Süddeutsche Zeitung

Volkshochschule:Hilfe ohne Hürden

Bei der VHS lernen Analphabeten kostenlos lesen und schreiben

Was wollen Sie in Ihrem Leben noch erreichen? Ruza Orkic schaut verlegen auf ihre Hände und streicht dann ihre kurzen Haare nach hinten. "Ich will lesen und schreiben können, das ist mein letzter großer Wunsch." Orkic kam in den Neunzigerjahren nach Deutschland, geboren wurde sie in Bosnien. Sie hat nicht einen Tag ihres Lebens in einer Schule verbracht. Vor 20 Jahren bekam sie die Diagnose Multiple Sklerose. Seitdem sei ihr Alltag mit immer größeren Anstrengungen verbunden. "Und ich vergesse sehr schnell", fügt sie hinzu. Im Fernsehen habe sie oft gesehen, dass sie mit ihrer Leseunfähigkeit nicht alleine ist und dass sie kostenlose Hilfe bekommen kann. "Aber ich habe mich so geschämt", sagt sie.

Seit einigen Monaten kommt Orkic jeden Dienstag und Donnerstag für eineinhalb Stunden in die offene Lernwerkstatt der Münchner Volkshochschule. Hier kann sie kostenlos lesen und schreiben üben und sich mit anderen Teilnehmern über ihre Alltagsschwierigkeiten austauschen. Orkic ist eine von 6,2 Millionen Analphabetinnen und Analphabeten, die laut aktuellen Schätzungen in Deutschland leben. Allein in Bayern dürften es etwa eine Million sein. Dazu zählen nicht nur Menschen, die gar nicht lesen und schreiben können, sondern auch sogenannte funktionelle Analphabeten, die zwar Wörter und Satzteile, aber keine langen oder komplizierten Texte verstehen können.

Das Programm "Alpha+" der Volkshochschule will helfen. Die Kosten übernimmt zu 90 Prozent der Freistaat, die Münchner VHS kann die Kurse deshalb gebührenfrei anbieten. Zusätzlich zu den "Alpha+"-Kursen, die es seit 2015 gibt, können Betroffene zweimal pro Woche ohne verbindliche Anmeldung in die Landwehrstraße kommen, um sich bei Hausaufgaben helfen zu lassen und Gelerntes zu vertiefen. "Die Lernwerkstatt ist flexibler, deshalb wird sie von mehr Menschen angenommen", sagt VHS-Lehrer Josef Sand.

Auch Konchok Palkyi besucht seit einigen Wochen die Lernwerkstatt. 2014 ist sie als Flüchtling aus Tibet nach Deutschland gekommen. Palkyi spricht kein Englisch, nur Tibetisch. Ihr Deutsch ist gebrochen, gerade in ihrer Anfangszeit in München habe sie kaum etwas gesagt. Mittlerweile traue sie sich mehr zu, mit ihren Freunden im buddhistischen Zentrum rede sie oft über ihre Probleme. Nur das Schreiben und Lesen bereite ihr noch große Sorgen. "Ich frage Menschen auf der Straße, wo ich hin muss", sagt die 41-Jährige.

Doch nicht nur Deutsch, sondern auch Fächer wie Mathe, Englisch und Politik werden im Unterricht behandelt. "Es ist wichtig, die Teilnehmer auf die bevorstehende Kommunalwahl vorzubereiten und ihnen eine politische Grundbildung mitzugeben", findet Sand, der 27 Jahre an der Landesschule für Gehörlose gearbeitet hat. Das Lernen mit Analphabeten sei zwar herausfordernd, aber sehr berührend. "Wie eine kleine Familie", beschreibt Lehrkraft Jana Engelhardt die Teilnehmergruppe. Den Unterricht gestalten die beiden "je nach Bedarf". Unterrichtsmaterial auf Grundschulniveau steht ihnen zur Verfügung, außerdem ist an den Computern ein "autonomes Selbstlernen" möglich. Seit einiger Zeit liegen außerdem ein Grundgesetz und eine Europakarte im Unterrichtsraum.

"Das ist sehr praktisch, ich schaue mir die Karte jedes Mal an", sagt Michael Müller. Der 27-Jährige geht offen mit seinen Lese- und Schreibschwierigkeiten um. Müller ist leichter Legastheniker, war auf einer Förderschule und arbeitet jetzt als Landschaftspfleger. Sein Arbeitgeber zeige viel Verständnis, jede Woche werde er vier Stunden für den Kurs freigestellt. Seit drei Jahren besucht er die Alphabetisierungskurse, auf die er durch einen Workshop der VHS aufmerksam wurde. Mittlerweile befindet er sich zwischen Level zwei und drei von insgesamt vier verschiedenen Niveaustufen. Mit der Grammatik tue er sich zwar noch schwer, trotzdem habe er enorme Fortschritte gemacht. "Vor fünf Jahren hätte ich noch gesagt, dass ich mich in meinem Alltag sehr eingeschränkt fühle, jetzt nicht mehr."

In noch einmal fünf Jahren will Michael Müller eine ganze Zeitung lesen können. Fußball und Politik interessiere ihn besonders, manchmal seien die Texte jedoch noch zu lang, zu unverständlich. Palkyi will in fünf Jahren einen deutschen Pass besitzen. Außerdem will sie wieder arbeiten und sich sicher in der deutschen Sprache fühlen. Orkic stört momentan am meisten, dass sie die Formulare beim Arzt nicht verstehen und ausfüllen kann. "Das will ich in fünf Jahren alleine können", sagt sie zuversichtlich.

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Quelle:
SZ vom 11.02.2020
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