Süddeutsche Zeitung

Neues Konzept:Wie Osram den ESC ausleuchtet

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Von Katja Riedel

Für Anton "Toni" Schneider ist die Sache klar. "Ooosram", sagt er in seinem weichen Vorarlberger Dialekt, das sei so wie das Papiertaschentuch, das sei einfach das "Tempo". Und zu einer Glühlampe, "da sag ich eben immer Ooosram", sagt Schneider, rosa T-Shirt, graues Haar, kleiner Bauch. Schneider ist aus dem Vorarlberg nach Wien gefahren, um als einer von 800 Freiwilligen, "Volunteers" genannt, für das Großereignis zu arbeiten, das in diesen Tagen ganz Österreich elektrisiert, für den Eurovision Song Contest (ESC). Eigentlich ist Schneider Pensionär, aber jetzt führt er Besuchergruppen durch die heiligen Hallen des größten Gesangswettbewerbes der Welt. Mit der Delegation der OSZE hat er sich verlaufen, peinlich war das, sagt er. Heute ist eine Gruppe des Münchner Unternehmens Osram dran. Und Schneider ist längst routiniert.

Der Münchner Lichtkonzern ist eines der Unternehmen, deren Firmenemblem - in diesem Fall eine Glühbirne - auf allen Werbewänden prangt, Osram ist Sponsor. Die Glühbirne also. Ausgerechnet. Denn der Konzern will künftig mit ihr und mit aller Beleuchtung für den Hausgebrauch nichts mehr zu tun haben. Die ehemalige Siemens-Tochter trennt sich von ihrem Kerngeschäft. Ein bisschen ist das so, als würde BMW künftig keine Autos mehr verkaufen, sondern nur noch Mobilitätskonzepte und Navis. Geld verdienen will Osram mit großen Lichtlösungen für professionelle Anwender, mit Lichtinnovationen - etwa bei Großveranstaltungen wie dem ESC.

Lieferant für das Lichtspektakel

Darum präsentiert sich der Konzern im Wandel nicht nur als Sponsor, sondern als Lieferant für das Lichtspektakel in der Wiener Stadthalle. 720 Kameras und 195 Millionen Zuschauer in aller Welt - so viele waren es zumindest 2014 - sollen Zeugen sein, wie Osrams Zukunft aussieht. Das Licht, das die Show erst zu einer solchen machen wird, das jeden der Künstler in ein ganz eigenes Licht, in Farben und Schatten taucht, kommt aus mehr als 500 Scheinwerfern. Es kommt aus 1300 Aluminium-Stelen mit LED-Flächen, aus einem LED-Boden und LED-Leinwänden.

Sie alle stammen aus München, aus der Zentrale im sogenannten Lighthouse im Norden Schwabings und aus den weltweit 33 Werken, zum Beispiel in Augsburg oder Berlin. Der ESC ist ein Großauftrag, der Zeitpunkt höchst sensibel - und die Veranstaltung ist eine Bühne für jenen Image- und Geschäftswandel, den der Konzern erst vor wenigen Tagen verkündet hat.

Das traditionelle Beleuchtungsgeschäft lagert das Unternehmen aus, in einen eigenen Konzern, an dem Osram nur noch die Minderheit halten will, sobald ein Partner gefunden ist: ein Finanzinvestor vielleicht, ein Konkurrent aus dem Lichtgeschäft, vielleicht aus China, mutmaßt mancher "Osramit", so nennen sich die einst stolzen Lichtkonzern-Mitarbeiter. Es ist ein Paukenschlag, mit dem der neue Vorstandschef Olaf Berlien den Konzern retten will. Denn die symbolträchtige Glühbirne ist fast schon ausgestorben, nicht nur auf Anordnung der Politik, sondern auch, weil die LED-Technik immer stärker wird, sie ist effizient, sie ist langlebig.

Die LEDs halten zu lange

Und das ist ein Problem: Osram hat die LED-Technik lange verschlafen, inzwischen aufgeholt - aber weil LEDs so lange halten, sind die Umsätze zu gering, um damit weiter Geld zu verdienen. Der Konzern hat darum im Lichtgeschäft zuletzt bereits mit eisernem Besen durchgekehrt. Jetzt geht es ans große Ganze, und dafür hat der neue Vorstandschef eine ganze Reihe symbolträchtiger Sprachbilder gefunden. Eines davon geht so: Wenn in einigen der Geschäftsfelder die Sonne untergehe, dann habe man zwei Möglichkeiten. Entweder man bleibe still stehen und schaue zu - oder man renne in den Sonnenuntergang.

