Schriftstellerin Volha HapeyevaLaotse als Lotse

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Volha Hapeyeva fand das Buch in einem Antiquariat in Schwabing – und wurde überrascht.
Volha Hapeyeva fand das Buch in einem Antiquariat in Schwabing – und wurde überrascht.
Antje Weber

Die Schriftstellerin, Linguistin und Übersetzerin Volha Hapeyeva schätzt das „Tao Te King“ des chinesischen Philosophen Laotse – für sie ist es ein Werk, das in jeder Lebenslage weiterhilft.

Von Antje Weber

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Von der Schriftstellerin Volha Hapeyeva kann man so einiges lernen – zum Beispiel, wie man am besten Gedichtbände liest. Sie macht das nicht systematisch von vorne nach hinten, sondern schlägt einen Band aufs Geratewohl auf und liest nur einen einzigen Text. „Dieses Spiel mag ich sehr“, sagt sie. Ihr Vorschlag: „Ein Gedicht pro Tag – und mit diesem Gedicht leben.“

Das funktioniert besonders gut bei dem Buch, das dieser Schriftstellerin in dunklen Zeiten Hoffnung gibt. Volha Hapeyeva hat keine einfachen Jahre hinter sich; die belarussische Schriftstellerin, Linguistin und Übersetzerin lebt seit fünf Jahren im Exil. Unter all den Orten, an denen sie seither wohnte, liebt sie München besonders; hier hat sie seit einiger Zeit ihre Basis, auch wenn sie immer wieder ausschwärmt für Stipendien.

Welches Buch ihr Halt gibt? Dieser Schriftstellerin, die in Gedichtbänden wie „Trapezherz“ und Romanen wie „Samota“ die menschliche Existenz auslotet, Exil und auch Einsamkeit beschreibt. Die gerade den neuen Prosaband „Wörterbuch einer Nomadin“ vorbereitet. Und von der es seit einem Kunstprojekt Postkarten gibt, auf denen Sätze stehen wie „jede sprache ist angst / alleine zu bleiben“.

Volha Hapeyeva wählt das „Tao Te King“ von Laotse (es gibt diverse Schreibweisen des Buches wie des Namens), in der englischen Übersetzung Stephen Mitchells, was noch von Bedeutung sein wird. Die Aphorismen des chinesischen Philosophen, der im sechsten Jahrhundert vor Christus gelebt haben soll, sind berühmt und haben den Taoismus (auch: Daoismus) begründet. Das Buch handelt, wie die Übersetzung des Buchtitels in etwa bedeutet, vom Weg, vom Sinn und Leben.

Das „Tao Te Ching“ oder „Tao Te King“ von Laotse (auch zu ihm gibt es diverse Schreibweisen) inspiriert Volha Hapeyeva – insbesondere in der englischen Übersetzung von Stephen Mitchell.
Das „Tao Te Ching“ oder „Tao Te King“ von Laotse (auch zu ihm gibt es diverse Schreibweisen) inspiriert Volha Hapeyeva – insbesondere in der englischen Übersetzung von Stephen Mitchell.
Antje Weber

Volha Hapeyeva fand das Buch in Schwabing in einem Antiquariat. „Ich wusste überhaupt nichts darüber, es war einfach ein schönes Buch“, sie mochte die Ästhetik der Tuschemalerei. Und dann las sie den Text: „Das war wirklich eine Überraschung.“ Es inspiriert sie dabei nicht nur, ein beliebiges Gedicht aufzuschlagen. Man könne es auch „noch spannender machen“ und Fragen stellen, wenn man eine Entscheidung treffen müsse oder verzweifelt sei: „Das ist wie ein Orakel.“

Ein erster Test: Hapeyeva schlägt das Buch auf und landet bei Text 52. Es geht darin unter anderem darum, dass man Frieden findet, wenn man nicht urteilt und sich nicht von Wünschen beherrschen lässt. Und was tun in der Dunkelheit? „Use your own light“, benutze dein eigenes Licht. Es sind aber nicht nur solche Aufrufe zur Achtsamkeit, die Hapeyeva flashen. Sie ist auch von Stephen Mitchell beeindruckt, dem US-amerikanischen Übersetzer: Er habe den im Text aufscheinenden Begriff des „Master“ als Frau interpretiert und mit „she“ markiert – im Gegensatz zu anderen Übersetzern weltweit, die wie selbstverständlich die männliche Form wählten.

Im Chinesischen unterscheide man nicht zwischen männlich und weiblich, „she“ oder „he“, erkläre der Übersetzer im Vorwort. Dank seiner Entscheidung für die weibliche Form „haben wir diesen unglaublichen neuen Einblick, wie man diesen Text lesen kann“, findet Hapeyeva. Mitchell habe selbst jahrelang Zen-Buddhismus studiert und sei vielleicht auch von seiner Frau beeinflusst worden, der Bestsellerautorin und Achtsamkeitslehrerin Katie Byron. Für die Linguistin Hapeyeva, die bereits als Dozentin in Belarus bei ihren Studentinnen merkte, wie sehr diese von einer repressiven Sprache geprägt waren, eine schöne Überraschung: „Deswegen ist dieses Buch für mich so frisch, so unerwartet.“

Natürlich hat sie auch einen Lieblingstext darin, Nummer 2:  Wenn Menschen eine Sache als schön bezeichnen, wirken andere Dinge hässlich, heißt es da; wenn sie manche Dinge gut finden, gelten andere dadurch als schlecht. Die Meisterin dagegen lasse die Dinge kommen und gehen, ohne zu bewerten: Dieser Text wie das ganze Buch ist für Hapeyeva ein Aufruf gegen Schwarz-Weiß-Denken, gegen Hierarchisierungen und für ein anderes Denken. „Master sein“ bedeute nicht, anderen zu erzählen, wie die Welt ist, sondern sich zurückzuhalten. „Das ist mir nah“, sagt sie, „ich will nicht urteilen“. Sie glaube nicht, dass sie mehr wisse als andere: „Jeder von uns hat seinen eigenen Weg.“ Man könne nur versuchen, ein gutes Beispiel zu geben, Vorbild zu sein.

Ein letzter Spontanversuch mit dem „Tao Te King“. Volha Hapeyeva fragt: Was bringt der Herbst? Sie schlägt das Buch auf, landet bei 39. Es geht da um ein harmonisches Zusammenleben aller Kreaturen zwischen Himmel und Erde, um Demut, um die Utopie eines gelingenden Miteinanders. Wenn das nicht hoffen lässt?

In der SZ-Serie „Ein Stück Hoffnung“ empfehlen Künstler aus München und Bayern Werke, die sie optimistisch stimmen.

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