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Volkswirtschaftlehre an der LMU:Jeder darf studieren

Weil das Wissenschaftsministerium den seit 2005 etablierten Eignungstest nicht mehr genehmigt, muss die Fakultät zum Sommersemester jeden Bewerber aufnehmen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Für ein VWL-Studium an der Ludwig-Maximilians-Universität kann man sich bald ohne Zulassungsbeschränkung einschreiben, weil das Wissenschaftsministerium den Eignungstest gekippt hat. Der Fakultät droht nun ein Erstsemester-Kollaps.

Von Sebastian Krass

Im Studium der Volkswirtschaftslehre (VWL) an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) drohen ab April chaotische Zustände: Weil das Wissenschaftsministerium den seit 2005 etablierten Eignungstest nicht mehr genehmigt, muss die Fakultät zum Sommersemester jeden Bewerber aufnehmen. Es gelte "keine Zulassungsbeschränkung, mit einer gültigen Hochschulzugangsberechtigung ist eine Einschreibung ohne Eignungsbescheid möglich", heißt es in einer Mail, welche die Fakultät in dieser Woche an 400 Interessenten verschickt hat, die sich für den Eignungstest angemeldet hatten. Dieser war für kommenden Samstag angesetzt und ist nun kurzfristig abgesagt.

Bisher gab es in der VWL zum Sommersemester 100 bis 120 Studienanfänger im Hauptfach, wie Silke Englmaier, Geschäftsführerin der Fakultät sagt. Das entspreche auch in etwa der Kapazität, die man mit dem vorhandenen Lehrpersonal habe. Wie viele Studienanfänger es nun zum Sommersemester werden, ist völlig offen. "Wir rechnen mit ab 250 aufwärts. Ich würde aber auch 500 nicht ausschließen", sagt Englmaier. Hinzu kommt eine nicht abzuschätzende Zahl von Studenten, die VWL als so genanntes "großes Nebenfach" in ihrem Bachelor-Studiengang angehen wollen. Das waren bisher etwa 50 im ganzen Jahr, könnten nun aber auch deutlich mehr werden. Die Einschreibung läuft von 18. bis 28. März. Gewissheit aber gibt es erst vom 7. April an, wenn das Sommersemester beginnt und sich zeigt, wie viele Studenten auch tatsächlich kommen.

Das Problem ist entstanden, weil die VWL-Fakultät die Satzung für das Eignungsfeststellungsverfahren, oder kurz: Eignungstest, ändern wollte. Dafür bedurfte es der Zustimmung des Ministeriums, das diese aber nun verweigerte. Hintergrund sind mehrere Niederlagen, die der Freistaat vor Verwaltungsgerichten erlitten hat. Leute, die im Eignungstest durchgefallen waren, hatten einen Studienplatz eingeklagt. Die Richter gaben ihnen recht. Die Vorabprüfungen höhlten den Wert des Abiturs und anderer Abschlüsse, die die "allgemeine Hochschulreife" verleihen, aus, urteilten sie. Eignungstests sind demnach nur für Studiengänge zulässig, die besonderes Talent erfordern, etwa in Kunst, Musik oder Sport. Auch künftig werde man "bei Änderungen oder Neuanträgen das Eignungsfeststellungsverfahren kritisch prüfen", sagt eine Sprecherin des Wissenschaftsministeriums. Mit Neuanträgen für Medieninformatik und Philosophie ist die LMU gescheitert. Bei der derzeitigen Rechtslage ist es auch möglich, dass Eignungstests künftig ganz wegfallen.

Die Rechtsprechung steht im Widerspruch zu einem breiten Konsens an den Hochschulen. Dort gelten die Eignungstests nämlich nicht als Zulassungsbeschränkung - auch wenn sie de facto so wirken. Professoren und Studentenvertreter sind sich vielmehr weitgehend einig, dass Eignungstests ein geeignetes Mittel sind, um Abbrecherquoten zu senken. Früher habe man im VWL-Vordiplom eine Durchfallquote von 70 Prozent gehabt, sagt Silke Englmaier. Inzwischen, mit den Tests vor dem Bachelorstudium, "haben wir eine Aussteigerquote von etwa 30 Prozent".

Die Hochschulen betreiben teils großen Aufwand für die Tests. Die Maschinenbauer an der Technischen Universität (TU), nach Studentenzahlen die größte Fakultät, hatten im vergangenen Jahr 1850 Bewerbungen, 1000 ließen sie direkt zu. Immerhin 320 Interessenten wurden zum Bewerbungsgespräch eingeladen, 175 von ihnen zugelassen. Letztlich eingeschrieben haben sich 690 Studenten. Sebastian Biermann, Vorsitzender des TU-Fachschaftenrats, sieht "keine wirkliche Alternative zu Eignungstests". Der Numerus clausus (NC) jedenfalls sei "viel zu undifferenziert".

Die Volkswirte an der LMU müssten sich dann für das Wintersemester überlegen, wie sie den Zugang neu regeln wollen, sagt Dekan Joachim Winter. Das könne der NC sein, aber auch dafür braucht es eine Genehmigung. Aktuell aber bleibt ihnen nichts anderes übrig, als den nun abgesagten Eignungstest online zu stellen. Er ist dann eine Art freiwilliger Selbsttest. Vielleicht, so die Hoffnung, macht ihn der eine oder andere und überlegt sich dann, ob VWL tatsächlich das richtige Fach ist.

© SZ vom 22.01.2014/wib
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