Wenn historische Gebäude wie die Villa Stuck für viel Geld saniert werden, erwartet das Publikum, dass danach alles anders ist. Schließlich will man doch sehen, wo die 14 Millionen Euro in den zurückliegenden eineinhalb Jahren hingekommen sind. Oder?
Von der aktuellen Sanierung der Villa Stuck sieht man aber – fast nichts. Oder zumindest nur wenig. Es handelt sich nämlich um eine, wie es im Verwaltungsdeutsch so unschön heißt, „technische Ertüchtigung“. Würde man hier alles sehen, was gemacht wurde, hätten die Verantwortlichen schlecht geplant. Schließlich soll die erneuerte Sicherheits-, Klima- und Brandschutztechnik ebenso wenig auffallen wie die nun überall verbauten Wlan-Spots. Und von dem barrierefreien Zugang erwartet man, dass er das historische Gesamtensemble nicht brachial unterbricht, sondern sich harmonisch einfügt.
Mit anderen Worten: Der Löwenanteil dieser Sanierung verschwindet optisch. Und doch sieht man einige Veränderungen – man muss nur ein wenig genauer hinschauen.
Denn die Villa Stuck hat sanierungsbedingt immer wieder Veränderungen erlebt. Deshalb nahm man sich vor, neben einer Erneuerung der Technik das Gebäude weitgehend in den historischen Originalzustand zu versetzen. Wo notwendig, wurden Dachfiguren und Fassadenreliefs überarbeitet, restauriert und frisch konserviert, die Fassade und die Wände überarbeitet. Hier spielen Details wie malerische Techniken und Materialien eine Rolle, wie sie der Perfektionist Franz von Stuck einsetzte, um eine lebhafte, ja geradezu delikate Oberflächenstruktur und Farbgebung zu erzielen.
Sammlungsleiterin Margot Brandlhuber, die für die historischen Räume und die Sammlung zuständig ist und die Sanierung sehr aufmerksam begleitet hat, gerät darüber mächtig ins Schwärmen. Da wurde nichts gerollt oder mit fettem Strich zugekleistert. Da musste mit feinsten Pinselchen und Schwämmchen gemalt und getupft werden, damit die bewegte Putzstruktur auch wirklich bewegt blieb, damit das Gelb sich aufs schönste vom Steingrau (so die originale Beschreibung der Farbe) abhebt. Wer sich das genauer anschauen will, sollte einen Blick auf die Wände im Foyer werfen, wo man es auf Augenhöhe betrachten kann.
Dessen Neueinrichtung und die des Cafés fehlen ebenso noch wie Teile der Außenanlagen. Denn der Künstlergarten mit dem barrierefreien Zugang und der Vorgarten müssen nach den ganzen Bau- und Gerüstarbeiten komplett überarbeitet werden. Doch die gärtnerische Vollendung muss bis zum Frühjahr warten, bis die richtige Pflanzzeit gekommen ist. Dafür steht vorm Haus die konservatorisch aufgearbeitete Amazone bereits wieder.

Dass das Gesamtkunstwerk, das Franz von Stuck in den Jahren 1897/98 sowie 1914/15 erbaut hat und das seit 1992 der Stadt München gehört, überhaupt schon wieder angefasst werden musste, mag erstaunen. Schließlich wurde das denkmalgeschützte Gebäude doch erst zwischen 1999 und 2004 generalsaniert. Doch wie man inzwischen überall leidvoll erfahren muss, veralten Klima- und Sicherheitstechnik schneller, als man denkt.
So geschah es auch mit den damals verbauten technischen Anlagen. Nach mehr als 20 Jahren müssen sie ausgetauscht werden, weil sie „am Ende ihrer Gebrauchsfähigkeit angelangt“ sind. Sprich: Für die Klima- und Brandmeldetechnik gibt es oft keine Ersatzteile mehr. Und die sicherheitstechnischen Anforderungen sind inzwischen so gestiegen, dass man vielfach die gewünschten Leihgaben nicht mehr erhält, wenn man die internationalen Standards nicht erfüllt, wie Direktor Michael Buhrs aus Erfahrung berichtet.
Wenn das Haus an diesem Wochenende unter anderem bei der Langen Nacht der Museen seinen ersten Härtetest erlebt, gibt es zum einen zwei Sonderausstellungen zu sehen: „Chicks on Speed. Utopia“ und „Louise Giovanelli. A Song of Ascents“. Zum anderen kann man die historischen Räume erkunden und neue Werke, eine neue Hängung und auch Details einer neuen Ausstattung entdecken. Lieblinge wie der „Wächter des Paradieses“ sind natürlich weiterhin ausgestellt, aber manches hat man aus den Depots geholt. Etwa Frühwerke Stucks wie die „Phantastische Jagd“ und die „Vision des Hl. Hubertus“, zwei düstere Verheißungen, die beide im Speisesaal platziert wurden.

