Er hat’s nicht leicht, der Monaco Franze in der legendären München-Serie von Helmut Dietl. Schließlich steht im Münchner Nationaltheater „Die Walküre“ an, weshalb seine kulturell ehrgeizige Gattin noch rechtzeitig mindestens einen halben Wagnerianer aus ihm machen will. Also, wie heißen sie, die Walküren? „Woglinde, Wellgunde und Floßhilde.“ „Das san doch die Rheintöchter, Franzi“, stöhnt Polizeikollege Manni Kopfeck beim Abhören, „wir reden jetz’ von den Walküren.“
Mit den Frauenensembles im „Ring des Nibelungen“ kann man schon mal durcheinander kommen, selbst wenn man sich an sich so leidenschaftlich für Frauen interessiert wie der Monaco, was seiner Gattin meistens gar nicht lieb ist. Schließlich drohen in der „Götterdämmerung“ zwei „Ring“-Abende, später auch noch die Nornen. Aber vor Begegnungen mit Walküren fürchten sich vermutlich sogar Polizeikommissare. Denn wer eine Walküre trifft, so will es der nordische Mythos und Richard Wagner mit ihm, findet bald darauf den Tod in einer Schlacht. Und wird danach aufs Pferd gepackt und nach Walhall gebracht, zum gemeinsamen Vater Wotan. (Mit den Müttern ist es eine andere Sache.)
Alsdann, für alle Monacos, die ab diesem Donnerstag „Die Walküre“ in der Neuinszenierung von Tobias Kratzer an der Bayerischen Staatsoper absitzen müssen, die Walküren, vom höchsten Sopran bis zum tiefen Alt: Helmwige, Gerhilde, Ortlinde, Waltraute, Siegrune, Roßweiße, Grimgerde, Schwertleite. Für ihre ausgesprochen kriegerischen Namen wirken die Damen überraschend friedlich wenige Tage vor der Premiere, ganz ohne Speer und Ross angereist in der Rheingoldbar des Nationaltheaters. Nur Brünnhilde, nach der das Stück benannt ist, fehlt.
Schließlich wird sie ohnehin mal wieder partiturgemäß zu spät kommen zum großen Ensemble ihrer Schwestern im dritten Akt, das sogar Leute wie der Monaco kennen, spätestens seit Francis Ford Coppola den „Walkürenritt“ in seinem Anti-Kriegs-Epos „Apocalypse Now“ verwendet hat. Und bei dem es sicher auch unter Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski ordentlich krachen wird, nicht nur wegen der Blechbläser.
„Es ist ein so kraftvoller Sound“, verspricht Julie Adams alias Gerhilde. „Ich habe das nur in dieser Show getroffen, ein Ensemble von acht so unglaublichen Frauen.“ Nur zwei der Walküren, Natalie Lewis als Grimgerde und Elene Gritishvili als Ortlinde, kommen aus dem hauseigenen Opernstudio. Für den Rest hat die Bayerische Staatsoper groß eingekauft auf dem begrenzten Markt der Wagner-Stimmen. Wer hier eine Walküre singt, übernimmt meistens andernorts deutlich größere Rollen.
Dorothea Herbert, die sonst bei Wagner auch Senta oder Elsa verkörpert, genießt das durchaus. „Jetzt habe ich eine richtige Girlsmannschaft um mich.“ „Wir sind alle Solistinnen, müssen aber plötzlich eine Gruppe bilden“, springt ihr Elene Gritishvili halbschwesterlich bei. „Wir müssen eine gemeinsame Farbe finden, in der unsere Stimmen verschmelzen, am Ende auch mit dem Orchester.“ Unterstützung gibt es von den Korrepetitoren und Sprachcoaches der Staatsoper. „Man braucht gute Ohren von außen“, sagt Julie Adams.

Die Stimmung in der Girlsmannschaft ist locker, germanisch gerollte R’s werden hin und her geworfen, Witze auf eigene Kosten und die der anderen. Wenn auch nicht so derb wie bei Wagner, wo eine echte Walküre humortechnisch auch in einer Jungsmannschaft mitspielen können muss. „Die Stute stößt mir der Hengst“, amüsiert sich Ortlinde, wenn die toten Kerle selbst auf Pferderücken noch keine Ruhe geben. Was in dem rasend dahingaloppierenden Ensemble aber meistens ohnehin überhört wird, anders als die juchzenden Schlachtrufe, ohne die keine Walküre bei der Begrüßung einer Halbschwester auskommt: „Hojotohoh!“ und „Heiaha!“.
