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Vorschlag-Hammer:Leidenschaft für die Passion

Heutzutage scheint es supertrendy, Events zum Thema Passion zu machen. Klar: Gigantische Geschichte schreit doch nach noch gigantischerem Event! Wenn das mal kein Grund zum Auferstehen ist

Wer noch wagt, ab und zu den Fernseher einzuschalten, merkt schnell, dass es eigentlich keinen Raum für Zwischentöne mehr gibt. Entweder ist alles schrecklich oder großartig, alles ist ein TV-Event, ein Spektakel mindestens, in Glitzer getunkt und mit Konfetti beworfen. Bei Castingshows zur Findung neuer Gesangstalente brechen die Zuschauer zuverlässig nach zehn Sekunden in tosenden Applaus aus - bei jedem, wirklich jedem Bewerber. Die Jury wischt sich im Akkord Tränen aus den Augen und ist von emotionaler Grundüberwältigung gebeutelt. Die Frage ist da: Wenn das Alltägliche schon großartig ist, wie setzt man dem da noch was drauf? Ein Privatsender will es jetzt versuchen. Zu Ostern kommt Die Passion am 8. April ins Fernsehen. "Die größte Geschichte aller Zeiten" als "Musik-Live-Event". Die biblische Geschichte vom Sterben Jesu soll von Sängern auf einer Open-Air-Bühne in Essen erzählt werden, mithilfe deutscher Musikhits. Welche Songs genau das sein könnten, ist noch nicht bekannt und da drängt sich spontan auch nicht wirklich was auf. "Atemlos" von Helene Fischer wäre geschmacklos, "Marmor Stein und Eisen bricht" vielleicht? Egal. Jedenfalls wird zu diesem Anlass ein riesiges Kreuz durch Essen getragen, ein leuchtendes Kreuz natürlich, sonst ist es mehr Bibelausflug statt Event. Thomas Gottschalk moderiert das Spektakel, und Alexander Klaws singt den Jesus. Wobei dessen Ehre an dieser Stelle kurz verteidigt sein soll: Er spielte den Jesus bereits 2015 in einer Musicalproduktion von "Jesus Christ Superstar", und das richtig gut.

Überhaupt scheint es supertrendy, Events zum Thema Passion zu machen. Klar: Gigantische Geschichte schreit doch nach noch gigantischerem Event! Inwiefern diese mit den Passionsspielen Oberammergau zusammenhängen, die dieses Jahr auch stattfinden und ein tatsächliches Ereignis sind, sei dahingestellt. In Füssen jedenfalls, praktisch nebenan, machen sie Passion 20:20 (25. März bis 5. April, Ludwigs Festspielhaus Füssen), wobei es unbedingt notwendig ist, englisch "Päschn" zu sagen. Man begnügt sich nicht mit der läppischen Nacherzählung, nein, die Päschn ist ein Event mit "einem Genre übergreifenden Mix aus Theater, Video-Mapping, Musik, Spezialeffekten, Tanz, Luftakrobatik und 3-D-Lasershow". Wenn das mal kein Grund zum Auferstehen ist.

Auch in der Literatur ist das Event Passion inzwischen angekommen. Die Autoren Xaver Maria Gwaltinger und Josef Rauch schrieben gemeinsam den Krimi Tod in Oberammergau, in dem sie der recht steilen These nachgehen, Jesus könnte möglicherweise gar nicht am Kreuz gestorben, sondern nach Indien ausgewandert sein und dort ein friedliches Leben geführt haben. Die Kommissare "retten das Christentum", steht in der Inhaltsangabe. Für weniger treten Kommissare heute wahrscheinlich gar nicht mehr den Dienst an. Von diesen gigantomanischen Events nun noch schnell zu einem leisen, thematisch aber verwandten: Am 25. Februar kommt Steven Scharf wieder in die Kammerspiele, um seinen Judas zu spielen. Die sieben Jahre alte Inszenierung von Johan Simons, ein bestechendes Solo über eine ewig missverstandene Figur.

© SZ vom 21.02.2020

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