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Vor der Landtagswahl:AfD-Kandidat Fuchert likt Hetzfilm auf Facebook

Die Außenseiterrolle, die die AfD am Infostand noch ironisch pflegt, spielt im Wahlkampf in München eine große Rolle. Die angebliche Ausgrenzung durch andere Parteien, etwa durchs Nichtvermieten von Bürgerhäusern oder die Nichtzulassung beim Corso Leopold, wird offensiv zur Sprache und auch vor die Gerichte gebracht. Mit der Folge, dass die AfD nun doch in die Bürgerhäuser darf. Was freilich angesichts einer allgemeinen Veranstaltungs-Sperrfrist drei Monate vor der Wahl keine Rolle mehr gespielt hat. Aber das dürften beide Seiten schon vorher gewusst haben. Beim Corso Leopold hingegen bleibt die AfD weiter außen vor. Stattdessen gab es einen Infostand in demonstrativer Nähe zum Straßenfest. Der wurde dann von Anti-Rechts-Protestlern belagert, die mit Putin-Masken und Plakaten mit der Aufschrift "AfDerjucken" dem Ganzen eine ironische Note verpassten. Von heftigen Protesten war der Auftritt von Beatrix von Storch auf dem Marienplatz begleitet.

Stimmung macht die AfD vor allem in den sozialen Netzwerken im Netz. Das belegen mehrere Stichproben, zuletzt am 9. Oktober. Auf den ersten Blick scheint es, als bewegten sich die Kandidaten dabei vorzugsweise in Parteikreisen: "Gelikt" werden die Seiten übergeordneter, benachbarter, manchmal aber auch weit entfernter Parteigliederungen; befreundet ist man mit anderen AfD-Kandidaten und mit den führenden Köpfen der Partei. Sogar die geschasste Ex-Vorsitzende Frauke Petry ist da noch dabei.

Doch dazwischen und immer unverhohlener wird das gesamte rechte Spektrum bedient. Geschichtsrevisionismus und Verschwörungstheorien, gewaltsame Umsturzfantasien und Antisemitismus, Verbindungen zu Personen und Organisationen, die wie die völkische "Identitäre Bewegung" vom Verfassungsschutz beobachtet werden, werden kaum noch kaschiert. So fordert ein Facebook-Freund gleich mehrerer Kandidaten "im Namen des Volkes" die Bundespolizei zum Umsturz auf: "Verhaftet endlich diese Regierung!" heißt es da wörtlich. "Schmiert die Guillotine mit Türannenfett (sic!)", fordern "Freie Patriotische Kräfte" aus dem Breisgau und lassen keinen Zweifel daran, um wessen Kopf es gehen soll - um den der Kanzlerin. Die Seite gefällt Bruno Fuchert, dem AfD-Stimmkreiskandidaten für München-Mitte. Unter schwarz-weiß-roter Flagge steht dort auch: "Jetzt geht's an die Fronten. Taten statt FB" (für Facebook). Ein Hetzfilm, der dem Münchner ebenfalls gefällt, zeigt, wie Politiker der demokratischen Parteien verprügelt werden, bis das Blut spritzt. Wilfried Biedermann "likt" die Seite eines rechten Bloggers, der sich "UruguayPeter" nennt. Dort in einer Fotomontage zu sehen: Merkels Grab - vergittert und mit dem Kommentar "Sicher ist sicher".

AfD-Kandiatin Wassil bemüht antisemitische Klischees

Auch die Schuld Deutschlands am Zweiten Weltkrieg wird von AfD-Politikern im Internet in Frage gestellt. So bezweifelt Fuchert, ob es einen deutschen "Überfall" auf ein unschuldiges Polen gegeben habe. Mischa Bößenecker aus dem Stimmkreis Hadern behauptet, "die Saat des Zweiten Weltkrieges wurde schon in Versailles gelegt". Iris Wassill, Kandidatin in Ramersdorf, empfiehlt in einem Vortrag, der auf Youtube und in dem russischen Netzwerk vk.com verbreitet wird, ein in einem rechtsextremen Verlag erschienenes Buch zum Weltkrieg, das beschreibe, "wer da dahinter gesteckt ist" - US-Präsident Franklin D. Roosevelt nämlich.

Wassills Vortrag vom Februar 2016 bedient zudem antisemitische Klischees. In den gut 60 Minuten kommt das Wort "Jude" oder "jüdisch" zwar kein einziges Mal vor. Stattdessen raunt Wassill jedoch vom Einfluss der angeblich staatenlosen "internationalen Geldmachtelite", von "Schattenregierungen" und vom "Netzwerk" der Freimaurer. Der jüdische Milliardär George Soros steckt für Wassill hinter vielen Übeln dieser Welt bis hin zur Flüchtlingsbewegung des Jahres 2015, auch die "Gebrüder Rothschild" attackiert sie in ihrer Tirade. Ähnlich judenfeindlich denken mehrere Facebook-Freunde Fucherts und Bößeneckers, Fuchert selbst ist Mitglied einer Facebook-Gruppe, in der Merkel mit Hitler verglichen wird - mit einem Judenstern auf der Uniformmütze. Besonders auffällig ist eine antisemitische Hetzseite, auf der Hitler verherrlicht und Witze über den Mord an sechs Millionen Juden gerissen werden. Bößenecker gefällt sie.

© SZ vom 09.10.2018/emo

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