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SZ-Serie: Pixelhelden:Erweiterte Wirklichkeit

Eurydike

Das Real-Life-Game "Eurydike Infected".

(Foto: Evelyn Hriberšek, Adrian Schaetz)

Die kreativsten Köpfe und erfolgreichsten Macher in Bayerns Welt der Computerspiele. Heute: Mit "Eurydike Infected" hat Evelyn Hriberšek eine Corona-Edition ihres Real-Life-Games entwickelt

Von Cora Wucherer

"Beim und nach dem Besuch der Installation kann es zu körperlichen oder seelischen Neben- und Nachwirkungen kommen. Der Veranstalter übernimmt hierfür keine Haftung", lautet der Warnhinweis auf der Website zu "Eurydike Infected". Eine deutliche Warnung. Aber wovor eigentlich? So einfach ist das nicht zu beantworten, denn "Eurydike Infected" ist nicht einfach, es ist komplex. Die Künstlerin Evelyn Hriberšek hat mit dem Vorgänger "Eurydike" ein Real-Life-Game entwickelt, eine Fusion aus Musiktheater, Computerspiel und Augmented Reality (die computergestützte Erweiterung der Realitätswahrnehmung, siehe Kasten). Konkret heißt das, dass das "Game" im echten Leben gespielt wird, an einem Ort, den die Künstlerin selbst präpariert hat. Dort laufen die Teilnehmer im Schutzanzug mit VR-Brille einzeln durch die Kulissen, dürfen anfassen, erleben, teilnehmen.

Virtual Reality

In den Neunzigerjahren sprach man noch vom "Cyberspace", wenn es um virtuelle, interaktive und vom Computer generierte Welten ging. Ein Begriff, der mit großen Hoffnungen, aber auch Ängsten verbunden war, wie sie sich in Filmen wie "Matrix" oder "eXistenZ" ausdrücken. In der Spielewelt kam 1995 mit dem "Virtual Boy" von Nintendo eine der ersten Konsolen in Form eines Virtual-Reality-Headsets heraus. Genauso wie der von Forte Technologies entwickelte VFX1 Headgear wurde der Virtual Boy aber zum Flop, weil die Technik noch nicht ausgereift, zu umstritten und zu teuer war.

Erst mit der Einführung der Consumer-Version des Virtual-Reality-Headsets Oculus Rift im Jahr 2016 erfuhr die virtuelle Realität einen neuen Boom. Seitdem wird die Technik nicht nur für Spiele oder Filme, sondern auch in der Wissensvermittlung, Bildung oder Industrie genutzt. Statt vom geheimnisumwobenen Cyberspace spricht man heute pragmatischer von Extended Reality ("XR"), von "erweiterter Reality", was neben der umfassenden Virtual Reality auch sogenannte Augmented- und Mixed-Reality-Formate meinen kann. Das heißt Anwendungen wie "Pokemon Go", bei denen sich Realität und Virtualität vermischen. Oder computergenerierte Zusatzinformationen, wie man sie bei Sportübertragungen einblendet.

Um der neuen Realität gerecht zu werden, gibt es beim Film Fernseh Fonds Bayern seit diesem Jahr eine neue "Extended Reality"-Förderung. Die jährliche Fördersumme beträgt 450 000 Euro. Bewerben kann man sich zweimal im Jahr mit XR-Projekten aus Bereichen wie Games. Kunst, Bildung oder Training (www.fff-bayern.de). Auch mit den 2019 in München, Nürnberg und Würzburg eröffneten "XR-Hubs" will man die Technologie in Bayern, deren "Innovationskraft und Sichtbarkeit" fördern. Die XR-Hub-Zentrale befindet sich im Münchner Werksviertel. Dort finden Vorträge oder Workshops statt. Man kann sich unter anderem über eine Datenbank über XR-Akteure in Bayern informieren. Auch auf der Website xrhub-bavaria.de finden sich Infos zum Thema. Jmo

