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Vor 50 Jahren:Dreieinhalb Monate für die Sympathien der Welt

Vogel verabschiedete Daume damals mit der Bitte um Bedenkzeit. Die war sehr knapp bemessen. Spätestens am 31. Dezember 1965 musste die Bewerbung beim IOC in Lausanne eingegangen sein. Im kleinen Kreis aus Bürgermeistern und Mitarbeitern im Rathaus wurde man sich aber rasch einig, das Wagnis einzugehen, ohne darüber öffentlich große Worte zu verlieren.

Alfons Goppel sagte als bayerischer Ministerpräsident spontan seine Unterstützung zu und war mit dabei, als vier Wochen nach Daumes Besuch eine kleine Delegation nach Bonn reiste zum alles entscheidenden Gespräch bei Bundeskanzler Ludwig Erhard. Der war, wie Vogel sich einmal erinnerte, nicht besonders gut drauf, aber entschied vielleicht gerade deshalb: "Man kann nicht immer nur Trübsal blasen und dem Volk Unerfreuliches verkünden, es muss auch etwas Heiteres geschehen."

München sollte also die heiteren Spiele bekommen. Dass das Wirklichkeit wurde - eine Wirklichkeit, die der Terroranschlag auf das Olympische Dorf am 5. September 1972 allerdings jäh beendete -, verdankte die Stadt einer Reihe glücklicher Umstände: Als Vogel in der Münchner Ratstrinkstube die in Bonn getroffene Entscheidung mitteilte, landete er einen Überraschungscoup. Breite Zustimmung allseits, nicht nur vom Stadtrat. Kaum Bedenken, kaum Proteste. Es blieb ja auch keine Zeit für ein langes Abwägen des Für und Wider. Und die Stadt konnte Trümpfe ausspielen: Einige große Infrastrukturprojekte waren entweder geplant, ein großes Sportstadion zum Beispiel, oder bereits im Bau, etwa die U- und die S-Bahn. Das große Plus: Vier Kilometer vom Stadtzentrum entfernt bot sich das Oberwiesenfeld, das im Besitz des Bundes, des Landes und der Stadt war, als Olympiazentrum an.

Es blieben nur dreieinhalb Monate, um überall auf der Welt um Sympathie und die Stimmen der IOC-Mitglieder zu werben. Ohne Geschenke zu verteilen, wie Vogel ausdrücklich betonte - wobei britische Wissenschaftler vor einigen Jahren auf durchaus fragwürdige Methoden hinwiesen. Dreieinhalb Monate, um die Präsentation für die Bewerbungs-Show in Rom vorzubereiten. Was dann die Münchner im Foro Italico auf 40 Quadratmetern zeigten - ein künstlicher Kastanienbaum überragte ihren Stand - schien besonders zu gefallen.

Als die Fata Morgana Wirklichkeit wurde

Und auch bei ihrem Auftritt vor dem IOC-Gremium am Tag vor der Entscheidung hatten sie offensichtlich eine glücklichere Hand als die Konkurrenten. Nach dem Motto, wonach in der Kürze die Würze liegt, zeigten sie einen Film, nur acht Minuten lang, aber für die Zuschauer wohl durchaus beeindruckend. Daume und Vogel hielten je "sehr kurze Reden", Daume in Französisch, Vogel in Englisch, fassten sich deutlich kürzer als ihre Konkurrenten, die mit langatmigen Ausführungen die Geduld des IOC strapazierten.

Trotzdem schien tags darauf für die Münchner die große Enttäuschung nahe zu sein, als beim Betreten des Sitzungssaals das kanadische IOC-Mitglied den Bürgermeister von Montreal umarmte. Aber dann gab Willi Daume, noch bevor Avery Brundage das Wort ergriff, den Münchnern wortlos das erlösende Zeichen: Daumen nach oben!

In München hob kurz darauf der SZ-Metteur in letzter Minute das "richtige" Streiflicht auf die erste Seite der Ausgabe vom 27. April 1966. Der Autor hatte die typische Münchner Stimmung richtig prognostiziert: "München als Olympiastadt: Nun, da die Fata Morgana Wirklichkeit geworden und des Oberbürgermeister Vogels Höhenflug nicht mit einer Bruchlandung seiner Illusionen und Visionen zu Ende gegangen ist, werden viele jubeln und manche vernehmlich mit dem Granteln beginnen, so wie es Münchner Brauch ist."

Olympia-Attentat 1972

Das Ende der fröhlichen Spiele