn ein Viertel den Ruf als Altenviertel hat, kommen keine Neuzuzüge mehr.

sueddeutsche.de: Was folgt statt dessen? Neue Läden, Kneipen und Bewohner, die zwar den Schein des "hippen" wahren wollen, aber längst gutbürgerlich geworden sind?

Schröder: Genau. Die Ersten, die dort hingezogen sind, kamen wirklich wegen der unkonventionellen Lebensweise. Aber wer sich jetzt dort eine Eigentumswohnung für eineinhalb Millionen Euro kauft, ist normalerweise nicht der Typ, der zwangloses "Multikulti" liebt.

sueddeutsche.de: Er würde sich aber vielleicht gerne diese Image geben?

Schröder: Ich denke, diese Menschen praktizieren eine ganz neue Lebensweise, trinken Designerbrause und verhalten sich ökologisch korrekt, aber das war auch schon das ganze Szenige. Tatsächlich suchen sie genau das Gegenteil von "Multikulti", nämlich bürgerliche Lebensweisen. Die, die das Viertel einst interessant gemacht haben, sind schon längst anderswo.

Impressionen aus dem Glockenbachviertel

Willkommen im Viertel!