bedeckt München

Vorschlag-Hammer:Immer wieder Brandauer

1974 kam der Film "Der Widerspenstigen Zähmung" unter der Regie von Otto Schenk heraus. An die Verführungskunst Petruccios erinnere ich mich bis heute

Kolumne von Karl Forster

Es ist fast 50 Jahre her, als ich lernte, die Frauen zu bezirzen. Genauer gesagt: Ich lernte es leider nicht, sondern sah nur zu, wie es gehen könnte, wenn man es kann. Das war, als anno 1974 der Film "Der Widerspenstigen Zähmung" unter der Regie von Otto Schenk herauskam. Die wunderbare Christine Ostermayer spielt hier Katharina, die Widerspenstige, und Klaus Maria Brandauer gibt den Petrucchio, dessen Job es ist, ihr das Widerspenstige zu nehmen. Wie Brandauer sie da (erfolgreich) von halb unten anlächelt und "Käthchen, ach Käthchen" schnurrt, das ist eine unnachahmliche Meisterleistung der Verführungskunst. Unnachahmlich deshalb, weil ich später immer wieder mit vermeintlich ähnlichem "Käthchen"-Geschnurre versucht habe, zum Erfolg zu kommen, was so gut wie nie funktionierte. Aber ich bin ja nicht Brandauer. Aber wenn heute noch irgendwo Brandauer angekündigt wird, und sei es nur, dass er das Telefonbuch von A bis K vorliest, müssen alle anderen Termine hintanstehen. So auch an diesem Samstag, da Klaus Maria Brandauer im Künstlerhaus am Lenbachplatz aus Mozarts Briefen liest, eine, wie damals bei Käthchen, durchaus auch erotische Angelegenheit. Den klanglichen Background dazu liefert der junge Pianist Amadeus Wiesensee.

Nicht ganz so lang ist es her, dass ich auf den Violinisten Hannes Beckmann gestoßen bin, den als "Teufelsgeiger" zu bezeichnen mir damals nur meine tiefe Verachtung gegenüber Klischeebegriffen verbat, obwohl ihn so zu nennen sicherlich nicht falsch gewesen wäre. Hannes Beckmann hat nach seinem Ableben der Musikstadt München seine Bahnhofskapelle hinterlassen, ein furioses Kammermusikensemble, das Beckmanns Leidenschaft für kultivierten Ethnojazz nun am Mittwoch, den 28. Oktober, im Import Export zünden lässt. Dass hier Edgar Wilson am Klavier wirkt, erweckt weitere Erinnerungen an sehr viel früher: Wilson war Hauspianist im Kleinen Rondell, dieser legendären Jazzeckkneipe an der Karlstraße, wo natürlich auch Hannes Beckmann die Saiten zum Glühen brachte.

Zum Schluss noch ein Tipp mehr aus der Gegenwart: Friedrich Ani liest am Mittwoch im Lyrikkabinett aus seinem aktuellen Suhrkamp-Band "Die Raben von Ninive". Hoffentlich auch das Gedicht "Fremdes Leben". Entsetzlich schön!

© SZ vom 24.10.2020
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