"Eurydike" konnte man 2017 in München durchspielen, in der Alten Feuerwache: eine Installation mit einem Katzenskelett, 3D-Sound und Grenzerfahrungen. Inspiriert ist das Spiel von der Sage von Orpheus und Eurydike. Als seine geliebte Eurydike stirbt, handelt der Sänger Orpheus einen Deal aus: Er darf sie aus der Unterwelt zurückholen, solange er sich nicht nach ihr umdreht. Er tut es jedoch, und Eurydike ist für immer verloren. "Ich arbeite aus einer inhaltlichen Notwendigkeit heraus mit Extended Reality", sagt Hriberšek. "Der Kern des Mythos ist die Grenzüberschreitung. Um diese erzählbar und erlebbar zu machen, brauche ich Technologie."

Manche Besucher waren nach dem 30-minütigen Erlebnis begeistert, manche verstört, einige hielten die Installation nicht aus und brachen ab - vielleicht mit körperlichen oder seelischen Nachwirkungen. Schlüsselelement des Spiels ist die Eigeninitiative: Das eigene Verhalten wirkt sich unmittelbar auf die Umgebung und das Erlebnis aus. Der Tod eines geliebten Menschen, auch ein klassisches Motiv im Gaming, ist der Auslöser für die Heldenreise. Das Spiel wirft aber auch Fragen auf nach Täter und Opfer, nach Ethik und Moral. "Wenn man Menschen einer außergewöhnlichen Situation aussetzt und sie weder unter Beobachtung noch unter Kontrolle sind, dann zeigen sie ihr wahres Gesicht - und das sehe ich in unserer dystopischen Corona-Realität widergespiegelt", sagt die gebürtige Slowenin.

Evelyn Hribersek im Ebenböckhaus in Pasing, 2017

Evelyn Hriberšek hat das Spiel entworfen.

(Foto: Florian Peljak)

Deshalb kommt Eurydike jetzt zurück, aber infiziert: "Eurydike Infected" heißt die Corona-Edition des Real-Life-Games, nach Angaben der Künstlerin eine Reaktion auf den "post-apokalyptischen Ausnahmezustand als dynamische Kunstform vor und nach der Krise". Am 30. September eröffnet "Eurydike Infected" im "Earlstreet" in Darmstadt und ist bis zum 4. Oktober geöffnet. Wieder hat jeder Besucher 30 Minuten Zeit, ausgestattet mit einer VR-Brille einzeln durch die Rauminstallation zu wandeln. Was genau einen erwartet, will die Künstlerin nicht verraten. Das liegt einerseits daran, dass das Spiel in die Gattung "Mystery" fällt, andererseits daran, dass das Erlebnis individuell variiert. "Es ist ein Ausnahmezustand", sagt Hriberšek.

Für ihre Arbeiten, beispielsweise auch für den Vorgänger "O.R. Pheus" (2012), der für den Deutschen Computerspielpreis nominiert war, hat Hriberšek mehrere Preise erhalten. 2018 war "Eurydike" beim deutschen Computerspielpreis in der Kategorie "Beste Inszenierung" nominiert. Für die kommende Zeit plant die Künstlerin wieder Vorträge und Workshops, außerdem schreibt sie an einem Buch. In eine Schublade stecken lässt sich Evelyn Hriberšek also nicht. Sie selbst sieht sich als Künstlerin an den Schnittstellen von Gaming, Performance und Musiktheater. "Vielleicht ist das ein Bereich, für den man erst noch einen adäquaten Begriff finden muss", sagt sie.

Eurydike Infected, Real-Life-Game, Mi., 30. Sep., 14-18 Uhr, Do./Fr., 1./2. Okt., 14-22 Uhr, Sa./So., 3./4. Okt., 11-22 Uhr, Earlstreet, Pallaswiesenstr. 25, 64293 Darmstadt, www.eurydike.org

© SZ vom 25.09.2020

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