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Vorschlag-Hammer:Im Käfig

Der Umstand, dass ich die vergangenen Abende mehrheitlich zu Hause verbrachte, hatte nichts mit Panik zu tun

Nein, ich will keiner Panik Vorschub leisten. Dass ich dennoch die vergangenen Abende mehrheitlich zu Hause und dabei lesend verbrachte, hat zwei andere Gründe. Der erste Grund war der Versuch, in der Mediathek die Serie "Bad Banks" anzuschauen, was ich mangels Verständnis für die darin geschilderten Vorgänge, die mir absolut schleierhaft blieben, bald wieder aufgab. Um dann, das ist der zweite Grund, zu einem faszinierenden Buch zu greifen, Metropol von Eugen Ruge. In der Zeit von Stalins großem Terror, also so um 1936, 1937 herum, war das Hotel Metropol in Moskau ein offenbar bizarrer Ort. Einerseits lebten dort Funktionsträger der sowjetischen Diktatur. Zudem kamen auch normale Hotelgäste wie Lion Feuchtwanger vorbei, aber andererseits strandeten hier jene, die bei der Partei und dem Regime aus meist vollkommen unnachvollziehbaren Gründen in Ungnade gefallen waren und nun auf ihren Prozess warteten. Dieser Prozess endete meist tödlich, Stalin ließ ein Gemetzel unter seinen Gefolgsleuten veranstalten. Warum, das bleibt zwar auch bei Ruge reichlich verworren, aber gerade dieses Nichtwissen, die Willkür, das Warten in einer nach sowjetischen Maßstäben eigenartig luxuriösen, dabei stark klaustrophobischen Situation lassen ein aufregendes Bild von der Ohnmacht des Einzelnen gegenüber einem außer Rand und Band geratenen Staat entstehen. Eine der dort Festsitzenden war Ruges Großmutter; der Roman ist auch eine Spurensuche in der eigenen Familiengeschichte. Das Metropol gibt es übrigens heute noch, es steht gegenüber vom Bolschoi-Theater und hat einen fabelhaften Speisesaal, überwölbt von einer bunten Glaskuppel.

Nun aber habe ich das Buch zu Ende gelesen, also gehe ich wieder nach draußen. Etwa am Sonntag um 15.30 ins Prinzregententheater. Dort spielt die wunderbare Cellistin Raphaela Gromes Stücke von Respighi, Rossini, Offenbach und Tschaikowski, allesamt verführungsschöne Melodienzaubereien, denen sie den dunklen Glanz ihres magischen Cellotons verleiht. Sicherlich ein Wohlfühlnachmittag, an dem sie vom Münchener Kammerorchester begleitet wird. Also keine Panik!

© SZ vom 07.03.2020

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