Menschliche Sängerinnen können sie durchaus das Fürchten lehren. „Jeder wartet auf die hohen C“, sagt Dorothea Herbert, als Helmwige die höchst notierte des Ensembles. Ihre Methode: nicht nachdenken, mit Spaß auf die Bühne und „einfach fließen lassen“. Helmwige hat sie auch schon bei den Bayreuther Festspielen gesungen, zuvor andernorts Gerhilde. „Am Anfang ist es sehr schwierig, einen anderen Part zu lernen“, sagt sie. Das Ensemble ist kleinteilig, die Punchlines der Walküren fliegen so rasch wie ihre Pferde. „Sing’ einfach mit mir“, kontert Julie Adams, die aktuelle Gerhilde. Niina Keitel alias Siegrune hat sogar schon vier unterschiedliche Walküren gesungen, zudem die größere Rolle der Fricka im zweiten Akt. Das Casting, erklärt sie, richte sich nach der Stimmfarbe, die jeweils gesucht werde und die anderen ergänzen müsse.
Schwer bewaffnet sind Frauen auf der Opernbühne sonst selten zu sehen
Abwechslung in den Sängerinnenalltag bringen die Rollen auf jeden Fall. Schließlich dürfen Frauen auf Opernbühnen sonst nur selten schwer bewaffnet auftreten. „Wer will nicht manchmal knallhart sein?“, sagt Julie Adams oder, im englischen Original noch knallhärter: ein „badass“. „Das ist schon cool.“ Wie genau Tobias Kratzer die Walküren inszenieren wird, darf sie so wenig verraten wie ihre Schwestern. Unwahrscheinlich, dass sie wie bei der Uraufführung 1870 in München von verkleideten Stallburschen gedoubelt werden, die auf der Hinterbühne des Nationaltheaters über dämpfende Teppiche ritten.
In der Gegenwart lässt sich sowas möglicherweise leicht mit Videos lösen, bei Tobias Kratzer ohnehin ein beliebtes Mittel. Da könnten die Walküren sogar durch halb München reiten, falls bei ihrem Anblick im Englischen Garten niemand tot umfällt. „Wir sind Kriegerinnen und wirklich stark und kraftvoll“, verrät Natalie Lewis alias Grimgerde nur, „aber wir werden dennoch eine andere Schattierung der Walküren zeigen.“
Jedenfalls müssen sie diesmal ungewohnt früh anreiten: Kratzer will sie bereits im ersten Akt auf der Bühne sehen, lange vor dem sängerischen Einsatz im dritten Akt. Was auch deutlich mehr Proben bedeutet als in anderen Inszenierungen. Ob sie gefragt sind, haben die acht Sängerinnen immer erst am Tag zuvor erfahren. Der Theateralltag ist da so unerbittlich wie die Befehle von Allvater Wotan, gegen die sich in der „Walküre“ nur Brünnhilde auflehnt, die dafür aus dem Kreis der Walküren ausgestoßen wird.
In den langen Pausen während der Vorstellung ist Zeit für Hobbys
„Es macht total Sinn“, verspricht Dorothea Herbert, „wenn man diese Produktion sieht, ist es logisch. Es wird wirklich großartig werden, sehr besonders.“ Christina Bock alias Roßweiße muss dann dennoch immer schauen, wo sie kurzfristig einen Babysitter für die Proben am Tag drauf herbekommt. Und wie sie das von ihrer Gage bezahlt. Mit Mutterschaft ist der Theateralltag noch immer kaum vereinbar.
Dafür kann sich Roßweiße während der endlosen Vorstellungen zwischen dem Schminken ab 15.30 Uhr und dem Vorstellungsende nach 22 Uhr häufiger einer privaten Leidenschaft widmen: dem Puzzeln. Alle haben ihre Hobbys mitgebracht. Natalie Lewis liest, Noa Beinart, die früher in München im Opernstudio war und nun als Schwertleite zurückkehrt, strickt – laut eigener Auskunft nicht mit Speeren. Und natürlich müssen sich alle irgendwann einsingen, notfalls auf der Toilette, jedenfalls nicht gleichzeitig in einer der beiden Garderoben, das wäre denn doch zu viel des Schlachtenlärms.
„Fokustechnisch ist es eine Herausforderung“, sagt Christina Bock. „Man ist dann schon auf der Bühne gewesen, wartet unfassbar lange und muss nach fünf Stunden auf dem Höhepunkt der Konzentration sein.“ Und kann danach möglicherweise noch stundenlang nicht schlafen, weil der Adrenalinspiegel einfach zu hoch bleibt, wie Julie Adams verrät. Doch echten Walküren hilft kriegerischer Humor über vieles hinweg. Gut möglich, dass Passanten in den kommenden Wochen das eine oder andere „Hojotohoh“ und „Heiaha“ aus dem Nationaltheater hören werden, wenn sie während der Vorstellung dran vorbeigehen.

