Neue Saison:Das Volkstheater setzt auf Rekorde

NW Durchgang; Neues Volkstheater

Mach auf das Tor! Der Eingang zum neuen Volkstheater spannt einen Bogen über die Gäste des Hauses.

(Foto: Roland Halbe)

16 Premieren, sieben Uraufführungen - Intendant Christian Stückl präsentiert das Programm der ersten Saison im neugebauten Volkstheater.

Von Egbert Tholl

Alles hier ist herrliche Verheißung. Der Biergarten, auch wenn bislang dort nur ein Bäumchen steht, die neue Gastronomie, das "Schmock Minchen", ein wundervoll heller, luftiger Raum. Und natürlich das Theater selbst, das neue Volkstheater im Schlachthofviertel, das am 15. Oktober eröffnet wird, geschaffen nach den Wünschen und Plänen seiner Betreiber, technisch absolut top, große Bühne, mittlere Bühne, Seitenbühne, Hinterbühne, Schreinerei, Montagehalle - alles auf einer Ebene, alles großartig. Intendant Christian Stückl: "Wir haben aufgeschrieben, was wir brauchen, und fast alles bekommen." Im Zeit- und Kostenrahmen. Und, vom Foyer her betrachtet, ist es auch noch einladend schön.

Einen Theaterbau wie diesen gibt es in Deutschland aktuell nur hier

Da schwillt Oberbürgermeister Dieter Reiter zu Recht die Brust, einen Theaterneubau wie diesen gibt es vergleichbar in Deutschland aktuell nur hier; an städtischen Kulturbauinvestitionen kommt ja noch die Isarphilharmonie (Eröffnung am 8. Oktober) und das neue Schwere Reiter (Eröffnung in einer Woche), von den anstehenden Renovierungen - Gasteig, Stadtmuseum - ganz zu schweigen. Was Reiter vor lauter Freude, Stolz, Dankbarkeit und Wahlkampfmodus indes vergisst, ist die Tatsache, dass ein Theater nicht nur ein Gebäude ist. Ja, die Anzahl der Festangestellten wurde von 100 auf 150 erhöht, das Ensemble wächst um sieben Darstellende auf 22. Aber erstens ist das im Vergleich mit anderen Stadttheatern immer noch recht bescheiden, zweitens war das alte Volkstheater personell stets unterbesetzt und drittens, da wird Reiter auf Nachfrage sehr fahrig, braucht man Geld, um Kunst herstellen zu können. Im neuen Haus kann auf den drei Bühnen gleichzeitig vor 900 sitzenden Zuschauern Theater gemacht werden. Marek Wiechers, Stellvertreter des noch urlaubenden Kulturreferenten Anton Biebl, kramt dazu in seinen Papieren und meint, das Referat habe einen Mehrbedarf von neun Millionen für die Kunst und das Drumherum errechnet, im quasipostpandemischen Sparhaushalt bleiben davon vier übrig. Die erste Saison im neuen Haus sei dank Rücklagen gesichert, so Stückl. Was danach passiert, weiß jetzt noch niemand. Aber das Haus ist sehr schön.

Doch vergessen wir die Unbill coronabedingter Sparhaushalte und wenden uns der Kunst zu. Die soll, so die allgemeine Hoffnung, vor 600 Zuschauern auf der großen und 200 auf der mittleren stattfinden können, dazu kommt die kleine Bühne mit 100 Plätzen. Diese entspricht dem alten Nachtkastel; so etwas wie die mittlere, multifunktional und unbestuhlt auch ein Konzertraum, hatte das Volkstheater bislang nicht. Auf der großen Bühne wird Christian Stückl zur Eröffnung am 15. Oktober Christopher Marlowes "Edward II." inszenieren, das Drama des Shakespeare-Zeitgenossen über "einen jungen Mann, der im England des 11. Jahrhunderts König wird, Homosexualität am Hof durchsetzen will und daran scheitert" (Stückl).

Das war's dann erst einmal mit Klassikern; Anfang Januar kommt dann Oscar Wildes "Bunbury" vom neuen Hausregisseur Philipp Arnold, der auch im April Martin Sperrs "Jagdszenen aus Niederbayern" inszenieren wird. Ende März kommt noch in der Regie von Nikolas Darnstädt Schillers "Johanna von Orleans" heraus.

16 Neuproduktionen, sieben davon Uraufführungen, sind geplant

Das Eröffnungswochenende zeigt indes die Bandbreite des neuen Volkstheaters. Am 16. Oktober hat "Unser Fleisch, unser Blut" von Jessica Glause seine Uraufführung, eine Stückentwicklung, Spurensuche in der Nachbarschaft des Schlachthofs inklusive Live-Musik. Tags darauf folgt mit "Gymnasium" eine "Highschool-Oper" in Kooperation mit der Orchesterakademie der Münchner Philharmoniker und dem Landesjugendchor, erfunden von Bonn Park und Ben Roessler. Das "Spielart"-Festival wird mit einer Arbeit von Sankar Venkateswaran zu Gast sein, vom 29. April bis 8. Mai soll "Radikal jung" stattfinden. Und im Mai inszeniert in Kooperation mit der Staatsoper Romeo Castellucci "Koma" von Georg Friedrich Haas - das Volkstheater taugt nun mit der Möglichkeit eines echten Orchestergrabens als Opernbühne. Die Ende Mai auch die Philharmoniker erobern.

16 Neuproduktionen, sieben davon Uraufführungen. Das gab es noch nie am Volkstheater, bislang brachte man dort circa neun Arbeiten pro Saison heraus. Nun gibt es ein Hip-Hop-Projekt, Videokünstler, Sounddesigner und Juli Zeh. Christian Stückl bringt im Dezember deren Roman "Über Menschen" auf die Bühne. Und hofft, dass nach Corona die Besucher wieder in Scharen zurückkommen. Das geht jetzt schon: Am 10. und 11. September finden mit Biergarten, Konzerten und Führungen zwei Tage der offenen Tür statt.

© SZ/arga
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