Bundestagswahl 2017:Klick, Wisch, Kreuz

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Politische Farbenspiele auf Instagram, Youtube, Facebook und Twitter.

(Foto: SZ Grafik)

Die einen posten auch das Bild ihrer neuen Lederhose auf Instagram oder twittern im Stundentakt, die anderen machen sich in sozialen Netzwerken eher rar - eine Typologie der virtuellen Wahlkämpfer.

Von Heiner Effern und Dominik Hutter

Viele Wähler, gerade jüngere, bewegen sich längst in einer Welt, in der Infostände und Plakatständer so angesagt sind wie der Kauf des Lieblingsalbums auf einer CD. Lieder ziehen sie von Plattformen herunter, Informationen fürs tägliche Leben fischen sie aus dem Netz. Deshalb tummeln sich dort zunehmend auch Politiker, gerade vor Wahlen. Die meisten haben den Reiz der sozialen Netzwerke längst erkannt: Botschaften lassen sich im Minutentakt senden, Bilder wecken Emotionen. Und diejenigen, die auf das schnelle Rauschen im Netz keine Lust haben, wollen wenigstens den Anschein erwecken, als ob sie auch dabei wären. Die SZ hat die 24 Münchner Direktkandidaten beobachtet, deren Parteien nach den derzeitigen Prognosen im nächsten Bundestag vertreten sind. Welche Figur machen sie auf Facebook, Twitter und Instagram, auf Homepages und Youtube-Kanälen?

Die Verächter

Theoretisch ist es möglich, dass irgendwo in den Tiefen des Internets klandestine Social-Media-Beiträge der Wahlkämpferin Brigitte Wolf schlummern. Nur: Man findet sie nicht. Was in der Logik eines unüberschaubaren Netzes bedeutet: Es gibt sie nicht. Erstaunlich eigentlich bei einer Diplom-Informatikerin. Allerdings darf man der Linken-Politikerin getrost unterstellen, dass sich ihre Bundestagsambitionen vor allem auf die Jagd nach Zweitstimmen für ihre Partei beschränken. Zwar ist die Linke im Osten auch mal für Direktmandate gut. Dass das aber auch schon für den Münchner Osten gilt, ist zumindest zweifelhaft. Und auf der Landesliste besetzt die langjährige Stadträtin lediglich Platz 13. Da darf man getrost analog bleiben. Keinen kompletten Boykott, aber zumindest eine freundliche Missachtung pflegt Wolfs Parteifreund Ates Gürpinar auf Twitter. Ganze 14 Tweets hat er abgesetzt, das grenzt schon an Kapitalismuskritik. Der Kandidat für den Münchner Norden bietet dafür einen durchaus vorzeigbaren Facebook-Auftritt. Was das mit der Kapitalismuskritik wieder relativiert.

Die Nachlässigen

Man darf nicht ungeduldig sein auf der Homepage von Bernhard Loos. Der CSU-Kandidat für den Münchner Norden kündigt nun schon seit einigen Monaten an, dass seine neue Homepage in wenigen Tagen online gehen wird. Angeblich ist sie zu 80 Prozent fertig, auch das schon seit längerem. Ob bis zur Bundestagswahl noch etwas passiert, ist unklar - allerdings gelangt man durch einfaches Klicken auf die Facebook-Seite des Kandidaten ("auf die Plätze, fertig, Loos!"). Darauf: Nahezu tägliche Berichte aus dem Wahlkampf, ein bisschen Biografie und vier politische Themen in Stichpunkten. Gezwitschert wird nicht. Was übrigens für mehrere Münchner Kandidaten gilt: Auch Wolfgang Wiehle von der AfD oder Lukas Köhler von der FDP sind auf Twitter nicht zu finden.

Die Adabeis

Der CSU-Kandidat Michael Kuffer legt Wert auf professionelle Plakate, das ist auf den Münchner Straßen nicht zu übersehen. Auch seine Homepage kommt geschliffen daher - wenn auch die Einblicke in den persönlichen Hintergrund oder die politischen Ziele eher zurückhaltend ausfallen. Man merkt Kuffer an, dass er auf Facebook oder Twitter nicht zu Hause ist, ein paar Social-Media-Aktivitäten aber zumindest im Wahlkampf für unentbehrlich hält. Ein bisschen lästern über den SPD-Kanzlerkandidaten, alle paar Wochen mal ein Eintrag - die Welt des digitalen Exhibitionismus ist nicht die des Michael Kuffer. Mit 23 Tweets trägt der CSU-Kandidat für den Münchner Süden fast nichts zum Börsenwert des Unternehmens Twitter bei. Auf Facebook passiert ein bisschen mehr, allerdings ist der jüngste Eintrag auch schon gut zweieinhalb Wochen alt. Übertragen in die Social-Media-Zeitrechnung heißt das: irgendwann kurz nach der Schlacht von Issos.

