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Vorschlag-Hammer:Pandemie-Plaketten in Gold

Auszeichnungen der besonderen Art sollten alle Kulturschaffenden erhalten, die dem Virus selbstaufopfernd trotzen. Bands wie "Dreiviertelblut" oder "Django 3000" zum Beispiel oder Ben Davids "Kulturlieferdienst", der die erste Post-Lockdown-Show auf Münchens Straßen stellte

Kolumne von Michael Zirnstein

Als Journalist wird man oft zu Preisverleihungen gebeten. Dadurch bekommt man Jury- oder Schreibarbeit, aber keinen Preis. Einmal, ich war jung, saß ich mit 50 anderen Sportlern in einem Landratsamtssaal und wartete auf eine Bronze-Plakette als Anerkennung für den Gewinn eines Federballturniers, der dem Landkreis offenbar viel Ruhm eingebracht hatte. Da sich der Sieg im Mixed zugetragen hatte, "meine" Dame (so nannte man auch 16-Jährige) die Bronze-Plakette aber schon einmal erhalten hatte, sorgte ich für peinliche Heiterkeit, als ich die Auszeichnung für den Sieg im "Gemischten Doppel" alleine entgegennahm. Weitere Ehrungen blieben mir erspart.

Andere haben sie auch mehr verdient, zum Beispiel Sebastian Horn. Dessen Wirken als Musiker bei den Bananafishbones, als Moderator beim BR, als Schauspieler und Literat genieße ich seit 30 Jahren. Dürfte ich einen Kulturpreis verleihen, dieser inspirierende Lenggrieser wäre erste Wahl - so nun auch der Jugendsiedlung Hochland. Dieser verwunschene Blockhüttenseminarort bei Königsdorf verleiht Horn - ich darf "Wastl" sagen - nach etwa Alois Glück und Franz X. Gernstl nun seinen Ehrenpreis. Wer nicht eingeladen ist, dem empfehle ich, noch irgendwo Marcus H. Rosenmüllers tiefpoetischen Film Weltraumtouristen über Horns "folklorefreie Volksmusikband" Dreiviertelblut anzusehen oder gleich die Konzerte derselben am 28. Oktober in Planegg oder am 22. November im Lustspielhaus.

Kaum eine Band (mir fielen noch Dr. Will oder Django 3000 ein) war in der Corona-Flaute so präsent im Freistaat, wofür sie gleich wieder einen Preis verdient hätte: die Pandemie-Plakette in Gold. Die sollten alle Kulturschaffenden erhalten, die dem Virus selbstaufopfernd trotzen: Ben Davids Kulturlieferdienst, der die erste Post-Lockdown-Show auf Münchens Straßen stellte und am 23. Oktober bereits die 55. bietet: Jean-D'azz am Hans-Mielich-Platz; Hans-Georg Stocker, der in seinem Backstage Rock-Medizin gegen Sars-CoV-2 verabreicht; oder Till Hofmann, dessen Eulenspiegel Flying Circus im Waldorf-Schultheatersaal Leo 17 überwintert (Start: 3.11. mit Horst Evers). Sollte die Kultur wegen der gesteigerten Kosten demnächst teurer werden - gehen Sie trotzdem hin, sie ist jeden Preis wert.

© SZ vom 17.10.2020
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