Wachsendes Angebot Ganz normale Überdurchschnittskerle

Der Herrenausstatter Hirmer will Männer als Kunden gewinnen, denen die gängigen Konfektionsgrößen nicht passen. Auch andere Firmen haben das Potenzial bereits erkannt

Von Franziska Gerlach

Nach knapp 30 Minuten ist jedem im Konferenzraum des Münchner Herrenausstatters klar, dass Sashel Gruber vieles sein mag. Sympathisch, witzig, selbstbewusst, und wie er sich in einer Lederjacke und blütenweißen Sneakern im Scheinwerferlicht dreht, geht er zweifelsfrei auch als stilsicher durch. Doch was seine Körpermaße anbelangt, hat er mit dem deutschen Durchschnittsmann nur wenig gemein. Denn dieser, so hat Gruber gerade zum achten Mal in die Kamera gesagt, sei mit seinen 1,78 Metern Größe und einem Gewicht von 82 Kilo, nun ja, eben einfach nur Durchschnitt.

Mächtige Schultern und Mode: Sashel Gruber kann sich nicht einfach eine Jacke von der Stange kaufen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Das kann man von Gruber nun wirklich nicht behaupten, der 36 Jahre alte Münchner ist ein "echter Überdurchschnittskerl", wie sie bei Hirmer zu den Protagonisten des neuen Werbesports sagen. Dass an diesem sonnigen Samstagvormittag ganz normale Männer und keine professionellen Models gecastet werden, ist schlau. Denn schließlich sind es ja auch die ganz normalen Männer, die Hirmer im Stammhaus an der Kaufingerstraße und seinen Filialen für "Große Größen" einkleiden will. Die erste eröffnete der Münchner Herrenausstatter 1995 in Mannheim, inzwischen gibt es zum Beispiel aber auch in Berlin, Frankfurt, Hamburg, Köln und Stuttgart welche.

Jetzt macht Sashel Gruber Werbung für Hirmer.

(Foto: Stephan Rumpf)

Der Aufruf erfolgte über die Filialen für "Große Größen", 150 Männer haben sich beworben, elf wurden zum Casting eingeladen, fünf dürfen in dem TV-Spot mitspielen. Wahre Hünen aus Sachsen und Schwergewichte aus Nordrhein-Westfalen sind dafür nach München gereist. Andere haben an manchen Stellen des Körpers einfach nur ein bisschen mehr zu bieten, doch die gängigen Konfektionsgrößen passen trotzdem meistens nicht. Sashel Gruber ist ein solcher Kandidat: Er wiegt 135 Kilo, misst 1,94 Meter und ist mit einem Kreuz ausgestattet, dessen Anblick einen kanadischen Holzfäller in tiefe Selbstzweifel stürzen würde. Er trägt Kleidergröße 3XL, dick ist er aber nicht. Höchstens kräftig. Doch besonders seine mächtigen Schultern, sagt der Software-Ingenieur, bereiten ihm beim Klamottenkaufen Schwierigkeiten, die Ärmel von Hemden oder Sakkos sind meist zu eng für seine Oberarme, der Stoff spannt, in andere kommt er erst gar nicht rein. Dabei mag Gruber Mode, das schon. Es ist aber auch schon vorgekommen, dass er bei den Filialisten der Münchner Innenstadt "ein Hammer-Teil" wehmütig links hat liegen lassen, es noch nicht einmal anprobiert hat, obwohl es ihm in der größten gängigen Größe vielleicht sogar gepasst hätte. Aber er kauft eben lieber dort ein, wo man sich auf seine Maße eingestellt hat: "Ich möchte mich normal fühlen. Und nicht ans Ende einer Skala gepresst."

6XL ist hier noch nicht das Ende der Fahnenstange. Es gibt auch T-Shirts in 10XL.

(Foto: Stephan Rumpf)

Beim Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie ist man überzeugt davon, dass sich das Angebot an Sondergrößen in den vergangenen Jahren schön entwickelt hat. "Es ist alles da", sagt ein Sprecher. Egal, ob jemand zu groß, zu klein oder zu korpulent ist. Und tatsächlich kommt die Mode in diesen Tagen recht gut zurecht mit der Vielfalt, "diversity" lautet das geliebte Wort, das selbst amerikanische Sportzeitschriften dazu bringt, kurvenreiche XL-Damen aufs Cover zu hieven. Wird nun also in Werbung für Männer größeren Formates investiert, dann spricht das nicht nur dafür, dass diese als Zielgruppe wichtiger werden. Es rückt sie auch ins Bewusstsein einer Öffentlichkeit, die bei Übergrößen eben doch zuweilen an einen Zelthersteller denkt, der ins Bekleidungsgeschäft eingestiegen ist.

Das ist natürlich übertrieben. Peter Grimm, Verkaufsleiter bei Hirmer "Große Größen", beobachtet eine klare Hinwendung zum Trend - Farben und Schnitte seien deutlich moderner und mutiger als früher. Mehr als 80 Marken listet der Münchner Herrenausstatter mittlerweile in diesem Segment, los geht es bei Konfektionsgröße 58, das größte T-Shirt führt die Angabe 10XL im Etikett. Doch wenn die Menswear bei den Übergrößen auch zugelegt hat in Sachen Kreativität: Das richtig coole Zeug, eine Bomberjacke oder eine lässige Jeans, das war in der Vergangenheit halt doch nicht ohne weiteres zu haben. Einer, der Geschichten von aufwendigen Suchen nach passenden Klamotten erzählen kann, ist Claus Fleissner. Der 38-Jährige ist ein gefragtes deutsches Plus-Size-Model aus Frankfurt. Außerdem betreibt er unter extra-inches.de einen pfiffigen Modeblog für füllige Herren, wie er sagt als einziger Deutscher überhaupt. Bislang zumindest. Rein modisch, meint er, seien die Männer ja immer etwas später dran, Trends brächen sich da nicht in der Deutlichkeit Bahn wie bei den Frauen, das sei auch bei der Plus-Size-Mode so. Doch jetzt tue sich - "Gott sei dank!" - allmählich etwas: "Dicke Männer haben auch Lust auf Mode, die wollen sich nicht mehr verstecken."

Jüngstes Beispiel: Weil Kunden bei "Asos" immer wieder nach großen Größen gesucht haben, hat der Online-Modehändler aus Großbritannien sein Angebot gerade um mehr als 20 Marken erweitert. Auch in der Eigenmarke bietet Asos nun zwei Linien an, sie heißen Plus und Tall, letztere versorgt Männer über 1,93 Meter. Das Münchner Stricklabel "Maerz" positioniert sich vielleicht weniger hipp, dafür hat das 1920 gegründete Unternehmen die pfundigen und groß gewachsenen Herren schon seit Jahrzehnten im Visier. Pullover und Jacken in Konfektionsgröße 60 sind mittlerweile genauso gefragt wie in 48, erteilt die Firma Auskunft. Einen Anteil von zehn Prozent machen die "Große Größen" an der Kollektion aus, selbst "Lang Größen" sind erhältlich. Statt Volumen für einen ausladenden Bauch wird zusätzliches Material für besonders lange Arme eingeplant. Generell sind bei der Entwicklung der Ware im Übrigen zwei Plus-Size-Models im Einsatz, die die guten Stücke Probe tragen. Damit am Ende auch ja nichts zwickt und zwackt bei den Überdurchschnittskerlen.