Die Voll-Checker

Wäre das Internet ein See, könnte man sagen: Dieter Janecek bewegt sich darin wie ein Fisch im Wasser. Politische Kommentare, Berichte aus dem Wahlkampf, direkte Debatten, nette Radl-Bilder und Halbprivates - der grüne Abgeordnete twittert und facebookt, was der Akku hergibt. Geschickt begleitet er seine eigenen Initiativen und die dadurch ausgelöste Diskussion auf allen Social-Media-Kanälen. Über die "Dieselbetrügerrettungsprämie" etwa. Janecek-Äußerungen auf Twitter schaffen es durchaus auch in die konventionellen Medien, etwa seine Kritik an einem Zeitungsartikel in der FAZ, die "faktenfrei" über Feinstaub berichtet habe. Der Tweet war der Huffington Post einen eigenen Artikel wert. Mit mehr als 31 000 Tweets und 7070 Followern schlägt Janecek sogar noch Daniel Föst, dessen Affinität zu digitaler Kommunikation ebenfalls nicht zu übersehen ist. Der FDP-Konkurrent, der allerdings in einem anderen Wahlkreis antritt, ist mit knapp 11 000 Tweets und 2365 Followern gut dabei. Seine Bewunderung für Christian Lindner ist anhand der vielen Retweets nicht zu übersehen. Föst ist bekannt für seine Unerschrockenheit, auch Unbequemes zu sagen, und für seinen Eigenhumor - das macht einen Besuch auf einer seiner Internetseiten unterhaltsam. Manchmal muss man allerdings auch erfahren, dass sein Flugzeug Verspätung hat. Das ist zwar Twitter-typisch. Aber nicht wirklich interessant.

Die Blasen-Könige

Manchen reichen 140 Zeichen zum Regieren, wie US-Präsident Donald Trump fast täglich beweist. Die meisten Politiker aber nützen diese maximale Länge einer Botschaft auf Twitter zur Reaktion, zum Beispiel auf einen eigenen Gemütszustand, auf den politischen Gegner oder eine Nachricht, die irgendwo in den Untiefen der sozialen Netzwerke umherwandert. Dabei hängt dem Kurznachrichtendienst das Stigma der geistigen Inzucht an, in dem sich vorwiegend Journalisten, Politiker und Lobbyisten gegenseitig befeuern. In einem Ping-Pong-Spiel schicken sie eine Nachricht so lange hin und her, bis sie selbst und hoffentlich auch alle anderen von deren Bedeutung überzeugt sind. Im Wahlkampf eignet sich Twitter zudem hervorragend, in einer Art Dauerfeuer die eigene politische Linie zu präsentieren. AfD-Kandidat Petr Bystron konzentriert seine Netz-Aktivitäten auf die kurzen Nachrichten, er teilt Botschaften wie "Wir brauchen wieder mehr Deutschland" oder schickt den Tweet weiter, den ein anderer über ihn geschrieben hat, weil dieser wiederum einen Zeitungsartikel über ihn (also Bystron) entdeckt hat. Das ist aber durchaus keine Eigenheit der AfD, Könige der Twitter-Blase sind die bereits erwähnten Kandidaten Janecek und Föst. Dagegen zeigen sich manch andere deutlich desinteressierter, obwohl sie natürlich pflichtgemäß bei Twitter registriert sind. SPD-Kandidat Florian Post bringt es gerade mal auf 86 gesendete Tweets.