Neu in der Sammlung ist das Porträt einer Mainzerin/Frau Fränkel, das um 1914 entstanden ist, als Vermächtnis einer Münchner Sammlerin in den Bestand kam und nun im Originalrahmen im ehemaligen Boudoir gezeigt wird. Ein Bildnis einer selbstbewusst blickenden Frau in leuchtend violett-blauem Kleid mit Äpfeln in Händen.
Sein besonderes Augenmerk sollte man auf das von Stuck übermalte Barockgemälde „Enthauptung des Johannes“ an der Kaminwand des Empfangssalons richten. Und zwar wegen des leuchtenden Rottons, mit dem Stuck das Bild übermalt hat, indem er der Hauptfigur eine lange rote Strumpfhose überzog. Nicht sehr subtil, aber sehr passend zum Thema.

Mit diesem Rot hat es im Gesamtentwurf eine ganz besondere Bewandtnis: Es entspricht wohl dem gleichen Zinnoberrot, das sich einst in den Vorhängen fand. Diese sind nach einer Rekonstruktion neu entstanden und tauchen jetzt gleich an mehreren Stellen im Erdgeschoss auf. Sie ersetzen die dunkelroten Vorgänger, die man den Räumen 2005 verpasst hatte. Ihr helles Strahlen irritiert im ersten Moment. Aber Margot Brandlhuber ist überzeugt, damit näher denn je am originalen Gesamteindruck der Räume zu sein.
Überhaupt strahlt im Moment vieles etwas heller, besonders das Gold im Musik- und Empfangssalon. Nicht grell, aber intensiver. Zudem will man das schwere Spiegelglas am Fenster über dem Foyer im Empfangssalon leporelloartig halb öffnen, sodass man das wie eine Ziehharmonika gefaltete Element stärker wahrnimmt. Auch im Vestibül leuchten das Weiß der Wände und das Gold der Ornamente um die Wette und bringen die Skulpturen und Reliefs noch mehr zur Wirkung.

Aber nochmal zurück nach draußen. Wer sich früher schon mal gefragt hat, was sich hinter den großen Toren im Garten verbirgt: Da waren die Garagen, über denen sich die Chauffeurwohnung befand mit anschließendem Dienstbotentrakt, wo bei der vorherigen Sanierung die Mitarbeiterbüros des Museums untergebracht wurden. Denn Stuck war, so weiß es Margot Brandlhuber zu erzählen, „einer der frühen Automobilisten in München“. Sie stieß auf ein Foto von 1905, auf dem er mit dem deutsch-britischen Maler, Filmemacher und Schriftsteller Hubert von Herkomer zu sehen ist, der als Wegbereiter des Automobilsports in Deutschland gilt. Und nicht nur Franz, auch seine Frau Mary von Stuck war autobegeistert. In alten Zulassungslisten war hinter Marys Name Nr. 10 eingetragen. Ein Hinweis, laut Brandlhuber, dass sie die zehnte Frau war, die in München einen Führerschein besaß. Damals noch eine Sensation.
Diese Automobilitätsbegeisterung hätte sich auch in der Anlage der Villa niederschlagen sollen. Pläne von 1914 zeigen, wie Stuck den historischen Teil über den Garten und die Garageneinfahrt mit dem neuen Atelier verbinden wollte. Für die Wegeführung des neu geschaffenen barrierefreien Eingangs von der Ismaninger Straße her, hat man sich auf die alten Pläne bezogen. Wenn im Frühjahr auch draußen alles fertig ist, wird das Gesamtkunstwerk Villa Stuck historisch noch genauer und rundum in schönstem Glanz erstrahlen – auch wenn man nicht alles auf den ersten Blick sieht.

