bedeckt München

Vorschlag-Hammer:Scheinbar schlau

Der Mensch ist zu herrlicher Literatur und tiefsinnigen Kunstinstallationen in der Lage. Trotzdem ist er dem Witz seines eigenen Hundes nicht immer gewachsen

Kolumne von Christian Jooß-Bernau

Federkiele, Schrauben, Plastikfolie, alte Kaugummis, Pferdemist - das sind nur ein paar Dinge, die nichts in Lennys Maul zu suchen haben und die mich dazu bringen, hinter diesem hopsenden Wesen herzulaufen, um sie mit meinem von Gott nur zu diesem Zweck erfundenen Zeigefinger herauszuangeln. Neulich fixierte mich Lenny, schmatzte ein klein wenig, kaute mit übertrieben ausladenden Kieferbewegungen, hopste vor mir her, ließ sich nach einigem Hin und Her fangen - aber da war nichts. Ein Sechs-Kilo-Bündel hatte so getan als ob und mich ausgetrickst. Hatte in seinem Spiel Schein und Sein aus Jux vertauscht. Verglichen mit der Komplexität der uns umtanzenden Wesen sind die Fähigkeiten von uns Menschen so berauschend nicht - eine Erkenntnis, die gegen die Hybris hilft, die einen dann und wann befällt. Überleben. Zukunftsfrage Artensterben: Wie wir die Ökokrise überwinden heißt das bei Penguin erschienene populärwissenschaftliche Buch des Wissenschaftsjournalisten und Moderators Dirk Steffens und des Journalisten Fritz Habekuss. Auch wenn ihm ein paar Fußnoten mit zuordenbaren Quellenangaben gut getan hätten, ist es ein stringentes Plädoyer für eine Neuausrichtung unserer Spezies, die zum einen den Wert der Natur nicht mehr rein ökonomisch misst und sich noch bei der Erhaltung fragt, ob sich das auszahlt, zum anderen der Natur subjektive Rechte zugesteht, die einklagbar sind und das ökologische Gleichgewicht zum Wohle aller sichern. Theoretisch könnten Wesen, die sich für vernunftbegabt halten, das hinbekommen.

Schon gleich gar Wesen, die zu so wunderbaren Romanen fähig sind, wie der Franzose Jean-Paul Dubois von dem nun in deutscher Übersetzung von Nathalie Mälzer und Uta Rüenauver bei dtv Jeder von uns bewohnt die Welt auf seine Weise erschienen ist. Ich-Erzähler Paul Hansen sitzt im Knast in Kanada. In Gesellschaft eines harten Motorradkerls, der bei genauer Betrachtung auf seine Art liebenswert ist. Die Frage, was Hansen in diese Situation gebracht hat, fächert Dubois als Biografie mit toller Leichtigkeit auf. Von den Verwerfungen in der Ehe der Eltern über die Selbstfindung als alles könnender Hausmeister und die Liebe zu einer halbindianischen Pilotin koloriert Dubois hinter dem fahlen ersten Eindruck des Scheins ein liebevoll buntes Sein und hat, dem Titel folgend, Sympathie für fast alle seiner Wesen. Kunst hat die Macht, uns im Spiel eine Welt zu zeigen, die nicht so fürchterlich ist, wie die, die wir sehen. Das muss kein komplexitätsreduzierender Kitsch sein, hier sind auch subtile Utopien möglich. Am Samstag, 24. Oktober spielt von 18 Uhr an die Express Brass Band im Werksviertel. Jisr stellen am 13. November, 20 Uhr, im Volkstheater ihr neues Album "Too Far Away" vor. Beide Bands zeigen mit einem Sound globaler Heimeligkeit, was für eine Welt jenseits nationaler Beschränktheit möglich wäre.

Aktuell arrangiert man sich oft pragmatisch mit dem, was die Pandemie übrig lässt, und ist froh auch um die überschaubare Ausstellung over 13 - reflections on an art space, mit der sich die Lothringer 13 gerade selbst feiert. Fabelhaft irritierend ist Gabi Blums Installation, die einen mit dem Video einer Straßenszene begrüßt, die durchs Fenster eines Zimmers, das wohl gerade renoviert wird, gefilmt ist. Im Umdrehen findet man sich selber in einer Kulisse, die drinnen und draußen nur simuliert. Schein und Sein - wer wollte das durchschauen? Entzückt war ich von der Küchenzeile, realitätsgetreu bis hin zur Befüllung des akkurat aufgeräumten Glastürkühlschranks. Seltsamerweise konnte ich keinen Künstlerhinweis entdecken. Ich befand, angetan von meinen analytischen Fähigkeiten, dass sich in diesem die Wirklichkeit nachäffenden Objekt wohl die Pop-up-Manie unserer Zeit mit dem Hang zur bürgerlich-biedermeierlichen Rückwärtsrolle verbindet, als der Herr an der Kasse zum Kühlschrank schritt und sich sein Stück Kuchen nahm.

© SZ vom 22.10.2020
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