Die Bildverliebten

Warum soll man den Wähler ständig mit komplexen Inhalten nerven, die eh fast niemanden interessieren? Bilder transportieren Botschaften doch viel einfacher und angenehmer. Beispiel gefällig? Natürlich könnte CSU-Kandidat Wolfgang Stefinger einen Vortrag über seine Verwurzelung in der Heimat halten, seine Nähe zum Brauchtum, den Wert des Althergebrachten in dieser schnelllebigen Zeit. Er würde einfließen lassen, dass er Dialekt nicht nur schön findet, sondern ihn selbst auch sprechen kann, wenn er als Abgeordneter in Berlin nicht gerade große Politik macht. Nebenbei könnte er noch betonen, dass er ein zünftiger Kerl ist, der nicht nur bierernst durch die Politik zieht, sondern auch mal Spaß im Bierzelt hat. All das geht aber auch mit einem einzigen Foto auf der Bilderplattform Instagram und zwölf dazu getippten Wörtern: "Mei neie Lederhosn gfreit se scho auf d'Wiesn! Und i mi a!" Auch SPD-Kandidat Bernhard Goodwin postet auf der Plattform Instagram, die junge Wähler viel mehr schätzen als das aus ihrer Sicht eher ältere Facebook. Goodwin mag demzufolge Tiere (Eichhörnchen-Baby und Mini-Video mit Schafen als ökologische Rasenmäher), setzt sich für die Rechte Homosexueller ein (Regenbogen-Fotos) und hat einen Hang zur Selbstironie (Porträt mit Brett vor dem Kopf). Bei Peter Heilrath von den Grünen wiederum sieht man viel Grün auf Bildern und Wahlkampfplakaten, ein Elektroauto und einen Sonnenuntergang mit Stadtsilhouette, ein bisschen Romantik und Heimat darf schon auch sein. System hat die Präsenz auf Instagram offensichtlich nur bei der FDP. Alle vier Kandidaten schicken Bilder in die Welt. Als Füller dienen viele abfotografierte Wahlplakate, aber man zeigt auch Lebenslust: etwa einen Löwen, den ein Barista in den Milchschaum eines Cappuccino gezaubert hat. Oder Zigarren aus Indonesien mit persönlichem Namensetikett.

Die Halbprivaten

Nirgends vermischen sich Berufliches und Privates so natürlich wie auf Facebook und Co. Ein Foto vom Wahlkampf hier, ein Foto aus dem Urlaub da, die Familie ist auch präsent, ebenso der jüngste Café-Besuch. So erfährt der Surfer, wie menschlich Bundestagskandidaten sein können. Der Liberale Lucas Köhler zum Beispiel spielt mit seinem kleinen Sohn Lego, wenn er gerade nicht auf Stimmenfang ist. Danach kocht er zur Entspannung für die Familie; die Nudeln mit Scampi sehen sehr appetitlich aus. Der Grüne Peter Heilrath wiederum scheint ein passionierter Sportler zu sein, jedenfalls legt das eine Fotoserie nahe, unter der steht: "Lauf auf den Vorderen Felderkopf bei Garmisch - 1100 Höhenmeter rauf und runter." Manfred Krönauer (FDP) hat sichtlich Spaß am Onkel-Dasein, allerdings sind die Fotos vom Kindergeburtstag so dezent, dass man das Gesicht von Neffe oder Nichte nicht auf dem Foto sieht. Dieser Trend gilt grundsätzlich: Ein bisschen privat muss sein, zum Übertreiben neigt offensichtlich niemand.

Die Zugeknöpften

Auf der Homepage von Florian Post kann man "privat" anklicken - um anschließend fast nichts zu erfahren. München sei Heimat und Lebenskultur, steht da. Ob Post gerne liest, schreibt, Musik hört oder lieber mit seinen Kumpeln um die Häuser zieht, ist dort ebenso wenig zu erfahren wie bei Facebook oder Twitter. Das gilt keineswegs nur für den SPD-Kandidaten des Münchner Nordens. Auch seine Parteifreundin Claudia Tausend gibt sich eher zugeknöpft, Gleiches gilt für die direkten Konkurrenten Bernhard Loos und Wolfgang Stefinger von der CSU. Details über Partner, Familie und Hobbys lassen viele Kandidaten nur ungern nach außen dringen - was man etwa mit scheinbar aus dem Leben gegriffenen spontanen Twitter-Berichten geschickt kaschieren kann, wenn man denn will. So konspirativ wie die AfD ist allerdings niemand unterwegs. Über die Personen der Kandidaten erfährt man nahezu nichts.

Die Filmstars

Bewegte Bilder sind die Krönung jeder Starkarriere. Anders als Schauspieler müssen Politiker auf die Seriosität des Dargestellten achten. Das verschafft amtierenden Parlamentariern einen nicht zu unterschätzenden Vorteil. Auf Youtube sind Margarete Bause von den Grünen und Nicole Gohlke von den Linken am Rednerpult zu sehen - die eine im bayerischen Landtag, die andere im Bundestag. Florian Post hingegen setzt in seinem gerade abgedrehten Imagefilm auf Bewegung und joggt darin durch den Olympiapark - wie einst "Lola rennt"-Darstellerin Franka Potente in Berlin. Aber langsamer natürlich und weniger punkig.

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