Nun rennen die Herren von Osram erst einmal durch die Wiener Stadthalle. Dort geht es am Nachmittag vor der ersten Live-Show im Fernsehen hektisch zu. Halbfinale, 16 Nationen werden am Abend um den Einzug ins große ESC-Finale am Samstag kämpfen. In der Halle selbst laufen die "Rehearsals", Proben. Es ist dunkel, fast Nacht in der großen Halle. Die Aluminiumstelen, die wie ein Auge um die LED-Bühne herum drapiert sind, leuchten nur in dezentem Weiß, durch die Dunkelheit fliegen weiße Lichtkegel, ein Sternenbad. Auf der Showtreppe steht ein Mensch im schwarzen Glitzeroberteil mit weißem Überwurf. Es ist die Ikone des Wettbewerbs, in High Heels und mit dem berühmten Bartschatten, der selbst von weit entfernten Plätzen der Tribüne zu sehen ist. Kameras und Fotos sind verboten, als Conchita Wurst, die Gewinnerin des Vorjahres, die den ESC nach Wien geholt hat, vor einer Handvoll Techniker und Besucher zum eersten Mal ihren neuen Song aufführt. "My heart is a firestone", singt sie. Die Lichtkegel inszenieren sie wie eine Eiskönigin. Conchita Wurst tanzt auf hohen Absätzen, sie singt, sie steht immer genau dort, wo es das grüne Laserlicht, für Kameras unsichtbar, auf den Boden malt. Der Regisseur des ORF ist zufrieden. "Danke, Conchi, ist erledigt", sagt er lapidar, das normale Hallenlicht geht an, die Minishow ist vorbei, Conchita Wurst verschwindet in ihrer messestandartigen Kabine.

Im Backstagebereich spielt einer der finnischen Rocker Fußball auf der Playstation, Reporter filmen ihn dabei, die finnische Truppe ist einer der Lieblinge der 700 Journalisten, in der Band spielen drei Männer, die eine geistige Behinderung haben. Am Abend werden sie ausscheiden, wie die Niederländer, die sich gerade neben dem Snack-Stand abklatschen, als die Lautsprecherstimme sie zur Probe auf die Bühne ruft. "Lets go, Netherlands!", schreit die dunkelhaarige Sängerin.

Das Lichtdesign ist für jeden Auftritt ein anderes, über Monate haben es ein Designer und sein Team entwickelt. Seit drei Wochen tüftelt Rich Gorrod, der Leiter der Licht-Crew, in der Stadthalle an jedem Lichtstrahl, jedem Schattenwurf und jeder Farbnuance. Dass jeder der 40 Auftritte anders aussehe, etwas Besonderes habe, das sei die größte Herausforderung, sagt er. Die Delegationen selbst hätten einen großen Einfluss, am Ende müsse aber jeder Wunsch in das Gesamtkonzept passen. "Ich finde, dass manchmal weniger mehr ist", sagt Projektleiter Matthias Rau, der ebenfalls zum Team gehört.

Die Effekte müssen außergewöhnlich sein

Manche Länder sähen bei der Konkurrenz Lichteffekte, die sie dann auch haben wollten. "Die besten Chancen hat aber, wer sich abhebt. Entweder, weil es völlig dezent ist oder völlig außergewöhnlich", sagt Rau. Drei Wochen haben sie in der Halle probebeleuchtet und inszeniert, jeden Act 16 bis 18 Mal durchgespielt, jetzt ist Showwoche. Es ist das größte Fernsehereignis der Welt. Nicht nur für die Crews, vor allem für das Material ist das eine große Belastung. "Für das Equipment ist das eine lange Zeit, das Licht ist 18 Stunden am Tag an, sieben Tage die Woche", sagt Rich Gorrod. Bei einer Lebensdauer von 500 Stunden pro Leuchte sei dies eine Abwägungssache. "Die Frage ist: Wann müssen wir die austauschen?" Jeden Morgen checkt die Crew darum jedes einzelne Licht, drei bis vier Stunden lang.

Anders als in den Haushalten dominiert im professionellen Lichtbereich, im Fernsehen und bei Shows, noch die herkömmliche Leuchte. Doch in den letzten Jahren setzte sich auch in diesem hochsensiblen Bereich die LED stärker durch, aus Energie- und Kostengründen. "Nur beim Kamera- und beim Personenführungslicht trauen sich noch nicht viele an die LED heran", sagt Matthias Rau. Der ESC, der sei "in erster Linie eine Fernsehshow - was in der Halle passiert, ist Nebensache". Und doch lärmen die ESC-Fans im Saal wie in einem Fußballstadion, als am Abend die große Halbfinalshow beginnt. Wieder mit Conchita Wurst, die im langen weißen Schleifenkleid erst auf die leuchtende Bühne, dann durch den Saal zu den Delegationen im sogenannten Greenroom schreitet und dabei ihr Siegerlied "Rise like a phoenix" singt. Das Licht, das sie umgibt, lässt sie aufsteigen wie jenen Sagenvogel, aus dem dunklen Saal ins gleißende Licht.

Volunteer Toni Schneider ist da nicht mehr im Saal zu sehen, er hat den ganzen Tag Gäste durch Sicherheitskontrollen, VIP-Tribüne und Backstagebereich geführt und liegt jetzt vielleicht schon auf seiner Gästematratze, bei einem Wiener Symphoniker, der ihn beherbergt.

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Quelle:
SZ vom 22.05.2015
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