Vor 75 Jahren in München:Machtergreifung mit Verspätung

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In München dauert es einige Wochen, bis die Nazis die Stadt führten.

Stephan Handel

Nein, sie ergriffen die Macht nicht - nicht mit einem großen Zugriff ging vonstatten, was die Nazis später "Machtergreifung" nannten. Sie nahmen sich die Macht langsam und gemächlich, hier ein Stück, da ein wenig, bis schließlich, vor 75 Jahren, am 30. Januar 1933, Adolf Hitler in Berlin zum Reichskanzler ernannt wurde.

Münchner Kindl unterm Hakenkreuz: Richard Klein entwarf 1936 das Wappen der "Hauptstadt der Bewegung". (Foto: N/A)

Nun begann das, was er schon drei Jahre zuvor angekündigt hatte: "Die Verfassung schreibt uns nur die Methoden vor, nicht aber das Ziel. Wir werden auf diesem verfassungsmäßigen Wege die ausschlaggebenden Mehrheiten in den gesetzgebenden Körperschaften zu erlangen versuchen, um in dem Augenblick, wo uns das gelingt, den Staat in die Form zu bringen, die unseren Ideen entspricht."

In München, obwohl spätestens seit dem Hitler-Putsch 1923 eine der Heimstätten der Nazis - die größte Partei-Sektion residierte in Schwabing und hatte 500 Mitglieder -, in München dauerte es noch knapp sechs Wochen.

Aber am Abend des 9. März 1933 besetzte die SA das Rathaus, und der Nazi-Stadtrat Max Amann verkündete einer "unübersehbaren Menschenmenge", wie der "Völkische Beobachter" schrieb, die "nationale Erhebung". Vom Rathausturm hing nun die Hakenkreuzfahne. Der amtierende Oberbürgermeister Karl Scharnagl musste zwar durch ein Spalier drohender SA-Leute Spießrutenlaufen, konnte aber das Rathaus später unbehelligt verlassen und seine Geschäfte zunächst fortführen.

Erst eineinhalb Wochen später wurde Scharnagl zum Rücktritt gezwungen, der Nazi und überzeugte Antisemit Karl Fiehler übernahm das Amt. Fraktionsvorsitzender war Christian Weber, ein ehemaliger Hausknecht und Pferdehändler. Personalreferent schließlich war Karl Tempel, ein Jurist und Technokrat, der Chefideologe im Rathaus.

Bei Scharnagls Verabschiedung am 22. März sagte sein Stellvertreter Hans Küfner: "Das Rathaus ist nicht der Platz, wo die große Politik geformt wird. Im Rathaus sind lediglich die Richtlinien, die anderswo geformt werden, zu vollziehen. Es ist selbstverständlich, dass wir als Beamte loyal das zu vollziehen haben, was unsere vorgesetzten Stellen von uns verlangen."

Zu dieser Zeit war die NSDAP weit davon entfernt, im Stadtrat eine Mehrheit zu haben: Gerade einmal acht von 50 Mandaten waren von Nazis besetzt. Doch dagegen hatte sich Berlin die "Gleichschaltung" einfallen lassen: Der Ende April einberufene Stadtrat orientierte sich in seiner Zusammensetzung an den Ergebnissen der Reichstagswahl, und weil die KPD mittlerweile verboten worden war, fielen ihre Mandate weg, und es reichte. Schließlich wurde auch die SPD verboten, die Bayerische Volkspartei löste sich mehr oder weniger freiwillig selbst auf.

Nun ging es los: Am 7. Juni wurden alle marxistischen Organisationen verboten, so auch der Radfahrbund "Solidarität" und der Touristenverein "Die Naturfreunde". Städtischen Bediensteten wurde es untersagt, ihre Dienstkleidung bei jüdischen Firmen einzukaufen.

Bürgermeister Fiehler hatte bereits im März, als es dafür noch keine Rechtsgrundlage gab, angeordnet, keine städtischen Aufträge an jüdische Unternehmen zu vergeben. Im März 1933 wurde das erste Konzentrationslager der Nazis in Dachau eröffnet.

Das Haus der sozialdemokratischen Zeitung "Münchner Post" am Altheimer Eck wurde gestürmt und demoliert. Und schließlich ließ Hitler durch den Architekten Paul Ludwig Troost den "Führerbau" an der Arcisstraße errichten, 1935.

Gleich daneben lag das Dienstgebäude der NSDAP - mit einem so hohen Ausstoß an Korrespondenz, dass 1938 dort ein eigenes Postamt für die Reichsleitung eingerichtet wurde, das nur damit beschäftigt war, den Postverkehr der Reichsleitung abzuwickeln. München war völlig geworden, wozu sie 1935 proklamiert worden war: "Hauptstadt der Bewegung".

© SZ vom 30.01.2008/berr - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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